PREDIGT
ÜBER JEREMIA 23,16-29
AM SONNTAG, DEN 3. JUNI 2018 (1.S.N.TR.)
IN DER EVANGELISCHEN PAUL-GERHARD-KIRCHE IN NEUNKIRCHEN


Liebe Gemeinde! Seit heute kräht ein Gockel mehr in ihrer Gemeinde! Ein grüner Gockel! Zu dieser Erweiterung des grünen Krähens in ihrer Gemeinde gratuliere ich ihnen von Herzen. Ich freue mich, dass eine weitere Gemeinde ihr Zertifizierungsverfahren erfolgreich durchlaufen hat. Und ich gratuliere Ihnen dazu von Herzen. Ich tue das ganz persönlich, weil mir dieses Projekt selber sehr wichtig ist. Und ich tue dies ausdrücklich auch im Namen unserer Landeskirche, die sich ja auch sehr stark im Klimaschutz engagiert.

Wie nicht anders zu erwarten ist für diesen Tag ein Predigttext vorgeschlagen, der scheinbar nichts mit dem Grünen Gockel, dem Klimaschutz und der Verantwortung für unsere Umwelt zu tun hat. Aber wie so oft täuscht der erste Blick. Und die Brücke vom Predigttext zum Thema der Verantwortung für unsere Umwelt ist gar nicht so schwer zu schlagen.

Der heutige Predigttext stammt von einem der ganz großen Propheten in der Bibel. Von Jeremia. Aber um den geht es am Ende gar nicht. Es geht vielmehr um die ganz grundsätzliche Frage: Was ist ein Prophet? Vor allem: Was ist ein guter Prophet? Und: Was ist ein schlechter Prophet? Und weil es ein doch einigermaßen langer Predigttext ist, will ich ihn in verträglichen Portionen zu uns sprechen lassen.

Machen sie in Gedanken mit mir eine Reise, fast 2600 Jahre zurück in die Vergangenheit. Stellen sie sich vor, sie befinden sich in der ägyptischen Königsstadt Tachpanhes im Nildelta. Einen prächtigen Palast gibt es. Schöne Häuser der ägyptischen Oberschicht. Verwaltungsgebäude und Kasernen für das Heer des Pharaos. Erbärmliche Behausungen der Armen am Rande der Stadt.

Es gibt auch einen kleinen jüdischen Bezirk. Flüchtlinge aus Juda, nachdem der babylonische König dort eingerückt ist. Unter diesen jüdischen Bewohnern befindet sich ein merkwürdiger Kauz. Ihn hat man dahin vermutlich zwangsverschleppt. Immer wieder kündigt er Untergang und Zerstörung an. Er baut eine kleine Maier aus Stein und brennt sie nieder. "So hat der König der Babylonier Jerusalem niedergebrannt. Und so wird er es bald auch mit Ägypten machen."

Freunde macht er sich auf diese Weise nicht. Man lässt ihn machen. "Ein Narr ist er", sagen die Leute. "Ein Narr Gottes vielleicht. Wer weiß. Vielleicht auch ein Prophet!"
Ich bleibe stehen und höre ihm zu. Scheinbar geht er mit seiner eigenen Zunft hart ins Gericht.

So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.
Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.


Erstaunlich, was Jeremia da sagt. Was er auszurichten hat im Namen Gottes: Hört nicht auf die Propheten! Mir geht es eigentlich eher genau umgekehrt. Mir geht oft durch den Kopf: Ach, hätten wir doch heute auch wieder den einen Propheten oder die andere Prophetin unter uns. Jemand, der uns sagt, wo es lang geht. Was uns droht. Und wie wir doch noch davonkommen können.

Deshalb frage ich zuerst: Was ist eigentlich ein Prophet? Wenn ich sie jetzt direkt hier fragen würde - oder auch wenn ich mit einem Mikrophon durch den Ort hier ginge oder irgendwo in einer Stadt auf den Markt, würde ich vielleicht zu hören bekommen: Ein Prophet ist ein Mensch, der die Zukunft ansagt.

Solche Propheten hätten heute Konjunktur. Wer von uns hier, will nicht wissen, wie vieles weitergeht. Der Krieg in Syrien. Die Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran. Der Handelskrieg zwischen Amerika und Europa. Die Zukunft Europa überhaupt. Die Hungerkatastrophen in Afrika. Die Folgen der neuen Regierungen in Italien und in Spanien.

Viele würden auch gerne wissen, wie es im Persönlichen weitergeht. Mit ihrer Gesundheit. Mit ihrer Familie. Mit ihren Plänen. Und wer sich für den Grünen Gockel engagiert, würde doch sicher auch gerne wissen: Nützt das wirklich etwas, was wir hier vor Ort tun? Bekommen wir die Klimakatastrophe in den Griff? Können unsere Enkel auch noch gut und gerne in dieser Welt leben?

Es gibt also durchaus so etwas wie eine Sehnsucht nach neuen Propheten. Nach Menschen, die etwas sagen können, wie sich die Zukunft entwickelt. Diese Antwort auf die Frage, was ein Prophet ist, wäre also nicht falsch. Aber sie wäre unvollständig. Ich möchte diese Antwort an einer Stelle ergänzen und an einer anderen Stelle verändern.

Zuerst die Ergänzung: Ein Prophet ist ein Mensch, der im Namen Gottes die Zukunft ansagt. Der Prophet ist kein Wahrsager. Da hat Jeremia recht. Und: Er ist einer, der die Gegenwart deutet. Das ist dann das zweite, die Veränderung. Propheten sagen nicht irgendwie willkürlich an, was noch nicht ist. Propheten sagen an, was kommt, weil die Gegenwart so ist, wie sie ist.

Darum heißt es in den biblischen Prophetentexten immer wieder: Weil ihr dies oder jener getan habt, wird euch dies oder jenes geschehen. Nicht einfach Zukunftsansage also. Vielmehr Deutung der Gegenwart!

Daher also warnt Jeremia davor, auf die Propheten zu hören. Sie verkünden Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen, wie sie's gerne hätten. Aber sie sagen nicht, wie unsere Zukunft von dem abhängt, wie wir unsere Gegenwart gestalten.

Jeremia redet sich in Rage. Hören wir weiter auf das, was er sagt.

Wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

Jeremia, das spüre ich, hat keine Angst. Er hat nur zu tun, was seines Amtes als Prophet ist. Er deutet die Gegenwart. Und geht mit den selbsternannten Propheten ins Gericht. Und: Er hat ein Unwetter anzukündigen.

Es ist gerade zwei Tage her, da gab es Unwetter in Deutschland. Auch hier in unserer Region. Unwetter spielen sich scheinbar ab im Himmel über uns. Blitz und Donner. Sturm und Hagel. Aber Unwetter fallen nicht vom Himmel. Sie haben Ursachen. Vor allem die Zunahme dieser Wetterlagen hat Ursachen. Ein Grund mehr, sich für den Grünen Gockel zu engagieren. Die Klimaveränderungen und ihre Folgen: Wir sind selber für sie verantwortlich.

Das Unwetter, das Jeremia ankündigt, ist politischer Natur. "Der König von Babel wird über das Land herfallen. Und wird es vernichten. Die Oberschicht, die Handwerker, die Priester - sie alle werden nach Babylon verschleppt werden. Oder sie müssen nach Ägypten fliehen. Schaut nur auf die Mauer, die ich hier verbrannt habe - vor euren Augen.

Das Nordreich Israel haben die Assyrer zerstört. Das Südreich Juda, mit Jerusalem und dem Tempel, fällt in die Hände des Königs Nebukadnezar. Zu lange haben die politisch Verantwortlichen taktiert. Zu lange haben sie gemeint, sie könnten sich irgendwie durchlavieren. Zu lange haben sie aufs falsche Pferd gesetzt. Das Unwetter des Jahres 587 vor Chr. hat eine politische Katastrophe zur Folge. Und eine theologisch-geistliche dazu. Der Temel Salomos wird zerstört. Die heiligen Geräte werden geplündert. Gott, so scheint's, gibt seinen Wohnsicht unter seinem Volk auf.

Unsere Art zu leben, hat Folgen. Unsere politischen Entscheidungen haben Wirkung, die über unser eigenes Leben hinaus reicht. Weit hinaus. Gerade darum machen mir die Entwicklungen der Gegenwart sehr zu schaffen. Und ich frage mich: In was für eine Welt werden die leben, die nach uns kommen? In was für politischen Strukturen? Wir wird es mit unserer Demokratie weitergehen? Mit dem faszinierenden Gedanken einer europäischen Gemeinschaft? Mit einer weltweiten Friedensordnung? Mit welchen Krankheiten werden wir zu kämpfen haben? Wie ist es um unsere Umwelt bestellt?

Und ich frage mich aber auch: Wo sind die Propheten, die die Gegenwart deuten? Die sie deuten im Namen Gottes? Und die etwas Glaubwürdiges sagen können? Gibt es sie nicht? Oder hören wir sie nur nicht?

Jeremia hat auch dazu etwas zu sagen. Hören wir weiter auf seine Worte!

Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren. Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der Herr.

Jetzt steckt Gott den Raum ab. Den Raum seines Wirkens. Nicht nur in der Nähe bin ich. Im Tepel in Jerusalem. Nein, auch in der Ferne! In Babylon. In Ägypten. Nicht nur im Himmel bin ich. Nein, auch auf der Erde. Hier. Mitten unter euch. Nicht nur in der Vergangenheit bin ich. Nein, auch in der Gegenwart! Auf der Flucht. In der Verbannung.

Nicht drohend empfinde ich diese Sätze. Ich empfinde sie als tröstlich. Die Zukunft kann also dennoch licht sein. Selbst dann, wenn die Gegenwart düster scheint. Umkehr ist möglich. Weil Gott uns diese Möglichkeit schafft. Die Bewahrung der Schöpfung ist möglich. Auch wenn sie politisch immer neu erkämpft werden muss. Der Grüne Gockel hat teil an der prophetischen Möglichkeit, unserer Welt eine gute Zukunft anzusagen. Darum ist es gut und wichtig, dass sie hier vor Ort auch mitmachen. Dass sie als Gemeinde dabei sind.

Frieden ist möglich, auch wenn die Militärausgaben steigen. Und wir viele Geld mit dem Verkauf von Waffen verdienen. Der Staffellauf "Frieden geht" hat in den letzten Tagen auch seinen Weg durch Baden gefunden. Tausende waren es, die mitgemacht haben. In der ganzen Bundesrepublik. Gestern war der Abschluss in Berlin.

Wenn Propheten ihre Stimme erheben, geht's meinst ums Ganze. Um Zukunft oder Untergang. Um Leben und Tod. Um das Vertrauen auf Gott oder nur auf die eigenen Möglichkeiten. Es geht um die Gabe der rechten Unterscheidung. Und um die Gabe des rechten, mutigen Wortes zu rechten Zeit.

Noch einmal leihen wir Jeremia unser Ohr.

Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der Herr. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Jetzt gibt Gott seine Zurückhaltung auf. Jetzt ist Jeremia selber gefordert. Jeremia hat die Konsequenzen seiner Worte zu tragen. Er ist am Ende selber zur Flucht gezwungen. Hierher nach Ägypten, wo er uns begegnet. Jeremia ist ein Gegenwartsdeuter im Namen Gottes. Und die Menschen spüren: Diese Worte, so närrisch sie ihnen vorkommen - dieses Wort, dieses Wort Gottes - ist wie ein Feuer. Wie ein Hammer, der Felsen auseinanderschlägt.

Gestärkt und mit klarerem Blick kehren wir zurück aus in Ägypten hierher in unsere Gegenwart. Hierher in diese Kirche. Daran also erkennt man den Propheten. Der Prophet beruhigt nicht. Er tröstet. Wie ein guter Hirte. Der Prophet lullt nicht ein. Er reißt vielmehr aus dem Schlaf. Wie ein Gockel, wie ein Grüner Gockel im Namen Gottes. Der Prophet redet nicht belanglos. Er sagt, was Sache ist. Und die Menschen merken. Hier geht's um mich. Hier geht's um unserer Zukunft. Und er redet wie einer, durch dessen Wort Gott selber Hand und Fuß annimmt in dieser Welt.
Und - kein Wunder - dass uns der in den Sinn kommt, der nicht nur Worte weitergegeben und die Gegenwart gedeutet hat. Sondern selber dieses Wort ist, das klarstellt und offenlegt. Das Widerspruch anmeldet und nicht klein bei gibt. Der, von dem wir bekennen, er sei Gottes Wort mitten unter uns. "Das Wort ward Fleisch." Seit Weihnachten schon haben wir immer wieder gehört und gefeiert.

Und mit einem Mal erkennen wir: Die todbringenden Mächte unter uns haben nicht das letzte Wort. Das haben wir an Ostern gefeiert.

Und mit einem Mal erkennen wir: Der Ungeist, der sich selber zum Maß aller Dinge macht, der die anderen klein machen will, um selber groß zu sein - dieser Ungeist, der derzeit soviel von sich Reden macht, es ist ein zersetzender Geist. Ein Geist des Nichtigen. Ein Hauch ohne Zukunft.

Am Ende ist es Gottes Geist, der uns beflügelt und uns den längeren Atem schenkt. Das haben wir vor zwei Wochen an Pfingsten gefeiert.
Wo immer Worte eingehen in unsere Wirklichkeit. Und sie verändern zum Guten - da sind Prophetinnen und Propheten am Werk.
Wo immer Worte allen totgesagten Hoffnungen neues Leben einhauchen - wo aus Steinen Brot wird und eine neue Welt kein Traum bleibt, sondern Gestalt annimmt - da sind Prophetinnen und Propheten am Werk.
Wo immer Worte uns einen neuen Geist spüren lassen - und erfüllen mit diesem neuen Lebenshauch Gottes - da sind Prophetinnen und Propheten am Werk.

Es gibt sie also immer noch, die Prophetinnen und Propheten Gottes mitten unter uns. Sie tragen andere Namen als die großen Namen, die wir aus der Bibel kennen. Bekannte Namen sind dabei und gänzlich unbekannte.
Sie finden sich in Kirchen wie im kleinen Unterschlupf am Rande der Stadt - wenn die Worte, die wir dort hören, Mut machen zum Gottvertrauen.
Sie finden sich in Politik und Wissenschaft - wenn die Worte, die wir dort hören, warnen und uns Auswege aus den Krisen vor Augen stellen.
Sie finden sich in Kunst und Literatur - wenn die Worte, die wir dort hören, uns Gottes neuen Welt vor Augen stellen und schmackhaft machen wollen.

Es gibt sie also immer noch, die Prophetinnen und Propheten Gottes mitten unter uns. Deinen Namen können sie tragen und meinen. Und manchmal genügt schon der Schrei eines Grünen Gockels, um die Hoffnung auf eine neue Zukunft anzusagen. In Gottes Namen. Amen.


Traugott Schächtele

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