SOLA SCRIPTURA
PREDIGT IM ÖKUMENSICHEN GOTTESDIENST
ANLÄSSLICH DES GEDENKENS AN 500 JAHRE REFORMATION
AM DIENSTAG, DEN 31. OKTOBER 2017 IN BAMMENTAL/SCHRIESHEIM


Liebe Gemeinde!

„Evangelischsein ist nichts Besonderes, sondern etwas Bestimmtes!“ An diesen Satz des Theologen Richard Schröder habe ich denken müssen bei der Lesung, die wir vorhin für diesen Festgottesdienst zum Gedenken an 500 Jahre Reformation gehört haben. „Evangelischsein ist nichts Besonderes, sondern etwas Bestimmtes!“ Evangelisch sein beschreibt das, was wir eine Konfession nennen. Eine bestimmte Art zu glauben in der weltweiten Kirche Jesu Christi.

„Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.“ Um Bekennen geht es da im zentralen Satz der Lesung. Bekennen heißt im Lateinischen confessi. Und von diesem Wort confessi ist das deutsche Wort Konfession abgeleitet. Konfessionen sind also Bekenntnisgemeinschaften. Und als Bekenntnisgemeinschaft auch Kirche. Bekenntnisgemeinschaft sind sie um der Möglichkeit der Unterscheidung willen. Aber Kirche zugleich immer in Gemeinschaft mit allen, die auch Kirche sind.

Diese Klarstellung muss allem Feiern und allem Predigen an diesem heutigen 31. Oktober 1517 vorausgehen. 500 Jahre Reformation! 500 Jahre Evangelischsein – verstanden als das, was unser Kirchesein in besonderer Weise prägt und bestimmt. 500 Jahre Evangelischsein - einer der ganz großen Gedenkanlässe dieser Zeit. Und wir alle sind Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. In ökumenischer Verbundenheit. Das haben wir anderen Generationen voraus.

Seit dem Jahr 2007 wurde dieses Reformations-Gedenkjahr vorbereitet. Jedes Jahr hatte seitdem sein eigenes Thema. Sie erinnern sich sicher: Jahr der Taufe und Jahr der Kirchenmusik. Reformation und Bildung. Reformation und Toleranz. Reformation und die Bedeutung der Bilder.

Das vergangene Jahr war überall geprägt von vielen Veranstaltungen: Gottesdienste, Vorträge, Ausstellungen, Konzerte. Und die meisten dieser Veranstaltungen waren nicht nur von ökumenischem Geist getragen, viele wurden auch ökumenisch verantwortet. (Und es ist ein ermutigendes Zeichen der Gemeinschaft in der einen Kirche Jesu Christi und in unserem gemeinsamen Glauben, dass wir auch diesen Festgottesdienst in ökumenischer Verbundenheit miteinander feiern.)

Was bleibt nach diesem Jahr und nach diesem heutigen Tag der festlichen Erinnerung? Was ist das zentrale Thema, das wir der Welt und der Gemeinschaft der weltweit Glaubenden mitgeben wollen auf dem Weg in die Zukunft?

Ein Zugang zu den zentralen Themen der Reformation lässt sich auf verschiedenen Wegen finden. Ich will’s heute mit einem Zugang wagen, den viele Menschen in besondere Weise mit dem Protestantismus verbinden. Die Kirche des Wortes sei die evangelische Kirche in besonderer Weise, sagen viele. Wie Luther das gemeint hat und ob das genügt, darum soll’s gehen in dieser Predigt. Und darum soll dem sola scriptura heute das Augenmerk dieser Predigt gelten – der Aufforderung Martin Luthers, allein dem Wort zu vertrauen.

Ich bleibe dabei nicht allein. Drei Menschen will ich befragen, was es denn nun auf sich hat mit diesem Prinzip des sola scriptura, des allein die Schrift!

Und natürlich gebührt Martin Luther das erste Wort. „Lieber Bruder Martin!“, frage ich ihn. „Was meinst du denn genau, wenn du darauf abhebst, um vor Gott bestehen zu können, käme es „allein auf die Schrift“ an?“

Martinus muss nicht lange nachdenken. Hören wir ihm zu. „Die Schrift – das meint natürlich die Bibel. Sie ist die Königin über alle Sätze des Glaubens“, so beginnt er. „Sie ist der Probierstein des Glaubens“. Nur was vor ihr Bestand hat, hat für unseren Glauben Bedeutung.“ Ich unterbreche ihn: „Aber die Bibel hatte die Kirche damals doch auch schon. Gut, es gab sie nicht in deutscher Sprache – oder fast nicht. Und die wenigsten konnten Latein. Aber ohne die Bibel ist die Kirche doch auch zu deiner Zeit nicht gewesen?“

„Das stimmt!“, entgegnet Martin. „Aber es kommt auf das allein an. Neben der Bibel gab es noch vieles, viel zu vieles, was den Glauben der Kirche bestimmt hat. Die Texte der Kirchenväter. Die Beschlüsse der Konzilien. Die Verlautbarungen der Päpste. Unmengen theologische Bücher, manche ganz gelehrt und voller Goldkörner der Wahrheit. Andere voller Lehren, die in der Bibel keinen Anhalt haben.“

Ich unterbreche Martinus nicht gern. Aber ich muss noch einmal nachfragen: „Ist das heute denn anders? Gerade Deine Kirche, lieber Bruder Martin, ist doch getrennt in viele Kirchen und Richtungen. Lutherisch, reformiert, uniert, charismatisch, evangelikal. Und die einen halten diese Bücher für wichtig, und die anderem hängen jenem Prediger an. Die einen singen gregorianisch, die anderen Lobpreislieder. Wenn du recht hättest, dass es nur allein auf die Schrift ankommt, dann hätten wir doch nur eine einzige Kirche.“

Jetzt ist es Martin, der mich unterbricht: „Also dass sich jemand lutherisch nennt, daran bin ich nicht schuld. Das habe ich immer unterbinden wollen. Darum habe ich von evangelisch gesprochen. Auf mich kommt’s doch nicht an. Mich werden dereinst die Maden und Würmer genauso zerfressen wie die anderen auch.

Und dass es Bücher gibt, die die Gläubigen gerne lesen, und Lieder, die sie gerne singen, das ist wahrhaftig nicht von Schaden. Nur dass diese Bücher die Botschaft der Bibel weitersagen, dass sie ihre Botschaft zu Gehör und zum Klingen bringen, darauf kommt’s an. Sie müssen sich halt an der Bibel messen lassen.

Deshalb will ich, dass alle Kinder zur Schule gehen sollen. Sie müssen lernen, die Bibel selber zu lesen. Und sie müssen kundig darin sein, die Predigten der Pfarrer recht zu beurteilen.

Auf welche Melodien sie ihre Lieder singen und mit welchen Worten sie ihren Glauben zum Ausdruck bringen, darin hat Gott ein weites Herz.“

Martin ist in seinem Element. Aber ich will ihn einstweilen etwas zur Ruhe kommen lassen. Und sie auch. Bevor wir einen weiteren Zeugen befragen, dürfen sie erst einmal singen. Und weil Martin uns ermutigt hat, auch neue Lieder zu wagen, habe ich einen neuen Text auf die Melodie von „Ein feste Burg“ geschrieben. Ich lade sie ein, jetzt die erste Strophe miteinander zu singen:

- Lied vom Wort: Strophe 1 -

Jetzt habe ich einen zweiten Gesprächspartner. Professor der Theologie wie Martin Luther auch. Oder genauer noch: Eine Professorin der Theologie. Sie soll uns erklären, was das aus heutiger Sicht bedeutet: sola scriptura – allein die Schrift.

Zuallererst frage ich sie, wie Luther denn dazu stehen würde, dass sie als Frau Theologie unterrichtet. Schließlich steht bei Paulus doch zu lesen, dass Frauen in der Kirche zu schweigen hätten.

„Da sind wir schon mitten im Thema!“, sagt sie. „Wir beziehen uns alle auf die Bibel. Stimmen dem sola scriptura zu. Und dann haben die einen Pfarrerinnen und die anderen nicht. Da sind die Frauen in der Kirche heute unverzichtbar. Und nach Paulus müssen sie doch schweigen.

Sehen sie“, fährt sie fort, „die Schrift bedarf immer der Auslegung. Und da sind die Frauen nicht wegzudenken. Schon bei der Auferstehung Jesu war das so. Die ersten Botinnen des „Er ist auferstanden“ – das waren doch Frauen. Stellen sie sich vor, die Frauen hätten damals das Schweigen gewahrt! Als Mann und Frau hat Gott doch die Menschen erschaffen. Und nicht als solche, die reden dürfen, und als solche, die schweigen.

Auslegung der Schrift, das heißt dann, nach dem Sinn der Sätze fragen. Nicht willkürlich geht das, sondern im Vertrauen, dass Gottes Geist auch zum rechten Verstehen führt. Und was vor 2000 Jahren in Übung war, kann heute das Gegenteil bewirken. Darum waren Luther die alten Sprachen so wichtig. Wir müssen die Texte befragen können. Und müssen in der Lage sein, ihre Antworte recht zu verstehen.

Und die Grundbotschaft der Bibel und praktische Ratschläge, die den Geist ihrer Zeit atmen, die geraten manchmal auch in Widerspruch. Beim Schweigen der Frauen in der Gemeinde ist das etwa so. Bei vielen anderen Texten übrigens auch. Deshalb hat Luther immer danach gefragt, „was Christum treibet“ – das war gewissermaßen eine Art Auslegungsprinzip. Und er hat nicht gezögert, einen Brief des Neuen Testaments, den er für eine „stroherne Epistel gehalten hat, nämlich den Jakobusbrief, einfach in der Reihenfolge der biblischen Schriften nach hinten zu schieben.“

Ich frage nach: „Ist das denn kein Widerspruch zum sola scriptura? Kommt’s also doch nicht allein auf die Schrift an?“ Die Professorin fährt fort: „Also diese vier Leitsätze der Reformation: Allein aus Gnade, allein aus Glauben, allein Christus und eben auch allein die Schrift – die haben erst Theologen des 19. Jahrhunderts so zusammengestellt. Das war nicht Luther selber.

Dir Menschen haben’s eben gern, wenn sie alles in knappen Sätzen beschreiben können. 140 Zeichen müssen im Extremfall für zentrale Botschaften ausreichen. Leider ist das manchmal doch etwas zu wenig.

Aber noch einmal zum sola scriptura: Luther hat diesen Gedanken nicht nur als frommen Satz geäußert. Und - ehrlich gesagt - auch nicht ganz ohne polemische Absicht. Der Satz war im 16. Jahrhundert gegen die damals sogenannten „Altgläubigen“ gerichtet.

Die Gegenthese zur Überzeugung des sola scriptura – die hat damals lautet: Orientierung für mein Leben – die finde ich in der Bibel und in der kirchlichen Tradition. Kurz gesagt: In der Bibel und in dem, was Menschen selber an Einsichten gewonnen und abgeleitet haben.

Das sola scriptura der Reformatoren versucht, dieses Verhältnis von Schrift und Tradition neu zu bestimmen. Neu auszutarieren. Die Bibel genügt, haben sie gesagt. Sie braucht keine Ergänzung, damit wir erfahren, wie Gott den Menschen gemeint hat. Und wie Gott selber zu verstehen ist. Aber wir sind auf Worte angewiesen, die die Bedeutung der Bibel für uns verstehbar machen. Und zum Leuchten bringen. Womöglich müssen wir die Antwort der Reformatoren heute neu durchbuchstabieren. Und in neue Worte fassen.“

Ich bedanke mich. Und bevor es weitergeht, lade ich sie wieder zum Singen ein. Wir singen jetzt die zweite Strophe.

- Lied vom Wort: Strophe 2 -

Bleibt noch unser dritter Gesprächspartner. Ich nenne ihn einfach den kritischen Zeitgenossen. Auch ihn frage ich nach dem, was das sola scriptura für ihn bedeutet. „Zunächst fällt mir auf“, beginnt er, „ dass viele Texte der Bibel bei euch gar nicht mehr vorkommen. Und nur die wenigsten kommen auch in euren Predigten in den Blick.

Das Alte Testament kommt gegenüber dem Neuen viel zu kurz. Auch wenn manche Texte dort auch mir große Mühe machen. Weil es da um Vorschriften geht, die heute doch keine Rolle spielen. Oder weil Menschen, die doch so einiges auf dem Kerbholz haben, ganz schön gut davon kommen. Wenn ich nur an David und Salomo und ihre Frauengeschichten denke. Oder an manche Texte, die so voll sind von Gewalt, dass es schwer ist, daraus eine gute Nachricht abzuleiten.

Es gibt auch bei euch sehr unterschiedliche theologische Traditionen. Gerade auch innerhalb eurer eigenen Kirche. Und dass alle Evangelischen miteinander Abendmahl feiern dürfen, das gibt es so auch erst seit gut vierzig Jahren. Obwohl sich ja alle auf dieselbe Bibel berufen.

Oft verwendet ihr die Bibel wie einen theologischen Steinbruch. Ihr alle habt da eure Vorlieben, theologisch, aber auch politisch. Und ihr finden dann dazu schnell die passenden biblischen Belegstellen.

Und natürlich gibt es weitere, außerbiblische Texte, die auch für euch Evangelische eine große Rolle spielen. Das sind vor allem die sogenannten Bekenntnisschriften, die Katechismen und Bekenntnisse aus der Reformationszeit. Das Augsburger Bekenntnis. - Luthers Kleiner Katechismus. Oder auch der Heidelberger Katechismus, dessen 450. Geburtstag ihr vor vier Jahren gefeiert habt. Daneben habt ihr eine nicht mehr zu überschauende Zahl von theologischen Büchern. Ich weiß nicht einmal, ob der liebe Gott die alle kennt.

Ganz so einfach ist das heute also nicht mehr mit dem Auseinanderhalten der beiden Positionen: allein die Schrift die einen. Schrift und Tradition die anderen.

Erschwerend kommt dann noch hinzu: Eure Art, die Bibel zu lesen und zu verstehen, ist doch selber Teil einer langen Tradition. Ob wörtlich, ob fundamentalistisch, ob eher historisch-kritisch, wie andere Texte auch – das führt dann sehr wohl zu sehr unterschiedlichen Positionen. Und nicht wenige davon sind sehr zeitgebunden. In der Friedensdebatte könnt ihr das erleben. Beim Thema Gentechnik. Oder beim unterschiedlichen Umgang eurer Kirchen mit Menschen in eingetragener Lebenspartnerschaft.

Ihr müsst euch schleunigst etwas überlegen, wenn das sola scriptura auch heute noch für die Menschen und ihren Glauben von Bedeutung bleiben soll.“

Ganz Unrecht hat er nicht, dieser kritische Zeitgenosse, denke ich. Aber bevor ich selber noch etwa s dazu sagen will, erst einmal noch eine weitere Strophe:

- Lied vom Wort: Strophe 3 -

Alle drei Gesprächspartner geben mir zu denken! Unverzichtbar ist das sola scriptura auch heute noch, denke ich. Auch noch nach 500 Jahren. Aber manche Texte bleiben auch für mich stumm. Oder ich finde keinen Zugang zu ihnen. Für manche gilt das vielleicht ein Leben lang. Aber wenn mir alles wegbricht, dann habe ich diese Texte immer noch. Die Psalmen. Die Geschichten von Flucht und neuer Heimatfindung der Israeliten. Die Aufforderungen, Gerechtigkeit zu üben. Und dem Fremden Schutz zu gewähren.

Und all das, was mich am Alten Testament fasziniert, findet im Neuen Fortsetzung und Auslegung. Ohne das Alte Testament kann ich das Neue nicht verstehen. Verstehe ich vor allem nicht, was es heißt, Jesus aus Nazareth als Christus zu bekennen. Es ist die Bibel, die Juden und Christen nicht voneinander loskommen lässt. Nicht einmal nach Auschwitz. Und es ist das erste Gebot, es ist Bekenntnis zu einem Gott, es ist die bleibende Bedeutung Abrahams, die dafür sorgt, dass uns auch der Islam nicht gleichgültig sein kann.

Wo ich dem sola scriptura Raum gebe, da hat mein Glaube ein festes Fundament. Da kann ich mich in meinem Gottesglauben auch wagen. Da kann ich auch Spannungen aushalten. Unterschiedliche Sichtweisen ertragen. Die Pluralität der Bibel macht die Pluralitäten unseres Glaubens nicht nur erträglich. Sie macht sie überhaupt erst möglich.

Darin also ist die Bibel gewissermaßen einzigartig. Sie ist meinen eigenen Erfahrungen weit voraus. Zeitlich. Inhaltlich. Theologisch. Auch im Blick auf die Gottes-Intensität. Weil ich mit der Bibel näher an der Quelle bin. Sola scriptura also doch. Dass es diesen Unterschied gibt, zwischen dem, was in meiner Verantwortung liegt, und dem, was sich mir entzieht, das ist der Grund für das sola scriptura. Das ist der Grund, der mich leben lässt.

Das können wir von den Reformatoren bis heute lernen. Auch noch nach 500 Jahren.

- Lied vom Wort: Strophe 4+5 -


Traugott Schächtele

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