PREDIGT ÜBER JESAJA 58,7-14A
IM GOTTESDIENST ANLÄSSLICH 25 JAHRE PHILIPPUSKIRCHE
AM SONNTAG, DEN 1. OKTOBER 2017
(ERNTEDEANK)
IN KARLSRUHE


Liebe Gemeinde!

Zuallererst natürlich: herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag ihrer Philippuskirche. Schön, dass sie dieses silberne Jubiläum als Anlass für ein Fest nehmen. Schön ist es auch, dass sie dieses Fest am Erntedanksonntag feiern. So wie schon die Einweihung vor 25 Jahren am Erntedanksonntag 1992.

Der Dank als Grundstimmung für diesen heutigen Gottesdienst und für den heutigen Sonntag, der Dank sowohl für diese Philippuskirche als auch der Erntedank – für mich passt beides sehr schön zusammen. Danken ist ja etwas anderes, als etwas entgegennehmen, was einem zusteht. Dankbar bin ich doch, weil ich sehr wohl weiß, dass alles auch ganz anders hätte kommen können, weil nichts selbstverständlich ist. Dies gilt für unser Essen – wenn ich nur daran denke, dass die Mehrzahl der Menschen auf diesem Planeten davon nicht genug hat.

Dass alles auch ganz anders kommen könnte, das gilt aber auch für unsere Kirchen. Es ist gut, dass wir sie haben. Aber wir müssen immer wieder neu begründen, warum das so nötig und wichtig ist. Ein Jubiläum, und sei’s auch nur der 25. Geburtstag, bietet dazu eine willkommene Gelegenheit.

Dabei hat der Dank es derzeit alles andere als leicht. Die Grundstimmung ist von anderem geprägt. Alles scheint wie aus den Fugen. Weltweit, wenn ich nur an Konflikt zwischen den USA und Nord-Korea denke. Aber auch an die letzten Tage in unserer Region, wenn ein Mensch damit droht, Lebensmittel zu vergiften – nur um Geld zu erpressen. Die Welt stellt uns jeden Tag neu vor allergrößten Herausforderungen - im Großen wie im Kleinen. Und – ehrlich gesagt - vieles davon wächst uns über den Kopf.

Gleich mehrfach habe ich in letzter Zeit eine Frage gehört, die dieses Gefühl der Überforderung in die Worte fasst: „Wann wird das Leben endlich wieder richtig einfach?“

Eine kleine Schule des einfachen Lebens – das wäre doch ein passendes Geburtstagsgeschenk für diesen heutigen Tag, denke ich. Wegweisungen, wie das Leben wieder einfach – oder zumindest einfacher – werden wird. Und ich stelle mir vor, ich bringe ein schön aufgemachtes Bündel von Blättern mit. Auf denen stehen Hilfestellungen und Empfehlungen, wie es wieder einfacher werden könnte.

Ganz vorne, auf dem Titelblatt steht das Motto dieses Jubiläumssonntages. Es lautet: „... dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Auf dem ersten Blatt dahinter ist der Predigttext für diesen Erntedanksonntag abgedruckt. Und aus ihm stammt ja das Motto, das auf dem Deckblatt steht. Ich lese aus Jesaja 58 die Verse 7-12:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Vorsichtig lege ich das Blatt mit dem Predigttext zurück in den Stapel Auf dem nächsten Blatt steht als Überschrift: Wegweisung 1! Und ich ergänze: „Der Prophet!“

„Wann wird das Leben endlich wieder einfach?“ Die verschleppten Israeliten haben sich das auch schon gefragt. Im sechsten Jahrhundert vor Christus. Nach 50 Jahren Leben in der Fremde. Rückkehr – so hat lange ihr Zauberwort gelautet. Rückkehr in die Heimat. Dann wird das Leben wieder einfach.

Die Bilder, die sich den Rückkehrenden bieten, sind trist. In ihren verlassenen Häusern wohnen andere Menschen. Die Äcker liegen brach. Sind verkommen und verwahrlost. Vom Tempel ist nur noch eine Ruine übrig. Gar nichts ist einfach!

Doch dann kommt einer, der klarstellt, woran es liegt. Ein Prophet Gottes. Der Prophet macht den Menschen Mut. Aber er nimmt die Menschen auch in die Pflicht. Wo die irdische Gerechtigkeit leidet, kommt auch die himmlische aus dem Lot. Im Namen Gottes ruft er ihnen zu: „Nicht auf die rechten Opfer kommt es an. Sondern darauf, dass es bei euch gerecht zugeht.“

Der Prophet stellt den Menschen ihre Mitmenschen vor Augen. Er fordert ein Programm der radikalen sozialen Gerechtigkeit: „Gib frei, wer unter Unterdrückung leidet. Brich dem Hungrigen dein Brot: Und die ohne ein festes Dach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn. Entzieh dich nicht der Verantwortung für deine Mitmenschen!“

Der gefüllte Magen des Nächsten, sein Dach über dem Kopf – er ist wichtiger als die korrekte Tempelliturgie. „Wer nicht für die Hungrigen schreit, darf auch keine Psalmen im Tempel singen.“ So könnte man die Worte des Propheten zusammenfassen. So einfach ist das - bei Gott. Gerechtigkeit – konkrete, irdische Gerechtigkeit - das ist also das erste. Und das Wichtigste. Und ich ergänze auf dem Blatt mit der Wegweisung 1 hinter „Der „Prophet“: „Irdische Gerechtigkeit!“ Und setze ein dickes Ausrufezeichen dahinter!

Ich nehme ein neues Blatt, Wegweisung 2 schreibe ich darauf und ergänze: „Martin Luther“. „Wann wird das Leben endlich wieder richtig einfach?“ Auch Martin Luther hat diese Frage umgetrieben. In diesen Wochen steht die Erinnerung an ihn ja sehr im Mittelpunkt. Manchmal so sehr, dass zumindest wir Pfarrerinnen und Pfarrer manchmal meinen, nach dem 31. Oktober könne das Leben nur noch einfacher werden.

Es war die Frage, wie Gott gerecht ist und wie Gott uns Menschen gerecht macht, die Luther umgetrieben hat. Im Blick auf die Antwort, die er findet, schreibt Luther: „Da fühlte ich, dass ich geradezu neugeboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war.“ Luthers große Entdeckung, das war die Einsicht: Ich bin Gott recht. Von Anfang an. Allein aus Gnade! So einfach war das am Ende. Und ich ergänze auf dem Blatt hinter „Martin Luther“: „Ich bin Gott recht! Allein aus Gnade!“

Auf das nächste Blatt schreibe ich Wegweisung 3 – und dahinter „Erntedank“! Wann wird das Leben wieder richtig einfach? Heute, so scheint’s mir – heute könnte das Leben wieder einmal richtig einfach sein! Sonntagvormittag. Gottesdienst. Eine wunderschön geschmückte Kirche. Blumen. Früchte des Feldes. Getreide. Obst. Säfte. Dazu das, was mehr als alles andere Zeichen dafür ist, dass wir genug zum Leben haben: Brot und Wein.

Nicht ohne Grund ist das Erntedankfest eines der schönsten Feste im Kirchenjahr. Und von allen Festen vielleicht das elementarste und am leichtesten zu verstehende. Das Erntedankfest ist ein einfaches Fest. Es erklärt sich selbst. Es braucht dazu keinen Akt des Glaubens wie an Weihnachten oder Ostern. Es braucht dazu kein Bekenntnis zu einer besonderen Religion. Denn Erntedank wird überall gefeiert. Und schon so lange gefeiert, wie es Menschen gibt.

So beginnt die Kulturgeschichte der Menschheit zusammen mit der Geschichte der Religion und des Gottesglaubens. Geben und Nehmen. Empfangen und Weitergeben. Und eben auch. Säen und Ernten. Und diese Geschichte setzt sich fort durch Jahrhunderte und Jahrtausende. Sie entfaltet sich auf dem Hintergrund des wichtigsten Wissens, das die Menschheit erworben hat. Des Wissens darum, dass wir uns verdanken. Diese Einsicht will ich festhalten in meiner Kleinen Schule des einfachen Lebens. Und ich ergänze hinter „Erntedank“: „Ich verdanke mich!“

Ich nehme ein neues Blatt und schreibe Wegweisung 4: „Unsere Kirche!“ „Wann wird das Leben endlich wieder richtig einfach?“ Menschen fragen sich das in der Kirche. Und sie wenden sich mit ihrer Frage an Gott. Die Kirche, so hoffen sie, die Kirche soll ein Ort sein, an dem es einfach ist. An dem nicht nur Fragen gestellt werden, sondern an dem sie auch Antworten finden. Keine banalen Ratschläge, sondern Hinweise, wie es noch einmal ganz anders gehen könnte.

Ganz einfach ist es in der Kirche. Oder könnte es zumindest sein. Und ich lege ein Extra-Blatt in meinen Geschenk-Ordner. Auf ihm stehen wenige Sätze des bekannten Theologen Fulbert Steffensky. Er schreibt: „Ich möchte, dass wir schätzen lernen, was wir an dieser zersausten und im Augenblick von allen Füchsen gerupften Kirche haben. Die Kirche als Ort des öffentlichen Gedächtnisses, die Kirche als Ort der alten Visionen, die Kirche als der Ort der verfemten Worte, Barmherzigkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Gnade, Vergebung, Trost, Zorn über Unrecht, Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive der Opfer. Wo gibt es einen Ort in unserer Gesellschaft, an dem diese Begriffe zusammenkommen und wo geübt wird, sie zu denken?“

Dieser Ort Kirche – er ist nicht nur ein virtueller Ort. Er ist ein ganz konkreter Ort – aus Holz und Stein. Mit Mauern und einem schützenden Dach. Mit Sonnenkollektoren und einladenden Räumen der Begegnung. Diese Philippuskirche ist ein solcher Ort. Seit 25 Jahren. Ein Ort ist sie, wo Menschen willkommen sind mit ihrer Sehnsucht nach Leben. Auch der nach dem einfachen Leben. Das lasst uns feiern an diesem Erntedanksonntag 2017. Und ich ergänze hinter „Unsere Kirche“: „Ort und Wort der Barmherzigkeit!“

Ich nehme einen weiteren Bogen. Und schreibe Wegweisung 5 darauf. Und dahinter „Neue Namen“. Denn der Bibeltext fordert nicht nur auf zum Einsatz für Gerechtigkeit. Mit einem Mal sprengt die Ankündigung des Propheten die vertrauten Muster. Und spricht mitten hinein in unsere Gegenwart. Sie tut dies mit einem wunderbaren Bild. Für mich einem der schönsten Bilder der Bibel überhaupt. Die, die sich nicht abfinden mit der ins Schieflage geratenen Gerechtigkeit, die bekommen einen Namen. Einen sprechenden Namen. Sie heißen: „Die die Lücken zumauern und die Wege ausbessern, dass man da wohnen könne.“

Dieser Name könnte unser aller Name sein. Ja er müsste unser aller Name sein! Die Lücken zuzumauern und die Wege auszubessern – das ist zuerst denen aufgetragen, die aus dem Exil zurückkehren. Denen, die das zerstörte Jerusalem und die Ruinen des Tempels vor Augen haben.

Aber die, „die die Lücken zumauern und die Wege ausbessern, dass man da wohnen könne“ - das könnten, ja das müssten am Ende wir alle sein. Dann, wenn es wieder einfach wird. Aber nicht so, dass uns erspart wird, selber Hand anzulegen. Die Rückkehr ins Paradies führt über holprige Straßen. Und geht durch zerbrochene Mauern. Sie führt durch die Ruinen der Fehlinvestitionen unseres Lebens. Und durch zerborstene Träume.

Doch keine Investition geht am Ende ins Leere. Und kein Traum ist vergeblich geträumt. Auch bei den Themen, die uns über alle Maßen herausfordern. Und ich ergänze hinter „Neue Namen!“: „Für uns alle!“

Auf dem nächsten Blatt steht Wegweisung 6: „Ergänzung!“ „Wann wird das Leben endlich wieder richtig einfach?“ Dem Predigttext für diesen Sonntag haben die Auswähler am Ende eine unsinnige Vollbremsung verordnet – schade eigentlich. Denn der Text geht über das vorhin Gehörte weiter. Ich lese:

Wenn du deinen Fuß am Sabbat zurückhältst und nicht deinen Geschäften nachgehst an meinem heiligen Tage und den Sabbat »Lust« nennst und den heiligen Tag des HERRN »Geehrt«; wenn du ihn dadurch ehrst, dass du nicht deine Gänge machst und nicht deine Geschäfte treibst und kein leeres Geschwätz redest, dann wirst du deine Lust haben am Herrn.

Das ist kein Versuch, am Ende der Predigt jetzt auch noch für die Sonntagsheiligung zu werben – obwohl auch die unser Leben einfacher machen könnte. Nein, ich verstehe diese Verse in einem viel weiteren Horizont.

Ich verstehe sie als einen mutigen Apell für einen immer wieder neu zu vollziehenden Ausstieg aus den eingefahrenen Geleisen und den vertrauten Routinen des Lebens. Auch aus denen der Religion. Generalpausen – sie machen alles wirklich einfacher. Nicht nur in der Musik. Auch in unserem Glauben. Und in unserem Handeln.

Abstand gewinnen. Zur Ruhe kommen. Immer wieder neu den Blick justieren – gerade den Blick auf die, die sonst leicht aus dem Blick geraten – der beste Weg ist das, damit das Leben wieder einfach wird. „Lust“ soll dieser Tag heißen – und „Geehrt“! Damit wir tags darauf wieder Lücken zumauern und Wege ausbessern können. Damit dieses Leben erträglich bleibt. Und ich füge hinter „Ergänzung“ das Wort „Sabbat!“ ein.

Das siebte Blatt ist das letzte: Nicht Wegweisung steht darauf, sondern „Ehrliches Eingeständnis“. Wann wird das Leben endlich wieder richtig einfach? Ehrlich gesagt, ganz genau weiß es auch nicht. Es sind ja noch genügend Risse in den Mauern und Löcher in den Straßen übrig. Herausfordernd und nicht selten überfordernd kommt uns das Leben allzu oft entgegen.

Doch dass wir nicht zugrunde gehen an den vielen Überforderungen des Lebens, das ist uns zugesagt. Und dafür braucht es eine Kirche wie diese. Dafür braucht es den Glauben, der in dieser Kirche gelebt und gefeiert wird. Es braucht den Glauben, dass immer wieder ein anderer für uns in die Bresche springt. Und in die Lücken unseres Lebens tritt. Und uns so den Weg ins Paradies eröffnet.

Wir bleiben hineinverwoben in die Geschichte Gottes mit seiner Welt und mit uns Menschen. Weil Gott uns einen neuen Namen gibt. Weil Gott uns Orte finden lässt, an denen wir seine Gegenwart spüren und feiern – wie diese Philippuskirche. Weil Gott uns in Brot und Wein von seiner Fülle kosten lässt. Schon jetzt. In dieser Kirche. Seit 25 Jahren. Einfach so.

Und ich lege ganz hinten schnell noch ein Blatt ein mit dem Lied „Lasst uns den Weg der Gerechtigkeit geh’n“, binde meinen Geburtstags-Ordner zusammen - und sage: Amen. – Und das Lied, das singen wir jetzt auch gleich alle miteinander.


Traugott Schächtele

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