SOLA SCRIPTURA – ALLEIN DIE SCHRIFT
PREDIGT AM SONNTAG, DEN 19.MÄRZ 2017 (OKULI)
IN DER EVANGELISCHEN JOHANNISKIRCHE IN LAUF


Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Liebe Gemeinde!

„Okuli, da kommen sie!“ Von meiner Mutter habe ich diesen Satz als Kind immer wieder gehört. Im Frühjahr, dann wenn sich der Sonntag Okuli im Kirchenjahr genaht hat. Die Zugvögel seien damit gemeint, so hat sie dem wissbegierig Nachfragenden erklärt.

Ich weiß heute, dass es noch etwas anders ist. Okuli, da kommen sie – dieser Satz stammt aus der Welt der Jäger und bezieht sich auf die Schnepfen. „Laetare, das ist das Wahre!“, so geht diese Spruchweisheit weiter. Und „an Judika sind sie auch noch da!“

Die, die zu ihnen kommen an einigen der Sonntage der diesjährigen Passionszeit, das sind hoffentlich keine Schnepfen. Sondern Fastenprediger und Fastenpredigerin. Und ihnen soll, so die Erwartung, durchaus so etwas wie die Quadratur des Kreises gelingen.

Eine Fastenpredigt soll ich heute also halten. Und dabei zugleich das sola scriptura der Reformation bedenken. Einen biblischen Bezug müsste die Predigt haben. Und zugleich eine Zeitansage, eine Öffnung des Horizontes zur Zukunft ermöglichen. Ich will schauen, was mir davon gelingt. Und ich freue mich sehr, dass ich diesen Versuch heute bei ihnen und mit ihnen unternehmen kann.

Manchmal sind wir nicht gefeit vor verkehrten Welten. Da hat ein bekannter Theologie-Professor schon vor einigen Jahren dem sola scriptura dem Abschied gegeben. Es habe sich gezeigt, so scheibt der Theologe, dass an dem Sola-Scriptura-Prinzip „eigentlich keiner mehr festhalten kann.“ Biblische Texte ließen sich doch so „verbiegen“, dass sie am Ende nur das Wunschdenken derer bestätigen, die einen Text auslegen. Und im Übrigen habe gerade die Botschaft, die sich dem Bezug auf die eine Bibel verdankt, im Reformationsjahrhundert die Einheit der Kirche nicht bewahren können. Die Suche nach dem einen befreienden Wort helfe nicht mehr wirklich weiter

Und während der Theologe zweifelt, habe ich in der vergangenen Woche im Interview eines säkularen Neurobiologen ganz anderes gehört. Was Menschen heute unbedingt brauchen, so der Wissenschaftler Joachim Bauer, das sei eben ein zusprechendes und freisprechendes Wort. Wenn ich einem Menschen zusage, dass er seinen unveräußerlichen Wert hat, dass er dazugehört und dass er etwas kann, dann wird das seine positive Wirkung nicht verfehlen. In der Sprache der Lesung aus Jesaja 55: Dieses zugesprochene Wort wird nicht „leer zurückkehren“.

Dass ein Kirchenmann der Schrift allein nicht mehr traut – und dass ein Wissenschaftler solche Wahrheiten für unverzichtbar hält – das sind, so scheint’s verkehrte Welten. Verkehrte Welten, die aber womöglich ganz gut passen in eine Gegenwart, in der eine vermeintliche Sicherheit nach der anderen derzeit wegzubrechen droht.

Aber jetzt doch noch einmal der Reihe nach und vom vorne. Sola scriptura – das ist einer der vier Themensätze, mit denen Menschen schon lange die Anliegen der Reformation auf den Punkt bringen. Allein aus Glauben, allein aus Gnaden, allein durch Christus – und eben auch: allein durch die Schrift – in lateinisch: sola scriptura.

Die Zusammenstellung dieser vier Sätze ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Aber jeder dieser Sätze lässt sich einzeln schon bei den Reformatoren – und insbesondere bei Martin Luther - nachweisen. Dies gilt auch für das Leitmotto der heutigen Predigt – eben das sola scriptura. Die „Königin“ über alle Sätze des Glaubens sein sie; der „Probierstein aller Lehre“.

Dass es auf die Schrift, auf die Bibel allein ankommt – das ist nicht einfach ein frommer Satz. Und nicht so selbstverständlich, wie es zunächst den Anschein hat.

Dieser Satz ist zugleich auch eine antikatholische Polemik aus dem Reformationsjahrhundert. Dieser Satz ist die Antwort auf die Frage: Wo finde ich meine grundsätzliche Orientierung im Leben? Die Gegenthese zur Überzeugung des sola scriptura – die lautet: In der Bibel und in der kirchlichen Tradition. In der Bibel und in den die Bibel auslegenden Sätzen der Lehrer der Kirche. Gemeint sind: Die Kirchenväter und die großen Theologen. Die Päpste und die Konzilien. Aber auch die eigenen Überlegungen und Erfahrungen. Kurz gesagt: In der Bibel und in dem, was Menschen an Einsichten gewonnen und abgeleitet haben.

Das sola scriptura der Reformatoren setzt dem ein unübersehbares Haltesignal dagegen. Die Bibel genügt, haben sie gesagt. Sie braucht keine Ergänzung, damit wir erfahren, wie Gott den Menschen gemeint hat. Und wie Gott selber zu verstehen ist.

Ich glaube auch, dass das als Antwort heute nicht mehr ausreicht. Und dass wir einen zweiten Anlauf brauchen. Aber vorher möchte ich ihnen eine Verschnaufpause gönnen. Und sie zum Singen einladen. Die Melodie ist ihnen bekannt. Und weil ich kein Lied gefunden habe, das so richtig zum sola scriptura-Thema passet, habe ich den Text selber beigesteuert.

Das Lied vom Wort, das Leben lässt
(Melodie „Ein feste Burg ist unser Gott“)

Ein neues Lied in mir entspringt,
von Lasten, weggenommen.
Du musst nicht! Nein: Du darfst! Es singt
von Freiheit, längst gekommen,
im Wort, das mir träumt,
das Raum gibt und räumt
zur Seite, was mir
den Atem nimmt, und dir.
Ganz neu bin ich geworden!

In Bild und Buch, in Klang und Ton
lässt sich dies Wort vernehmen.
Es richt’ mich aus, und seh’ ich schon
der Zukunft schwere Themen,
find’ ich festen Halt,
wag’ ohne Gewalt
den Schritt hin zum Du,
lass’ Böses nicht mehr zu.
Die Welt ist neu geworden!


Woraus schöpfen wir die grundlegende Orientierung für unseren Glauben? Wie sieht das denn bei uns Evangelischen ganz konkret aus? Gut, die Päpste und Konzilsbeschlüsse nutzen wir für unsere Bibellektüre wohl eher weniger – obwohl sich auch viele von uns Evangelischen über die erfrischende Art von Papst Franziskus freuen. Und die Beschlüsse der ersten altkirchlichen Konzilien sind auch für uns verbindlich. Vor allen anderen das Bekenntnis zur Gottheit Christi, das im Jahre 325 in Nicaea beschlossen wurde.

Nein, es ist keineswegs so, dass wir darauf vertrauen, dass sich die Bibel selber auslegt, wie Martin Luther das gesagt hat.

Es gibt einiges, was mir da auffällt und was gegen die These Martin Luthers spricht.:

Viele Texte der Bibel spielen für uns gar keine Rolle, sie werden zumindest nie gepredigt. Und manche Texte sind so voller Gewalt, dass es schwer ist, daraus eine gute Nachricht abzuleiten – etwa, wenn im Krieg alles, was lebt, ob Mensch, ob Tier umgebracht werden sollen. So verliert Saul verliert seine Königswürde, weil er diesem Befehl Gottes nicht nachkommt.

Es gibt auch bei uns sehr unterschiedliche theologische Traditionen. Innerhalb der eigenen Kirche. Und dass alle Evangelischen miteinander Abendmahl feiern dürfen, das gibt es so auch erst seit gut vierzig Jahren. Obwohl sich ja alle auf dieselbe Bibel berufen.

Oft verwenden wir die Bibel wie einen theologischen Steinbruch. Wir haben unsere Vorlieben, theologisch, aber auch politisch. Und wir finden dann dazu schnell die passenden biblischen Belegstellen.

Und natürlich gibt es weitere, außerbiblische Texte, die auch für uns Evangelische eine große Rolle spielen. Das sind vor allem die sogenannten Bekenntnisschriften, die Katechismen und Bekenntnisse aus der Reformationszeit. Luthers Kleiner und Großer Katechismus. Genauso wie das Augsburger Bekenntnis. Für Unierte aus Baden wie mich gehört da auch der Heidelberger Katechismus dazu.

Ganz so einfach ist das heute also nicht mehr mit dem Auseinanderhalten der beiden Positionen: evangelisch: allein die Schrift, katholisch: eben Schrift und Tradition.

Erschwerend kommt dazu noch dazu: Unsere Art, die Bibel zu lesen und zu verstehen, ist selber Teil der Tradition. Ob wörtlich, ob fundamentalistisch, ob eher historisch-kritisch, wie andere Texte auch – das führt dann sehr wohl zu sehr unterschiedlichen Positionen. Und nicht wenige davon sind sehr zeitgebunden. In der Friedensdebatte haben wir das erlebt. Oder beim unterschiedlichen Umgang der Kirchen mit Menschen in eingetragener Lebenspartnerschaft. Irgendwie reicht es also nicht aus, einfach auf das sola scriptura zu setzen.

Wir Evangelischen haben deshalb schnell eine neue Unterscheidung eingeführt. Die Bibel, so sagen die Theologen, das sei die grundlegende Norm. Alles andere seien abgeleitete Normen. Das ist klug gedacht. Aber manchmal haben die abgeleiteten Normen mehr Gewicht als die grundlegende Norm. Was heißt das dann für die Gültigkeit des sola scriptura?

Ich denke, es ist gut, wir singen noch einmal eine Strophe des Liedes. Dann will ich noch einen weiteren Zugang wagen. Aus der Bibel. Ganz im Sinne des sola scriptura der Reformation. Aber hoffentlich auch tauglich für die Gegenwart.

Lied „Vom Wort, das leben lässt“: Strophe 3:

Aus Menschenmund trifft mich dies Wort
und kann doch ohne Grenzen
in deiner Ökumene Ort,
die Suchenden beglänzen
mit Zuspruch und Kraft,
die Neues erschafft,
sagt: Mir bist du recht!
Halt dich nur nicht für schlecht,
bist durch Gott neu geworden!


Wir haben vorhin eine Lesung gehört. Die Worte aus Jesaja 55. Dieser Text bietet einen eigenen Zugang an. Hier legt sich die Bibel tatsächlich selber aus. Auch hier geht es um eine grundsätzliche Unterscheidung. Nicht um eine Unterscheidung zwischen grundlegenden und abgeleiteten Normen.

Nein! Es geht um unser Denken und um Gottes Denken. Um unsere Wege und Gottes Wege. Es geht um den Unterschied zwischen Himmel und Erde: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege! Vielmehr gilt: So viel der Himmel höher ist als die Erde, so ist auch mein Denken von eurem Denken unterschieden.

Es geht also um einen grundlegenden Unterschied. Menschen-Wort. Und Gottes-Wort. Dieser Unterschied lässt sich nicht einfach an Formalem festmachen. Ob ein Wort zu Gottes Wort wird, das kann ich nicht einfach machen. Das kann ich nicht einfach an Äußerlichkeiten sehen. Es hängt von der Bedeutung ab, die es für mich hat. Es hängt von seiner Wirkung ab.

Es hängt davon ab, ob es aufgeht. Oder ob es „leer zurückkommt“ – wie es in der Lesung aus Jesaja 55 geheißen hat. Und da kann mir wahrhaftig manches Wort zum Gotteswort werden. Nicht nur Worte aus der Bibel.

Da lese ich einen Satz. Da höre ich ein Lied. Da spricht mir ein Mensch etwas zu. Und plötzlich wird dieser Mensch für mich zum Engel. Und ein Wort reißt mir den Horizont auf. Und mein Leben erscheint mir plötzlich in einem ganz anderen Licht. Weil ein Wort mein Leben neu deutet. Und ihm eine neue Richtung weist.

Und trotzdem ist das sola scriptura nicht ausgehebelt. Und ist es nicht aufgehoben. Weil all das, was in der Bibel an Erfahrung festgehalten wird, unserem grundsätzlichen Zugriff entzogen ist. Erst knapp einhundert Jahre nach Christi Geburt liegt die Liste der alttestamentlichen Schriften fest. Die Liste der Schriften, die zum Neuen Testament gehören, wird sogar erst im vierten Jahrhundert endgültig beschlossen.

Manche Texte bleiben für mich stumm. Oder ich finde keinen Zugang zu ihnen. Für manche gilt das vielleicht ein Leben lang. Aber der Kanon, wie man diese Listen mit allen biblischen Büchern nennt, der Kanon steht. Aber er steht nicht zur Disposition. Wenn mir alles wegbricht, wenn der Horizont eng bleibt, dann habe ich diese Texte immer noch. Die Psalmen. Die Geschichten von Flucht und neuer Heimatfindung der Israeliten. Die Aufforderungen, Gerechtigkeit zu üben. Und dem Fremden Schutz zu gewähren.

Und all das, was mich am Alten Testament fasziniert, findet im Neuen Fortsetzung und Auslegung. Es ist die Bibel, die Juden und Christen nicht voneinander loskommen lässt. Nicht einmal nach Auschwitz. Und es ist das erste Gebot, es ist Bekenntnis zu einem Gott, es ist die bleibende Bedeutung Abrahams, die dafür sorgt, dass uns auch der Islam nicht gleichgültig sein kann.

Wo wir dem sola scriptura Raum geben, hat nicht nur unser eigener Glaube ein festes Fundament. Da kann ich mich in meinem Gottesglauben auch wagen. Da kann ich auch Spannungen aushalten. Unterschiedliche Sichtweisen ertragen. Die Pluralität der Bibel macht die Pluralitäten unseres Glaubens nicht nur erträglich. Sie macht sie überhaupt erst möglich.

Darin also ist die Bibel gewissermaßen einzigartig. Sie ist meinen eigenen Erfahrungen weit voraus. Zeitlich. Inhaltlich. Und auch theologisch. Im Blick auf die Gottes-Intensität. Weil die Bibel näher an der Quelle ist. Sola scriptura also doch. Aber das nimmt dem nicht an Wahrheit weg, was mir als Wahrheit begegnet. Ohne dass andere das immer genau so sehen.

Weil ich vor allem andern ernten kann. Und einem anderen das Säen überlasse. Und dieses Säen geschieht nicht selten durch Menschen. Dieses Säen geschieht am Ende auch durch mich. Es geschieht durch jeden und jede von ihnen. Dieses Säen wird tun, was Gott gefällt, und ihm wird gelingen, was Gott mir ihm im Sinn hat.

Doch dass es diesen Unterschied gibt, zwischen dem, was in meiner Verantwortung liegt, und dem, was sich mir entzieht, das ist der Grund für das sola scriptura. Das ist der Grund, der mich leben lässt.

Und darum zum Schluss auch noch ein Wort, das diese Predigt zur Fastenpredigt macht. Fasten – das meint sich auf das wirklich Nötige zu konzentrieren. Fasten – das meint, in der Vielfalt des Lebens danach zu schauen, was unverzichtbar ist. Sieben Wochen lang üben das derzeit viele Menschen. In der Fastenaktion „Sieben Wochen ohne sofort!“

Die Fastenbotschaft des sola scriptura heißt also: Bei der Suche nach Orientierung nach dem tragenden Grund fragen. Nach Worten, die mich leben lassen. Nach Texten, die mich nähren. Nach dem Suchen, was mir in aller Vielgestaltigkeit Kriterien der Wahrheit bietet.

Nur drei Wege führen hier am Ende weiter: Die eigene Erfahrung. Das wegweisende Wort der Menschen an meiner Seite. Und das Wort, in dem Gott selber mir Weg und Richtung weist.

Wenn alles ins Wanken kommt, bleibt doch nicht alles vergeblich. Verkehrte Welten habe ich eingangs gesagt. Verkehre Welten gibt es immer wieder. Und immer wieder tun sie uns sogar gut. Wenn’s zuviel wird, bleibt immer noch das sola scriptura. Da bleiben die Worte anderer, die ich mir leihen kann. Und aus denen Gott mich leben lässt.

Unser Leben bleibt bewahrt. Bewahrt bei Gott – wie verkehrt die Welten auch sein mögen. Und noch einmal kommt mir die eingangs zitierte Spruchweisheit der Jäger in den Sinn. Die endet nämlich mit dem dringlichen Appell im Blick auf den Sonntag – eine Woche nach Ostern: „Quasimodogeniti – halt, Jäger, halt, da brüten sie!“ Wenn Gott also schon den Schnepfen am Ende eine Schonzeit gewährt wird – warum soll Gott es bei uns Menschen anders machen?! Amen.

Lied „Vom Wort, das leben lässt“: Strophen 4 und 5

Dein Wort trifft mich in Vielgestalt
und bleibt für Deutung offen.
Was heut noch gilt, ist morgen alt.
Im Wandel mich lässt hoffen
die Suche nach dir.
Gott, du zeigst dich mir
in menschlichem Sein,
im Fest mit Brot und Wein.
Neu bist du mir geworden!

Sola scriptura! - nur allein
das Wort der Schrift soll gelten!
Es lässt in seinem Anderssein
durchscheinen Gottes Welten
in unsere Zeit,
und macht mich bereit
ganz fest zu vertrau’n
dem, der schon jetzt lässt schau’n
was einst noch werden könnte!



Traugott Schächtele

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