PREDIGT
ÜBER 1. KOR. 11,18.23B-30; 1. KOR. 12,1-10
AM SONNTAG, DEN 4. FEBRUAR 2018
(SEXAGESIMAE)
IN HASSMERSHEIM


Liebe Gemeinde!

Ich freue mich sehr, dass ich heute bei ihnen und mit ihnen diesen Gottesdienst feiern kann. Und dass ich dazu mit einer Predigt beitragen darf. Umso schöner, dass ich auch bei der Ehrung ihrer langjährigen Kirchendienerin, Frau Unden, dabei sein kann. Und natürlich möchte auch ich ihnen, liebe Frau Unden, herzlich gratulieren. Und ihnen auch im Namen der Landeskirche für ihre treuen Dienste danken.

Der Predigttext für diesen heutigen Sonntag Sexagesimae passt wunderbar zu diesem Anlass. Denn er geht der Frage nach: Was macht eigentlich eine Menschen aus? Dass er etwas leisten kann? Dass er Prominenz besitzt? Dass er seine Mitmenschen in seinen Fähigkeiten übertrifft? Dass er keine Schwächen zeigt?

Wenn ich heute in die Zeitung schaue; wenn ich eine Nachrichtensendung ansehe; wenn ich im Internet surfe: Immer stoße ich auf Menschen, die angeblich etwas besonderes geleistet haben. Politiker. Schauspieler. Wissenschaftler. Auf Promis stoße ich. Hochgejubelt werden sie, gehypt, wie das heute so schön heißt. Und der Absturz lässt oft nicht lange auf sich warten.

Diese Erfahrung ist aber keine nur des Internetzeitalters. Sie ist viel älter. Auch dem Apostel Paulus bleibt diese Erfahrung nicht erspart. Zweitausend Jahre nach seinem Wirken kennen wir ihn immer noch. Seine Briefe, in der Bibel festgehalten - sie sind Grundlage unserer Predigten – wie etwa heute.

Aber zu Lebzeiten ist Paulus längst nicht der gefeierte Star. Sein Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Erst gilt er als Nachwuchstalent unter den Pharisäern. Klug. Theologisch gebildet. Zupackend. Dann wechselt er die Seiten. Hat ein Bekehrungserlebnis. Schließt sich der neuen Bewegung um diesen Christus an. Seitenwechsler sind meist irgendwie interessant. Das ist bei Paulus zunächst auch so. Zudem ist er erfolgreich. Gründet eine neue Gemeinde nach der anderen. Um 50 n.Chr. auch die Gemeinde in Korinth.

Aber der Reiz des Neuen lässt nach. Der Promi-Faktor verblasst. Und mit einem Mal steht Paulus unter Druck. Er wird bekämpft. Ihm wird nach dem Leben getrachtet. Und nicht nur von seinen Gegnern von außen. Die eigentliche Gefahr droht ihm von innen. Die eigentliche Gefahr droht ihm von denen, die angeblich doch auf seiner Seite stehen. Die mit ihm an diesen Christus glauben.

Er sei kein guter Prediger, heiß es plötzlich. Es gehe nichts Außergewöhnliches von ihm aus. Andere Apostel seien attraktiver als er. Apollos etwa – der sei ein Star. Ein Super-Apostel! Zu Paulus aber, sagen sie: Du bist bestenfalls Mittelmaß!

Und mit einem Mal gerät nicht nur die Rolle des Paulus ins Wanken. Nein, die Menschen fangen an, auch an seiner Botschaft zu zweifeln. Nachdem man ihn dann auch noch beleidigt, verlässt Paulus Korinth. Hals über Kopf. Irgendwann in der Mitte der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts.

Aus sicherer Distanz schreibt er ihr einen Brief. Er schreibt unter Tränen, wie er selbst sagt: Einen Ausschnitt aus diesem Tränen-Brief finden wir im sogenannten 2. Korintherbrief. Sogenannt sage ich, weil dieser 2. Korintherbrief der Bibel Teile aus mindestens drei unterschiedlichen Briefen enthält, die Paulus nach Korinth geschrieben hat.

Unser heutiger Predigttext stammt aus diesem unter Tränen geschrieben Brief. Aber Paulus schreibt nicht verängstigt. Und keineswegs depressiv. Er holt kräftig aus. Er weist seine Gegner in die Schranken. Und: Er gibt uns einen Einblick in die lebensgefährliche Situation eines Missionars des ersten Jahrhunderts nach Christus. Hört also, mit welchen Worten Paulus sich an die Gemeinde in Korinth wendet:

„Meine Widersacher stammen aus dem Volk Israel, sagen sie? Ich auch! Sie seien Abrahams Kinder, sagen Sie? Ich auch! Sie seien wahre Diener Christi, sagen sie? Ich werde hochmütig: Ich bin's weit mehr!“

Wenn sich denn viele rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen. Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten (erg.:) als sie alle. Ich bin oft in Todesnöten gewesen. Ich habe fünfmal 39 Geißelhiebe erhalten; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr von meinem Volk, in Gefahr von Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Glaubensgeschwistern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, die Sorge für alle Gemeinden.
Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.


An ein Bewerbungsschreiben erinnern mich diese Worte des Paulus. Selbstbewusst beschreiben Menschen dort, das, was sie an Erfahrung haben. Und das, was sie an einer neuen Stelle einbringen können. Sie listen ihre Kompetenzen auf.

Nein, unbescheiden sind diese Worte des Paulus nicht gerade. „Wenn alle sich rühmen – ich kann das auch“, schreibt er. „Wenn denn alle ihre Gaben zur Schau stellen, will ich gerne mithalten!“ Zweifel an seinen Fähigkeiten kann man Paulus wahrhaftig nicht vorwerfen.

Was für eine erstaunliche Beobachtung! Der große Apostel der Rechtfertigung allein aus Glauben – hier rechtfertig er sich, so scheint’s, aus seinen Werken. Aber jetzt Vorsicht. In der Tat! Paulus listet alle seine Vorzüge auf. Aber am Ende sagt er: Dies alles, was diese anderen haben, dies alles, was ich ja auch habe – vor Gott nützt es mir nichts. Es macht mich keinen Deut zu einem besseren Menschen!

Wenn ich einen Grund habe, etwas auf mich zu halten - mich zu rühmen, wie Paulus sagt -, „dann will ich mich meiner leeren Hände rühmen. Dann bin ich stolz darauf, dass Gott mit mir etwas anzufangen weiß – mit mir, mit dem ihr anderen offensichtlich nichts – oder nichts mehr – anfangen könnt. Im Originalton Paulus heißt das: „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen!“

Schwachheit! Der Ausdruck ist gefährlich. Und leicht irreführend, wenn ich Paulus recht verstehen will. Paulus spricht hier nicht die Schwäche heilig! Wer sollte das tun, angesichts der Schwächen, angesichts der Beschädigungen, mit denen Menschen es zu tun – unter denen Menschen zu leiden haben. Nicht wegen meiner Schwächen bin ich Gott recht. Sondern trotz meiner Schwächen.

Es ist tatsächlich ein kleines Stück Rechtfertigung, das Paulus hier beschreibt. Was immer auf meiner Visitenkarte, auf meinem Briefkopf oder in meiner Personalakte steht: Im Himmel ist es ohne Belang. Es bringt mich Gott nicht näher.

Umgekehrt wird also ein Schuh draus: Für meine Mitmenschen ist es durchaus von Bedeutung, was ich einbringe: in meine Familie, in die größere Gemeinschaft, in der ich lebe, auch in Gesellschaft und Kirche – das ist gut so! Aber vor Gott brauche ich keine Referenzen. Keine Zeugnisse. Keine Liste meiner Erfolge. Gott kann mit allem und mit allen etwas anfangen! Gott kann auch die brauchen, deren Leben längst Blessuren hat. Die anecken, mit ihren Schwächen. Die darauf verzichten, ständig viel Aufhebens um sich zu machen.

Und noch einmal kommt Paulus ins Erzählen. Beschreibt eine gute und eine schlechte Erfahrung – und weiß doch, dass Gott mit beidem etwas anfangen kann. Denn sein Tränenbrief an die Gemeinde in Korinth geht noch weiter. Und wieder berichtet Paulus ganz persönliche Dinge aus seinem Leben. Da heißt es also:

Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.


Paulus beschreibt hier zwei intensive Gotteserfahrungen. Erfahrungen mit dem Himmel. Eine großartige. Und eine belastende.

Die großartige zuerst. So abwegig erscheint, was Paulus hier berichtet, dass er nicht davon spricht, dass es seine Erfahrung ist. „Ich kenne einen Menschen...“, beginnt er. Es fällt ihm schwer, seine Erfahrung in Worte zu fassen. Es fällt uns schwer zu verstehen, was Paulus hier berichtet. Irgendwie ähnlich wie die Berichte einer Nahtoderfahrung. Oder wie eine Vision.

Irgendwie war Paulus dem Himmel nah. Alles war anders als sonst. Alles war so, dass er am liebsten nicht mehr zurückgekehrt wäre. Irgendwie war Paulus wie in den Himmel entrückt. Aber das alles nützt ihm nichts. Es war eine Erfahrung seiner Sinne. Atemberaubend. Unvergleichlich. Aber nur für ihn. Er kann damit nicht hausieren gehen. Er kann sich nichts darauf einbilden. Irgendwie war Paulus Gott ganz nah. Und ist am Ende wieder nichts weiter als ein Mensch unter Menschen.

Berührt. Und gerührt. Und gestärkt in seiner Einsicht, dass Gott mit ihm etwas anfangen kann. Die andere Erfahrung.

Die belastende. Paulus ist nicht gesund. Er wird von einer chronischen Krankheit geplagt. Wir wissen nicht, worunter Paulus hier leidet. Er spricht von einem „Pfahl im Fleisch!“ Es muss eine schmerzhafte Erkrankung sein.

Aber wegbeten lässt sich seine Krankheit nicht. Nicht einmal Paulus kann das so einfach tun. Gerade erzählt er, er sei im Himmel gewesen. Aber seine Schmerzen sorgen dafür, dass er geerdet bleibt. Und nicht wieder abhebt.

Und dann folgt der wichtigste Satz des ganzen Tränenbriefes. Gott schweigt nicht. Paulus erhält eine Botschaft. Eine Botschaft, die bestätigt, um was es ihm in seinem Brief geht: „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ „Ist in den Schwachen mächtig“, hieß es in der alten Luther-Übersetzung.

Unsere Grenzen sind nicht Gottes Grenzen. Und das Ende unserer Möglichkeiten der Anfang der Möglichkeiten Gottes. Dass ich etwas kann, ist das eine. Und meine Gaben sind nicht nichts. Sie sind etwas, worüber ich mich freuen, etwas worauf ich stolz sein kann. Aber Gott ist darauf nicht angewiesen. Gott handelt auch mit und durch meine Grenzen. Durch meine Schwächen, wie Paulus sagt. Ja, mehr noch: Gott handelt auch trotz der Begrenzung meiner Möglichkeiten.

Das entlastet. Ungemein. Und nicht ohne Grund scheibt Paulus: „Deshalb bin ich guten Mutes!“ Ich könnte auch sagen. „Das erst lässt mich glauben!“ Ich kann handeln. Ich darf, ja ich soll mich einmischen und einbringen. Aber ich muss es gar nicht richten. „Wenn ich schwach bin, bin ich stark!“ wie Paulus schreibt.

Ein klein wenig kann ich das auch selber üben. Wenn ich die Flinte nicht gleich ins Korn werfe, wenn es mal nicht so läuft wie es soll. Wenn ich dem Wort mehr vertraue, als der Durchsetzung von Macht. Wenn ich weniger Ängste schüre, als auf die Kraft gelebter Mitmenschlichkeit setze. Wenn ich nicht sage: Das kann ich nicht!, sondern auslote, wozu ich alles in der Lage sind. Wenn ich nicht über ständig auf meine Grenzen schaue, sondern mit Gottvertrauen aufbreche. In den Tag. In die neue Woche. Ins Leben.

Ein letztes Mal also: Wir müssen keine Schwächlinge sein um Gottes Willen. Und auch keine Schwachköpfe. Aber wenn wir’s denn manchmal doch sind, bringt das Gott nicht aus dem Spiel. Selbst wenn ich schwach bin, kann ich stark sein. Weil Gottes Handeln nach anderen Spielregeln läuft. Weil Gott selber am stärksten ist, wenn er am schwächsten scheint.

Die Passionszeit, auf die wir zugehen, will uns gerade daran erinnern. Nicht der Tod hat das letzte Wort. Sondern das Leben. Weil Paulus recht hat. Und jede und jeder hier sicher sein kann: Selbst wenn ich schwach bin, bin ich stark!

Damit lässt sich’s besser sterben. Aber vor allem: Damit lässt sich’s besser leben. Amen.


Traugott Schächtele

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