PREDIGT
ÜBER APOSTELGESCHICHTE 8,26-39
AM SONNTAG, DEN 8. JULI 2018
(6.SONNTAG NACH TRINITATIS)
IN DER HEILIGGEISTKIRCHE IN HEIDELBERG


Liebe Gemeinde!
Reisezeit ist angesagt. In einigen Bundesländern haben die Sommerferien schon beginnen. In zweieinhalb Wochen beginnen sie auch bei uns. Für viele von uns gilt: Ferienzeit ist Reisezeit!

Reisen ist in. Wer reist, will Abstand gewinnen. Will die Seele baumeln lassen, wie es so schön heißt. Manchen ist es genug, sich tagtäglich träge an den Strand zu legen - Hauptsache, der Schutzfaktor der Sonnenschutzcreme ist ausreichend hoch. Andere fügen der Sammlung erklommener Berggipfel wie in jedem Jahr wieder neue hinzu. Auch an den Gipfelkreuzen ist es längst eng geworden.

Manche definieren den Marktwert ihres Urlaubszieles nach Entfernung in Kilometern zum Heimatort. Hauptsache weit weg. Hauptsache, man hat nachher etwas zu erzählen. Dort gewesen zu sein und ein Selfie als Beleg nach Hause - manchen reicht das schon.

Der Urlaub - als eine Unterbrechung monatelanger Arbeitsphasen - dient der Erholung. Das ist das eine. Aber Reisen ist mehr. Reisen heißt, sich einlassen auf Neues. Neugierig und mit offenen Augen eine andere Welt als die vertraute wahrnehmen. Wer reist, merkt, dass es im Leben noch andere Dinge gibt als das tagtägliche Einerlei. Dass uns viel verborgen bleibt zwischen Himmel und Erde, weil wir zu geschäftig sind. Zu sehr in Beschlag genommen, um wirklich noch einen Blick für anderes übrig zu haben.

Reisezeit - richtig genutzt - ist Zeit für das Wesentliche. Zeit uns zum Entspannen. Zeit für die Pflege unserer Beziehungen. Reisen ist - auch wenn wir es so oft gar nicht wahrnehmen - Wendezeit im wahrsten Sinne des Wortes.

Reisen bedeutet Ausstieg auf Zeit. Andere Sprachen, andere Musik, andere Speisen, andere Landschaft. Andere Traditionen, andere Kulturen. Auch andere Erfahrungen im Blick auf die Religion. Manchmal überhaupt ganz andere Religionen. Nirgendwo kann Religion stärker von neuem zum Zug kommen als eben auf einer Reise. In der Unterbrechung der gewohnten Alltagsrituale

Als Inselpastor auf Zeit mache ich auf der Insel Hiddensee in jedem Sommer die Erfahrung: Die Kirche ist am Sonntagmorgen voll wie andernorts an Weihnachten. Und die Menschen sind voller Interesse an Fragen nach Religion. Und nach dem, "was die Welt im Innersten zusammenhält."

Nicht ohne Grund formuliert der Tourismusforscher Christoph Hennig ganz pointiert: "Unser Reisen ist die moderne Form des Pilgerns. Es dient dem Ziel der großen Verwandlung. Alles Leben ist auf dieses Ziel der Verwandlung hin ausgerichtet. In den Ferienwochen kommen wir diesem Ziel näher als in jeder anderen Zeit des Jahres." Nach unserer Rückkehr starten wir als Menschen, die irgendwie neugeworden sind.

Von einem Reisenden handelt auch der Predigttext für den heutigen 6. Sonntag nach Trinitatis. Die Gründe für das gewählte Reiseziel liegen in diesem Fall eindeutig im religiösen Interesse. Da sympathisiert einer mit der Religion eines ganz anderen Kulturkreises. Auch dieses Phänomen ist heute nichts Ungewöhnliches. Der Zielpunkt fremder religiöser Faszination liegt heute von uns aus gesehen oft in östlicher Richtung. Die "Buddhaisierung", des Alltags, wie manche das etwas spöttisch nennen, ist längst unübersehbar. Beim Hausarzt, in der Physiotherapiepraxis, bei Freunden im Wohnzimmerregal - überall stehen kleine Buddhas.

"Kennen sie sich im Buddhismus aus", habe ich meine Physiotherapeutin gefragt. Sie hatte keine Ahnung. Ich frage nach, warum die Buddhastatue da steht. "Sie verbreitet einfach ein gutes Gefühl," sagt sie. "Besser als ein Kreuz aufzuhängen!", fügt sie noch hinzu. Ich weiß nicht, ob das gegen Söder oder gegen mich als Pfarrer gerichtet ist.

Die Hauptperson des heutigen Predigttextes ist auch auf Reisen. Und eindeutig in religiöser Absicht. Aus dem Nordosten Afrikas hat es sie nach Norden gezogen. Hören Sie selbst auf jene bekannte Geschichte von einem, der auszog, um in Jerusalem zu beten. Sie findet sich im achten Kapitel der Apostelgeschichte:

Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen."

Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hinderts, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.


In einem Zeitungsinterview zum Thema Erholung habe ich vor einiger Zeit gelesen: "Ihr Urlaub kann 13 Tage lang daneben gehen. Doch wenn sie am vierzehnten Tag eine umwerfende Erfahrung machen, hat sich der Urlaub gelohnt."

Für den Finanzminister der Königin von Nubien - irgendwo im Grenzbereich der heutigen Staaten Sudan und Äthiopiens gelegen - trifft dies sicherlich zu. Von einer Reisegeschichte mit Happyend wird da berichtet. Schließlich endet sie mit dem Satz: "Und er zog seine Straße fröhlich!"

Jetzt aber der Reihe nach. Auf dem Hinweg nach Jerusalem mag zunächst anderes die Gemütslage des Finanzspezialisten bestimmt haben. Das Bedürfnis, endlich einmal für einige Zeit der Verantwortung für die königlichen Geldgeschäfte entledigt zu sein. Die Erwartung der Ankunft in der Metropole Jerusalem. Die unbestimmte Sehnsucht nach religiösen Erfahrungen im Tempel Jahwes.

Allzu viel weiß er nicht von den religiösen Gepflogenheiten und Werten der dortigen Menschen. In Jerusalem wird er wieder ein Fremder sei. Ein Exot. Den Innenbereich des Tempels darf er gar nicht erst betreten. Er gehört nicht dazu. Und als Eunuch hat er auch keine Möglichkeit, überhaupt jemals dazugehören. Das hatte man ihm schon bei früheren Gelegenheiten wissen lassen.

Aber an Faszination hat diese Religion für ihn nichts verloren. Der prächtige Tempel mit den großartigen Ritualen und Opferhandlungen. Er kann ihn ja auch von außen bestaunen. Ein buntes Menschengemisch aus vielen Ländern der damals bekannten Welt. Eine Religion mit klaren Vorgaben. Und vor allem: mit einem hohen ethischen Anspruch, der ihn fasziniert. Eine einzige Gottheit, die so ganz anders ist als die himmlische Vielfalt in seiner eigenen Heimat.

Kein Wunder, dass es ihn immer wieder nach Jerusalem zieht. Dieses Mal hat er sich einen besonderen Wunsch erfüllt. Im Tempel-Shop hat er sich eine Devotionale erstanden. Eine Buchrolle. Nicht des Inhalts wegen. Davon versteht er ohnedies nicht viel. Es genügt ihm zu wissen: Dieses Buch ist ein heiliges Buch. Mit diesem Buch hat er einen Zipfel jener Wahrheit, die er nie so ganz würde erahnen oder gar verstehen können.

Ein Reiseandenken besonderer Art ist dies. Es kann helfen, etwas von der besonderen Atmosphäre Jerusalems nach Hause mitzunehmen. Mit dem Akzent des Fremdsprachigen liest er einen Abschnitt der Buchrolle laut vor sich hin. Seine vielen Reisen haben schließlich auch seinen Sprachschatz erweitert.

Die Rede ist von einem, dem der Erfolg versagt geblieben ist - von einem, dessen Leben nichts wert war. Manchmal, denkt der Reisende, manchmal, da geht es mir doch auch so. Einsatz bis an die Grenzen der eigenen Kräfte. Und der Erfolg, die Anerkennung bleiben aus. Oder es erntet sie ein anderer.

Er blättert weiter. Da sieht er den Mann am Straßenrand. Der reisende Kämmerer hat keine Eile. Er hat Zeit. Und die Reise ist noch weit. Eine Begegnung, ein gutes Gespräch bringt sicherlich Abwechslung. Er lässt anhalten und bietet dem Mann die Mitfahrt an. Kontakte mit Einheimischen. Auch davon würde er zu Hause stolz erzählen können.

Stolz zeigt er dem Mitfahrer sein Souvenir. Und liest ihm vor, was er eben gelesen hat. "Wie kannst du das verstehen", fragt sein Gesprächspartner? "Verstanden hab ichs auch nicht", gibt er zur Antwort. "Aber es hat mich angesprochen." "Kein Wunder", sagt sein Gesprächspartner. "Da ist von einem die Rede, der sich niemals zu schade war. Eigentlich wissen nicht, wer mit diesem Gottesknecht gemeint ist. Aber in dem, was wir von ihm da lesen, finden wir uns irgendwie aufgehoben. Weil Gott ihm seine Nähe nicht entzieht. Nicht einmal dann, als es für ihn um Leben und Tod geht."

Der Reisende in Sachen Religion denkt nach. "Es muss euch guttun, euch der Nähe Gottes zu wissen", sagt er dann. "Gott scheint auf eurer Seite zu stehen!" "Gott gleitet auch bei uns jedem durch die Hände", gibt ihm sein Gesprächspartner zur Antwort. "Niemals kannst Du seiner habhaft werden. Aber selbst als große Lücke spürst du ihn immer noch. Wenn du dich einmal aufgemacht hast auf den Weg zu Gott, suchst du immer wieder nach seiner Spur."

Erneut schweigt der Nubier. Dann sagt er: "Euer Gott - mir erscheint er einmal ganz nah. Dann als großes Gegenüber. Einmal nah und dann doch jenseitig. Einmal euch zugewandt und doch wieder so erhaben. Einmal so. Und einmal anders. Ist die Kluft nicht zu groß? Ist der Graben nicht zu breit zwischen seiner und eurer Wirklichkeit?" "Es gibt Brücken", sagt sein Gesprächspartner. "Für mich sogar die Brücke. Einen gibt es, in dem ist Gott ganz nah gekommen. Einer, der selber den Menschen nah gekommen ist. Selbst im Tod war seine Gegenwart - und Gottes Gegenwart in ihm - nicht aufgehoben."

Und der Kundige in Sachen Religion erzählt, was er weiß. Was er glaubt. Und wie er zweifelt. Der eine fragt. Der andere bleibt ihm die Antwort nicht schuldig. Von Jeschua erzählt er, dem guten Menschen aus Nazareth, in dem ihm Gott unüberbietbar aufgeleuchtet sei. Und er erzählt von der Möglichkeit dazuzugehören - gratis und ohne Anrecht. Einfach so.

Der Nubier wird hellhörig. Ja, dazuzugehören, das wärs! Verbunden sein mit anderen, die auf der Suche sind. Fündig zu werden, ohne immer wieder mit nicht wirklich gestillter Sehnsucht von der Reise nach Hause zu kommen. "Ja, ich will dazugehören", sagt er. "Habt ihr kein Zeichen dafür?" Und sein Mitreisender auf Zeit erzählt ihm von der Kraft des Zeichens des Wassers. Abtauchen und Auftauchen. Tot sein und lebendig werden. Das Alte ablegen und neu anfangen.

"Wie unsere Vorfahren im Glauben nach ihrer Flucht aus Ägypten lebendig aufgetaucht sind aus dem Wasser des Roten Meeres - genauso tauchen auch wir auf. Mit neuem Leben beschenkt. Durchs Wasser gezogen feiern wir das Leben."

"Hier ist Wasser", sagt der Reisende, der jetzt den Blick zum Fluss wendet. "Ich will auch durchs Wasser gezogen werden. Und dazugehören. Ich will lebendig wieder auftauchen. In eurer Mitte. Was sollte dagegen sprechen?"

Wer wollte dagegen sprechen, wo ein Mensch angezogen ist vom Zeichen der Taufe? Fröhlich entsteigt der Nubier dem Wasser. Und die umwerfende Erfahrung des vierzehnten Tages lässt die Reise nun endgültig eine werden, die sich gelohnt hat. Nicht das heilige Souvenir; nicht der Kontakt mit den Einheimischen; nicht die exotischen Tempelrituale haben der Reise ihren tieferen Sinn gegeben.

Es ist die Erfahrung dazuzugehören. Zu denen zu gehören, die verbündet sind durch das Zeichen des Wassers. Gezeichnet sein vom Wasser des Lebens. Diese Erfahrung lässt ihn seinen Weg fröhlich ziehen. Der Mitreisende ist längst davon. Der Finanzgewaltige der Kandake geht seinen Weg in eigener Verantwortung. Erfüllt mit neuen Hoffnungen. Beflügelt von der Zugehörigkeit zum einen großen Volk Gottes in dieser Welt.

Wir wissen nicht, wie dieser Neugetaufte zu Hause von seinen Erfahrungen berichtet hat. Es muss sehr eindrücklich gewesen sein. Denn die äthiopische Kirche wächst in einem fulminanten Tempo. Sie gehört zu den ältesten Kirchen der Welt. Und sie ist die größte orthodoxe Kirche des Ostens. Wir können an ihrem Reichtum heute auch bei uns teilhaben. Längst leben viele äthiopisch-orthodoxe Christen mitten unter uns. Viele sind auch als Geflüchtete gekommen. Wir können mit ihnen das Fest der Erinnerung an ihren ersten Täufling feiern. Beflügelt von der Zugehörigkeit zum großen Volk Gottes in dieser Welt.


Dass in der Kirche getauft wird, bis heute - in unseren Breiten ist das keine Besonderheit. Niemand muss deshalb Nachteile befürchten. Weltweit ist das allerdings längst anders. Und Geflüchtete, die sich hier bei uns taufen lassen, riskieren nicht selten zu Hause dafür ihr Leben.

Was hindert uns, in der Erinnerung an das Zeichen unseres Taufwassers immer wieder neu Nachfolge zu wagen? Getaufte tauchen nicht einfach nur ab. Sie tauchen auch immer wieder auf. Mitten im Leben. Sie stehen ein für Menschen, die für ihr tägliches Leben nicht genug haben. Sie stehen auf gegen die Vorherrschaft neuer Nationalismen. Sie widerstehen dem Geist der Grenzzieher und der Mauerbauer.

Manchmal bräuchte es dazu nicht mehr als die Bereitschaft, uns an unsere Taufe erinnern zu lassen. Uns Glauben schenken zu lassen so groß wie ein Senfkorn. Es bräuchte dazu nicht mehr als einen kleinen Zipfel Gottvertrauen. Es bräuchte ein kleines Quantum Mut, um für diese Welt Verantwortung zu übernehmen. Alles andere gibt Gott dazu.

Denn ich bin sicher: An seinem Segen für alle Reisen unseres Lebens wird Gott es uns nicht fehlen lassen. Amen.

Traugott Schächtele

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