„AUFRUHR IM HIMMEL“
FRAUEN DER REFORMATION: CARITAS PIRCKHEIMER
PREDIGT IM GOTTESDIENST
AM SONNTAG, DEN 8. OKTOBER 2017 (17. S.N.TR.)
IN DER HEILIGGEISTKIRCHE IN HEIDELBERG


Liebe Gemeinde!
Aufruhr im Himmel! Aufruhr in der Abteilung „Reformatorisch Gesinnte“. Lautstarkes Stimmengewirr an der großen Tür, über der steht: „Frauen der Reformation.“ Katharina von Bora steht wie ein Baum unter der Tür und versperrt den Durchgang. Hinter ihr ist, wie eine herbeigerufene Unterstützung, Argula von Grumbach zu sehen.

Vor der Tür eine eindrückliche Frau, die mit klarer Stimme um Einlass bittet. Einen Besuch möchte sie machen. Zu Philipp Melanchthon möchte sie geführt werden. „Mein Name ist Caritas Pirckheimer! Philipp und ich – wir kennen uns. Wir teilen denselben Glauben. Fast jedenfalls!“ „Nein!“ faucht ihr die Stimme Katharinas entgegen. Und noch einmal: „Nein! Du gehörst nicht zu uns. Du bist nie evangelisch geworden. Unsere Pfarrer hast du als Beichtväter abgelehnt. Hier kommst du niemals durch!“ „Und ich habe genug von dir gehört, als ich in Nürnberg war!“ Das Echo kam von Argula von Grumbach.

Wer ist diese Frau, der man noch im Himmel zum Vorwurf macht, sie sei niemals evangelisch gewesen? Oder zumindest evangelisch geworden? Wer ist Caritas Pirckheimer? Um sie soll’s gehen in dieser Predigt. Um ihr Evangelisch-Sein, das sie tatsächlich nie aus der katholischen Kirche herausgeführt hat. Caritas Pirckheimer – dennoch: eine Frau der Reformation! Eine Frau, der wir trauen und der wir folgen können. Eine reformatorisch Gesinnte ganz eigener Art!

Ich will dem Leben, das mir gegeben, / mit Herz und Sinnen nachspür’n; beginnen / dem, was in mir liegt, ganz fest zu vertrau’n. / Ich will neu sehen, die Schritte jetzt gehen / auf deinen Wegen und unter dem Segen, / der mich begleitet. Auf dich will ich bau’n.

Montag, 27. Juni 2016! Ich fahre nach Nürnberg zu einer Tagung. Tagungsort die dortige katholische Akademie. Ihr Name: Caritas-Pirckheimer-Haus. Ich habe den Namen zwar schon gehört, kann ihn aber nicht wirklich einordnen. Neben der Akademie liegt die St. Klarakirche. In der Kirche entdecke ich das Grab von Caritas Pirckheimer. Seit 1960 liegt sie erst dort. Man hatte ihre Gebeine auf dem nahegelegen Friedhof entdeckt.

Ich begebe mich auf Spurensuche. Und ich werde schneller und ausgiebiger fündig als ich zunächst gedacht habe. Eine Kollegin hat gerade einen Aufsatz über Caritas Pirckheimer veröffentlicht, den sie mir zukommen lässt.

Seitdem begegnet sie mir überall. Im Radio. Im Fernsehen. In der Literatur. Caritas Pirckheimer – eine Frau der Reformation, die nie evangelisch geworden ist. Gerade deshalb ist sie so interessant. Gerade deshalb gibt sie zu denken. „Denkwürdigkeiten“ – so ist auch eine Quellen-Sammlung mit Texten von Caritas betitelt. Eben weil sie zu denken gibt – bis heute!

Jetzt aber der Reihe nach. Als sie am 21. März 1467 geboren wird, erhält sie nach ihrer Mutter den Namen Barbara. Sie ist die älteste Tochter des angesehenen Juristen Johannes Pirckheimer. Die Pirckheimers gehören zu den politisch einflussreichen und gebildeten Familien in Nürnberg. Doch erst einmal wächst sie in Eichstätt auf. Der Vater gehört zu den Mitarbeitern des dortigen Bischofs.

Die Kinder sollen humanistisch gebildet werden und in freiem Geist erzogen, das ist dem Vater wichtig. Ob Sohn oder Tochter, da macht er keinen Unterschied. Deshalb sollen sie in Nürnberg die Schule besuchen. Mit zwölf Jahren kommt sie in die Schule des Klara-Klosters in Nürnberg. Vor allem in Latein übertrifft sie alle anderen. Sie kommuniziert mit dem Generalvikar ganz selbstverständlich in fließendem Latein – dem Vater gefällt’s. Und die Oberin kann nur staunen.

Die Klosterschule ist für Barbara der einzig richtige Ort. Andere müssen ins Kloster, damit sie versorgt sind. Das ist nicht ihr Problem. Sie will ins Kloster, weil sie als Mädchen nur dort die Bildung erhalten kann, die sie sich selber so sehr wünscht. Die alten Sprachen. Die griechischen Philosophen. humanistische Bildung überhaupt. Die Klosterschule wird für sie zum unverzichtbaren Lernort.

Aus dem Lernort der Klosterschule wird schon bald der Lebensort Kloster. Mit 16, manche sagen mit 18, lässt sie sich einkleiden. Barbara Pirckheimer wird Nonne. Und sie gibt sich einen Neuen Namen. Sie heißt jetzt Caritas Pirckheimer. Caritas, Liebe – das ist ein großes Lebensprogramm. Immer wieder hat sie Skrupel, ob sie diesem Namen gerecht wird. Wie Martin Luther, der lange auch nicht weiß, ob er Gott recht ist. Ich heiße Caritas nur dem Namen nach, sagt sie, als sie wieder einmal ins Zweifeln kommt, nicht der Sache nach.

Die Schwestern sehen das zum Glück anders. 1503 wird Caritas die neue Äbtissin. Und sie trägt ihren Namen zurecht. Eine junge Novizin scheibt an ihren Vater: Ich habe eine getreue, freundliche, liebe, würdige Mutter an ihr – mehr denn ich sagen oder schreiben kann. Kein Zweifel: Caritas macht schnell Karriere. Sie ist als humanistisch gebildete Gesprächspartnerin geschätzt. Steht im Briefwechsel nicht nur mit Erasmus von Rotterdam und Albrecht Dürer – doch ihr ist die Bibel wichtiger als die klassische Literatur. Auch hier steht sie Luther näher als viele andere.

Sie ahnt das nicht. Im Jahre 1524 schreibt sie, es sei zwar keine Sintflut gekommen, aber viel Trübsal, Angst, Not und hernach Blutverhießen durch die neue Lehre der Lutherei! Die Auseinandersetzung mit der Lutherei – das wird ihr Lebensthema. Caritas Pirckheimer ahnt nicht, wie nahe sie theologisch der Lutherei steht – sie ist in Anspruch genommen, sich gegen diese zur Wehr zu setzen. Caritas Pirckheimer ist eine Frau der Reformation – auch wenn sie unter der erst einmal heftig zu leiden hat.

Wo ich geschunden, will ich gesunden / an Leib und Seele, dass mir nichts fehle, / was meinem Leben fest Halt gibt und Grund. / Ich will jetzt fragen, will mutiger wagen, / neu zu gestalten, wo Kräfte noch walten, / die nur vertrauen vergangener Stund’.

Aufruhr in Nürnberg. Aufruhr in der Stadt, die sich schnell und gründlich wie kaum eine andere zur Vorzeigestadt der Reformation entwickeln will. Im Frühjahr 1525 setzen die Stadtoberen ein öffentliches Streitgespräch an zwischen den Altgläubigen, wie man die Katholiken nennt, und den reformatorisch Gesinnten.

Der Ausgang des Gesprächs verwundert nicht. Für einen Ausgleich ist es längst zu spät. Die Stadt bekennt sich zur Reformation. Und sie will deshalb alle Klöster schließen. Die Bedingungen sind klar und eindeutig. Die Ratsherren fordern von den Mönchen und Nonnen, dass ihr Päpste, Konzilien, Väter, Tradition, Gebräuche, Gewohnheit, alt Hergekommenes und was des Dings auf dem Wort Gottes nicht gegründet ist, ruhen lasst.

Caritas denkt nicht daran, dieser Aufforderung Gehorsam zu leisten. Dem für das Kloster zuständigen Mitarbeiter bei der Stadt, dem sogenannten Pfleger sagt sie: Ihr begehrt von mir, dass ich die Schwestern anhalten und weisen soll zu den Dingen, die wider mein Gewissen sind. Das werde ich nicht tun, um keines Menschen Gunst oder Furcht willen.

Man entzieht den Klarissen ihre franziskanischen Beichtväter. Sie dürfen keine neuen Schwestern mehr in ihren Konvent aufnehmen. Kein Priester darf mehr ins Kloster, , der mit ihnen Eucharistie feiert und die Beichte abnehmen kann. Caritas und die Schwestern können damit leben. Das Wort Gottes kann man innen schließlich nicht wegnehmen. Caritas schreibt in einem Brief an ihren Schwager: Wir haben das Alte und Neue Testament hier innen wie Ihr draußen, le-sen es Tag und Nacht, im Chor, bei Tisch, lateinisch und deutsch, in der Gemeinde und eine jede wie sie will. Darum haben wir durch Gottes Gnaden keinen Mangel am heiligen Evangelium und an Paulus.

Lutherisch gesinnte Pfarrer, die man den Schwestern stattdessen schicken will, lehnen diese brüsk ab. Der Grund dafür ist aber nicht etwa ein Widerspruch in theologischen Anschauungen. Caritas Pirckheimer lehrt und denkt unglaublich christusorientiert. So schreibt sie im Blick auf die Rechtfertigung: Das Leiden Christi ist unsere Gerechtigkeit und gar nicht unsere Werke, denn wir wissen wohl, dass aus den Werken niemand gerechtfertigt wird, sondern allein aus dem Glauben, denn hätten wir durch unsere Werke können selig werden, so wäre der Herr Christus vergebens für uns gestorben.

Diesen und viele ähnliche Sätze lassen sich, teilweise bis in die Formulierung ähnlich, auch bei Martin Luther finden. Das ist kein Zufall. Martin und Caritas sind beide ganz entscheidend von Johann von Staupitz geprägt. Caritas hat ihn wohl selber auch in Nürnberg gehört. Vor allem hat sie Kontakt zu seinen Anhängern in der Stadt.

Caritas vertritt ganz entschieden eine eigene Variante der Zwei-Reiche-Lehre. Der Rat, so Caritas, kann den Schwestern nur in äußeren, irdischen Dingen befehlen. In geistlichen Dingen aber hat er keine Macht über sie. Zu den geistlichen Dingen rechnet sie ihr Ordensgelübde. Sie fühlt sich ihrem Gewissen gegenüber daran gebunden. Dies sei eine Entscheidung in der Freiheit des Glaubens.

Caritas kennt Luthers Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen. Zentrale Sätze aus ihr haben wir vorhin als Lesung gehört. Caritas und Martin – sie bekennen sich beide zur Freiheit, die im Glauben an Christus wurzelt. Aber sie kommen am Ende zu unterschiedlichen Konsequenzen. Caritas schreibt: Da ja der Geist frei und ungezwungen sein will und muss, auch niemand gedrungen wird in der Weltlichkeit einem Herrn zu dienen, der ihm nicht gefällt, (...)wieviel mehr geziemt es sich dann, den Geist in den geistlichen Dingen ungenötigt und frei zu lassen… !

Der Konflikt verläuft nicht geräuschlos. Drei Eltern holen ihre Töchter mit Gewalt aus dem Kloster. Eine Schwester verlässt die Gemeinschaft aus freien Stücken. Alle anderen bleiben. Sie bleiben, bis die letzte Schwester stirbt.

Freiheit aus Glauben und die Unversehrtheit des Gewissens – das sind die Schlüsselworte der reformatorischen Theologie der Caritas Pirckheimer.

Frei kann ich glauben, dem Bösen rauben / sein lähmend’ Wesen. In neuen Thesen / sprech’ ich von dem, der die Kirche bewegt. / Will frei bezeugen, mich nie wieder beugen / ängstlichem Sorgen, genieße den Morgen / den Gott mir heut’ in mein Leben gelegt.

Kein Aufruhr im Himmel! Wenn es denn einer war, fällt er in sich zusammen. Philipp Melanchthon erscheint. Und Katherina wird gleich milder. Bruder Philippus, diese Frau hat nach dir gerufen. Wir haben sie abgewiesen, weil sie nicht nach unserer Lehre glaubt. Und sie hat ihr Klostergelübde nicht aufgeben wollen wie viele der Frauen hier, fügt Argula hinzu.

Philippus geht strahlend auf Caritas zu. Es ist eine Weile her, dass wir uns getroffen haben, sagt er. Es muss wohl 1525 gewesen sein. Natürlich hat Philippus recht. Willibald, der Bruder von Caritas hat dieses Gespräch vermittelt.

Auf den ersten Blick könnte der Gegensatz nicht größer sein. Hier die fast 60jährige, lebenserfahrene und konflikterprobte Nonne. Da der gerade 25jährige Jung-Star der Theologie, der kongeniale Mitreformator und Freund Martin Luthers. Hier die scheinbar renitente katholische Äbtissin, dort der Vordenker der Reformation.

Überraschend ist, was Caritas über das Gespräch berichtet: Wir concordierten zu beider Seiten in allen Punkten, denn allein der Gelübde halber konnten wir nicht eins werden: Er meinet ja, sie bünden nicht; … so meinet ich, was man Gott gelobet hätte, wäre man schuldig zu halten mit seiner Hilf. Er war bescheidener mit seiner Red’ denn ich noch keinen Lutherischen gehört hab; es war ihm sehr zuwider, daß man die Leut’ mit Gewalt nötigt. Er schied mit guter Freundschaft von uns.

Caritas und Philipp – sie halten fest, dass sie theologisch auf einer Linie liegen. Nur was das Ordensgelübde angeht, sind sie verschiedener Meinung. Für Philippus verdunkelt das Festhalten am Gelübde die Freiheit der Taufe. Für Caritas schützt das Festhalten am Gelübde die Integrität des Gewissens.

Das Gespräch bleibt nicht ohne Folgen. Der Rat der Stadt hebt zwar den Entzug der geistlichen Begleitung der Schwestern nicht auf. Aber er verzichtet auf Dauer darauf, das Kloster mit Gewalt zu schließen.

Du bist auch eine Frau der Reformation!, sagt Philippus zu Caritas. Worüber wir nicht übereingestimmt haben, damals, bei unserem Gespräch, ob das Ordensgelübde aus Gewissensgründen zu halten sei oder nicht, das spielt hier ohnedies keine Rolle mehr. Im Himmel gibt es keine Gelübde.

Und er führt Caritas hinein in den Raum, über dessen Tür zu lesen ist: Frauen der Reformation. Dass Katharina leicht ihr Gesicht verzieht, wird ihm nicht entgangen sein. Aber Philippus geht mit ihr weiter. Nimmt sie mit in einen anderen Raum, in die Abteilung Evangelische Reformatorinnen.„Da gehörst du eigentlich hin!, sagt er zu Caritas. Evangelisch oder katholisch, das bedeutet hier nichts. Aber dass du deinem Gewissen gefolgt bist – dass du eingestanden bist für dessen Freiheit und dass du andere mitgenommen hast auf diesen Weg – das zeichnet dich aus vor allen anderen. Aber jetzt komm, Bruder Martin wartet schon auf uns. Er will dich auch kennenlernen.

Das muss der Himmel sein!, denkt Caritas bei sich. Weil Gott am Ende alles zurecht rückt. Und alle Mauern zusammen fallen, über die wir zeitlebens vergeblich hindurch- und hinübergewollt haben. Wenn die auf der Erde nur auch wüssten, dass die künstlichen Mauern nur dem Leben im Weg stehen. Die Mauern der Religionen. Die Mauern der Konfessionen. Die Mauern zwischen reich und arm. Die Mauern zwischen den Geschlechtern. Die Mauern unterschiedlicher Weisen, das Leben zu gestalten.

Dem Geistlichen müssten sie im Leben mehr Raum geben. Im anderen Menschen die Schwester sehen und den Bruder. Oder einfach nur einen Mitmenschen. Weniger auf Macht müssten sie setzen. Und mehr auf Überzeugung und Einsicht.

Philipp!, sagt sie mit einem Mal. Ich muss nochmal auf die Erde. Ich kann sie doch nicht leben lassen auf unterschiedlichen Seiten einer Wahrheit! Für dich ist es dazu zu spät!, sagt Philipp. Aber ich glaube, die sind gerade dabei, das selber zu merken. Und sie haben ja auch noch deine Merkwürdigkeiten.

Schau, in Nürnberg haben die Katholiken ihr Haus nach dir benannt. Und die Evangelischen fangen an, deine Schriften zu lesen. Die, die die Einheit der Kirche wollen, werden den Aufruhr gegen die Gralshüter überkommener Grenzen nicht scheuen. Da unten braucht’s uns nicht mehr. Die feiern sogar schon die Reformation miteinander. Und wer weiß, bald auch schon das Abendmahl.“Und mit Caritas hoffe auch, dass der liebe Gott all diese Sätze und Wünsche gehört hat. In seinem Himmel kann’s doch gar nicht anders sein. Amen.

Vom Paradiese träum ich und fließe / in neues Werden. Mitten auf Erden / schafft deine Schöpfung im Wandel sich Raum. / Grenzen zu schieben, den Nächsten zu lieben, /bin ich berufen, und steig’ meine Stufen, / zu neuen Höhen und leb’ meinen Traum!

Anmerkung: Die integrierten Liedstrophen werden auf die Melodie EG 449 „Die güldne Sonne“ gesungen, der Text stammt von mir.

Traugott Schächtele

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