PREDIGT
ÜBER MATTHÄUS 12,33-37
AM MITTWOCH, DEN 22. NOVEMBER 2017
(BUSS- UND BETTAG)
IN DER ALTSTADTKIRCHE IN PFORZHEIM


Liebe Gemeinde!

Streit ist gut! Und Streit ist auch ein gutes Motto für diesen Gottesdienst am Buß- und Bettag 2017. Streit nicht verstanden als ein sinnloses Gezanke und als egoistisches Querulantentum nur um auf sich aufmerksam zu machen oder um mehr Macht zu erhalten. Solch einen am Ende unproduktiven Streit haben wir in den letzten Tagen ja erlebt.

Ich verstehe unter Streit eine engagierte Form der Klärung von unterschiedlichen Positionen. Und zugleich eine grundlegende Voraussetzung, um sich auf den Weg in die Zukunft machen zu können. So verstanden ist Streit unverzichtbar. Auch unvermeidbar. Und auf gar keinen Fall unchristlich!

Streit! Das ist das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade. Streit! Mit einem kräftigen Ausrufezeichen dahinter. Am Buß- und Bettag geht die Ökumenische Friedensdekade traditionell zu Ende. Zur Streitbarkeit hat sie die Menschen aufgerufen. Zur Streitbarkeit gegenüber allen, die mit einfachen Parolen und falschen Wahrheiten die Fundamente unseres Zusammenlebens zerstören wollen. Zum Streit mit allen, die es immer schon gewusst haben wollen und die nur auf die Lösungen von gestern setzen.

Nein – Streit meint, ich lasse mich auf den anstrengenden und emotional aufwühlenden Prozess ein, meine Position mit den Positionen anderer in Beziehung zu setzen – um mich danach – und am besten gemeinsam mit anderen auf einen neuen Weg in die Zukunft zu machen. So verstanden, ist Streit die Voraussetzung für Buße. Für Umkehr. Und für Neubesinnung.

Um eine Kleine Schule der Umkehr, der Neubesinnung und der Buße soll’s darum heute gehen. Und das alles auf Grundlage der Einsicht, dass Umkehr und Buße auf einen richtigen und fairen Streit angewiesen sind.

Und natürlich hat diese Kleine Schule der Umkehr auch eine biblische Grundlage, nämlich den Predigttext für diesen heutigen Buß- und Bettag. Er findet sich bei Matthäus im 12. Kapitel, dort in der Versen 33-37. Es ist Jesus, der seinen Kritikern dort folgendes ins Stammbuch schreibt:

Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?
Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.
Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie reden. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.


Von reichlich streitbaren Gegensätzen ist dieser Text gekennzeichnet: reif oder faul – gut oder böse – sinnvolle oder sinnentleerte Worte - gerechtfertigt oder verdammt. Gegensatzpaare, die auf einen Konflikt, auf einen Streit hinweisen. Um aus diesem Konflikt oder Streit Gewinn zu ziehen, müssen wir den Konflikt aushalten. Und ihn dann überwinden.

Buße meint aufbrechen. Meint dem Leben eine neue Richtung geben. Davon handelt die erste Strophe des Liedes auf ihrem Liedblatt. Ich lade sie ein, diese erste Strophe jetzt miteinander zu singen:

Brich auf und kehre um,
das Steuer reiß herum
und wag zu leben!
Beflügelt durch den Geist,
der Zukunft dir verheißt –
von Gott gegeben.


Eine Kleine Schule der Umkehr aus vier Konfliktpaaren entnehme ich dem biblischen Text. Das erste Konfliktpaar möchte ich überschreiben: der Streit von gut und böse! Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. Gut und böse – das ist eine zentrale Bewertungskategorie, die wir an vieles im Leben anlegen.

Was ist gut? Und was ist böse? Ist gut, was mir nützt? Und ist böse, was mir schadet? Wie viel zählt die gute Absicht, wenn nicht alles nach Plan läuft - wenn aus gut gemeint nicht automatisch gut gemacht folgt?

Die theologische Tradition bringt das Gute mit Gott in Verbindung und das Schlechte mit der Welt des Bösen. Des Teufels. Das macht die Sache nicht einfacher. Mein Leben spielt sich häufig in Grauzonen ab. Ich entscheide mich für den Weg, den ich für den besseren halte. Oft ohne das wirklich genau zu wissen. Ich bin vor dem Bösen nie wirklich gefeit. Und manchmal kann auch dem als böse Gedachten noch etwas Gutes entspringen.

Die Geschichte des Buß- und Bettag ist selber Beleg dieser Ambivalenz. Eigentlich beschreibt Buße ein Verhalten mit religiöser Dimension. Aber die Bußtage wurden meist von den Regierungen eingeführt. Und ein Parlament hat diesem Buß- und Bettag anfangs der 90er Jahre seinen Status als gesetzlich geschützter Feiertag entzogen. Staat und Kirche, Religion und civil Religion in fast unentwirrbarer gegenseitiger Abhängigkeit.

Von Theodor W. Adorno stammt der Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Dietrich Bonhoeffer beschreibt dieselbe Erkenntnis mit dem Beispiel: „Wenn der Zug in die falsche Richtung fährt, nützt es nicht viel, wenn ich im Gang im Zug in Gegenrichtung laufe.“

Ich bin nicht sicher, ob das immer so stimmt. Richtig und falsch, gut und böse sind immer ineinander verwoben. Unentwirrbar. Zumindest für unsere Möglichkeiten. In der Sprache der Reformation hieß das: Simul iustus, simus peccator – ich bin gerecht und sündig zugleich.

Ich ahne womöglich schon, welche Richtung diejenige ist, die ins Gute führt. Aber den Königsweg, den gibt es dennoch nur selten. Wenn immer ich handle, im Großen wie im Kleinen, wenn ich mich einsetze für Gerechtigkeit und Frieden - ich bleibe immer in der Überlappungszone zwischen gut und böse.

Doch auch wenn ich in der Gefahr stehe, dass ich mich verheddere in einem ewigen Hin und her – ich kann dennoch Verantwortung übernehmen. Weil Gott mir die Möglichkeit eröffnet, umzukehren. Immer wieder neu. Weil unser ganzes Leben unter dem Vorzeichen der Buße steht – oder um es mit der ersten der 95 Thesen Martin Luther zu sagen: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“, hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“ – und ich ergänze: auch sein kann.

Wir singen jetzt die zweite Strophe des angefangenen Liedes:

Sing für Gerechtigkeit
dein Lied und lass weltweit
den Frieden blühen!
Was noch nicht ist, kann sein.
Zur Umkehr lade ein!
Lass Hoffnung glühen.


Ein weiteres Konfliktpaar aus der kleinen Schule der Umkehr: der Baum und die Früchte: Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. Ich schließe aus den Früchten auf den Baum. Ich schließe aus der Tat auf diejenigen, die die Tat begangen haben.

Was Jesus hier mit dem Rückschluss von der Frucht auf den Baum formuliert, das hieß bei den Römern: Ex ungue leonem – zu deutsch: „An der Klaue erkennt man den Löwen“. Gute Menschen vollbringen gute Taten, schlechte Menschen eben schlechte.

Auch bei diesem Konflikt will ich Einspruch anmelden. Es mag ja so sein, dass Person und Tat in einem Zusammenhang stehen. Aber es gibt da keine Automatik. Und vor allem: Das muss nicht so bleiben. Ein Beispiel: Unser Bildungssystem! Der schulische Erfolg der Kinder hängt immer noch stark von deren Elternhaus ab. Das kann man messen! Denken sie nur an den sogenannten PISA-Schock vor einigen Jahren. Aber wir können diesen Zusammenhang korrigieren.

Ein verfaulter Baum ist vielleicht nicht mehr zu retten. Aber das Beispiel gilt nur begrenzt. Faule und gesunde Bäume, gute und schlechte Früchte sind vor allem eine Herausforderung an unseren Gerechtigkeitssinn. Die faule Herkunft – um im Bild zu bleiben - ist eine politische Herausforderung. Und in der Sprache unseres Glaubens gilt auch hier: Wir können umkehren, können Buße tun. Können im Streit der Ideen und des Engagements die Wirklichkeit verändern – wenn nicht gleich zum Guten, dann doch immerhin zum Besseren!

Wir singen die dritte Strophe:

Gib deinem Glauben Raum!
Lass wie von einem Baum
viel’ Früchte fallen -
nicht nur für dich allein!
Üb’ dich ins Teilen ein.
Auch Gott gibt allen.


Folgt das dritte Gegensatzpaar in der Kleinen Schule der Umkehr: Worte, die etwas sagen und Worte, die nur leeres Geschwätz sind. Oder in der Sprache des Textes: Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie reden.

Zur Zeit Jesu war die Wortflut der Gegenwart nicht einmal zu erahnen. Nie wurden mehr Worte gemacht als heute. Unentrinnbar – so scheint’s – sind wir den Worten ausgeliefert. Oder liefern wir uns selber aus. Die ununterbrochene Kommunikation auf allen Kanälen gehört zu den Kennzeichen der Gegenwart – wenn auch nicht zu den unveränderlichen Kennzeichen.

Wir können das ändern. Nicht allein. Und nicht gänzlich. Aber das Hören und das Schweigen bleiben für uns Möglichkeiten unserer Wahl. Und immer mehr Menschen machen sich auf den Weg, diese Möglichkeiten neu für sich zu entdecken.

Oft weiß ich gar nicht, was meine Worte ausrichten. Und das Schweigen am falschen Ort kann genauso falsch sein. Und verheerend dazu. Aber das ist hier nicht gemeint. Hier geht’s um das sinnentleerte Sprechen. Um die Frage, ob es meiner Worte bedarf. Und ob weniger nicht manchmal auch hier mehr wäre.

Und wieder sehe ich mich im Konflikt. Ich nehme die Herausforderung wahr, zwischen dem nötigen, aufdeckenden Wort und dem überflüssigen Wort zu unterscheiden. Worte verbrauchen. Stille ernährt. Darum kann ich mich aufmachen. Kann umkehren. Mich neu orientieren. Bis hin zum Reden, das den Stummen Worte verleiht. Bis hin zum Schweigen, in dem mir Gott ganz nahe kommt. Und ich in Gott selber ganz neue, unverbrauchte Worte finde.

Wir singen jetzt die vierte Strophe:

Verwirf die böse Tat!
Vertrau nur nicht dem Rat
stets nur zu mehren.
Wer dem Verzicht vertraut
und nach den Nächsten schaut,
wird so Gott ehren.


Im letzten Gegensatzpaar in der Kleinen Schule der Umkehr geht’s noch einmal um unsere Worte – genauer gesagt, um deren Folgen. Da heißt es: Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden. Rechtfertigung und Verdammnis – ein ziemlich entscheidendes Gegensatzpaar – ein Streit, der über unser Zukunft entscheidet. Weit über unser Leben hinaus. Ein Konflikt zugleich, bei der meine eigene Bereitschaft zum Aufbruch am Ende womöglich nicht ausreicht.

Rechtfertigung oder Verdammnis – das ist ja zugleich ein urreformatorisches Thema. Und darum zugleich eines, bei dem am Ende dann dennoch eine Umkehr möglich ist. Nicht einfach dadurch, dass ich die rechten Worte wähle. Nicht einfach dadurch, dass ich es am Ende irgendwie selber richte.

Rechtfertigung, das meint meine Einsicht in die Gewissheit, dass ich Gott längst recht bin – vor allem rechten Reden. Vor allem rechten Schweigen. Und vor allem Handeln, das mich als bußfertig erweist.

Es sind nicht meine Worte, die am Ende meines Lebens gewogen werden. Und die den Balken der Waage zu meinen Ungunsten nach unten ziehen. Nein - es ist der eine Satz, der mein Leben bewertet: „Du bist mir recht!“

Glauben heißt dann nichts anderes, als Einsicht haben in diesen Urzusammenhang, der jedes Menschenleben überstrahlt – unabhängig von Bildung, Hautfarbe, Geschlecht und welcher Prägung auch immer. Gott handelt gerecht – nicht nur an denen, die sich für rechtgläubig halten.

Buße, Umkehr meint dann, sich auf diesen Urzusammenhang immer wieder neu verlassen. Sich mutig einzulassen auf die Wirklichkeit, in der wir leben. Um sich so immer neu einzumischen, wenn die Gerechtigkeit Gottes, die allen Menschen gilt, in Frage gestellt wird durch Überzeugungen, die nur den eigenen Vorteil und die eigene Überlegenheit im Blick haben. Wer immer ein „first“ hinter sich oder seine eigenen Gemeinschaft setzt, gerät hier mit dem in Konflikt, wie Gott diese Welt gemeint hat.

Am Buß- und Bettag lassen wir uns in besonderer Weise an das erinnern, was an jedem Tag des Jahres in Geltung steht: Streit mag gut sein. Aber er ist am Ende nur das Vorletzte. Weil wir am Ende eingeladen sind, die Fülle der Gemeinschaft schon jetzt zu erleben. Und vorwegzunehmen, was unsere Zukunft ausmacht: Dass wir eine Welt sind von Schwestern und Brüdern – verbunden über die Tage dieses Lebens hinaus. Das beflügelt uns schon heute und verändert unser Leben - durch Gottes guten Geist. Amen.

Wir lassen uns jetzt einladen, indem wir die letzte Strophe miteinander singen:

Nimm wahr, wie Gott dich lädt
an seinen Tisch, der steht
in unsrer Mitte!
Im Fest mit Brot und Wein
will Christus mit uns sein,
lenkt unsere Schritte.




Traugott Schächtele

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