MEDITATIONEN UND GEDICHTE
IM GOTTESDIENST ZUM BILDERZYKLUS MEMBRA JESU NOSTRI VON JOHANN P. REUTER
AM SONNTAG, DEN 22. JULI 2018 (8. SONNTAG NACH TRINITATIS) IN DER PHILIPPUSKIRCHE IN MANNHEIM


Die Füße

Richte meine Füße auf den Weg des Friedens! (Lukas 1,79)

Mit den Füßen sind wir am Boden.
Zumindest dem Boden am nächsten.
Außer Kraft setzten kann ich diese Regel nur,
wenn ich mich auf den Kopf stelle.
Die Füße verbinden mich mit der Erde.
Sie erden mich.
Sie sorgen dafür, dass ich nicht abhebe.
Sie sind aber auch dafür verantwortlich,
dass ich nicht stehen bleibe.
Sie halten mich in Bewegung.
Jesus war ein Wanderradikaler.
Immer bereit zum Aufbruch.
Immer zu Fuß unterwegs.
Den Mächtigen auf die Füße tretend.
Sich den Staub von den Füßen schüttelnd,
wenn seine Lebensworte auf keinen guten Boden gefallen sind.
Mit einer Botschaft, die manchen schon den Boden unter den Füßen weggezogen hat:
Solche Worte haben wir noch nie gehört!
Andere haben seine Worte wieder auf ihre Füße gestellt:
Nimm dein Bett und mach dich auf den Weg!

fuß läufig

ein schritt nur
hinaus
über die grenze
meiner borniertheit
ein schritt nur
meinen widersachern
entgegen
ihnen
den wind
aus den segeln
nehmend

ein schritt nur
auf meiner flucht
vor der macht
trostloser gewohnheit
die routinen
für lebendigkeit hält

schritt für schritt
gewinne ich boden
und setze
meine Füße
der zukunft entgegen
fussläufig erreiche ich
auf umwegen
des menschseins
das paradies




Die Knie

Und Jesus riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und fiel auf seine Knie und betete (Lukas 24,41)

Wenn ich in die Knie gehe,
habe ich verloren.
Meinen Stand.
Meinen Standpunkt womöglich auch.
Wer in die Knie gezwungen wird,
steht unter der Macht eines anderen.

Wer zu lange
zu schwer getragen hat,
kennt die Schmerzen, die Knie verursachen können.
Zu wenig tragfähig seien die Kniegelenke
für das, was wir Menschen ihnen
als Trag-Werk zumuten,
sagen die Mediziner.

Doch wer auf die Knie fällt,
kann aus auch der Kraft eines anderen
das Leben gewinnen.
Sie fielen auf ihre Knie,
lesen wir ein ums andere Mal im Buch der Bücher.
Aus Dankbarkeit.
Mit einem Herzen voller Bitten.
In Fürsorge für die, die ihnen am Herzen liegen.

Evangelische Kirchen kennen in der Regel
keine Kniebänke.
Das ist nicht nur ein Gewinn.
Aufgerufen bin ich zwar,
nicht in gebückter Haltung
vor meinem Gott zu stehen.
Wenn mir aber der aufrechte Gang
abhanden gekommen ist,
bleiben die Knie als Haftpunkte
meiner Würde.
Und als Kraftquelle, um von neuem
aufrecht mein Haupt
dem Himmel entgegenzustrecken.

Jesus hat sich den Kniefall nicht erspart,
als er seinen Vater im Garten am Ölberg
um Verschonung bittet,
während die, die ihm nahestehen,
in den Schlaf fallen
und zur Solidarität nicht fähig sind.

knie fall

gesetzt
der fall
auf meine knie
brächte mich
gott näher

und ich
sähe
den himmel
von unten
mit ganz anderen
augen

wäre
dann nicht
die angst
in die knie zu gehen
meinem leben
weniger
hinderlich

und ich
verspürte
die
leben spendende
kraft
der erde
ohne mich
in die weite
des himmels
zu verlieren

Die Hände

Und er legte ihnen die Hände auf. (Markus 10,16)

Ich gestehe, ich bin ein haptischer Mensch.
Ein Mensch, der gerne greift, spürt, berührt,
aufnimmt und weitergibt.
Ich lese die Zeitung noch auf Papier gedruckt.
Bücher sind mir heilig.
Ich halte sie leidenschaftlich gern mit meinen Händen.
Und blättere ihre Seiten mit meinen Fingern.

Die Hände stehen den Augen in nichts nach.
Sie sind ihre körperliche Verlängerung
hinein in die Welt. Im Guten wie im Bösen.
Lebensdienlich können Hände sein.
Liebevoll und zärtlich.
Hände! Im Fußball zieht das böse Konsequenzen
nach sich.

Und immer wieder sind die Hände dann doch auch
Krallen des Bösen, die es zu fesseln gilt,
um weiterem Schaden zu wehren.
Ineinander gefaltet senden Hände die Botschaft:
Von mir geht keine Gewalt aus.
Ich vertraue mich deiner Güte an.

Gefaltete Hände - in unserer Kultur
Zeichen der vertrauensvollen Hinwendung zu Gott im Gebet.
Jesus hat diesen Brauch kaum gekannt.
Für ihn waren die Hände
Lebensbahnen des Segens Gottes.
"Es geht durch meine Hände,
kommt aber her von Gott."
Was Matthias Claudius einst gedichtet hat,
ist die Hymne der segnenden Hände.
Gottes Hände, in meine, deine Hände gelegt.

Gott, der uns nahekommt,
der in mich fließt,
nicht in der Trance des erhebenden Gefühls -
nein - in der Schlichtheit der Berührung.
Es ist ein Segen, wenn Gott uns handgreiflich wird
in einem Menschen!

unbegreiflich

mit den händen
begreife ich die welt
ehe ich sie wirklich verstehe

durch die Hände
rinnt mir der glaube
das leben
ließe sich festhalten
und gestalten nach den regeln
meines vorteils

hand in hand
überwinde ich
die grenze zwischen mir und dir
in der geste
der sanften berührung

aufgelegte hände
drücken nicht
nieder
sondern wenden
worte des zuspruchs
in segen

unbegreiflich
ist
das leben
meinen händen
entzogen

Die Seite

Reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite! (Johannes 20,27)

Die Seite steht bei uns in keinem hohen Ansehen.
Wer an der Seite steht, spielt nicht mit.
Wer zur Seite gestellt wird, hat ausgedient.
Das Leben spielt im Zentrum.
Das meinen wir jedenfalls.

Dabei sind Seiten unverzichtbar.
Sie begrenzen.
Sie setzen allem einen heilsamen Rahmen.
Sie klären, was innen ist und was außen.

Ich entdecke das Leben oft mehr an den Seiten
als in den Zentren der Mächtigen.
Weil es sich an der Seite bewähren muss.
Weil die, denen nicht alles zufällt,
die Habenichtse
oft lebendiger sind,
als die vom Schicksal Begünstigten.

Die Seite Jesu ist nicht nur der Ort,
in den sich mit der Lanze die Gewalt der Kriegsknechte entleert.
Mit seiner Seite wendet Jesus sich denen zu,
die außen vor sind.
Er tritt denen zur Seite, die längst aussortiert scheinen.
Und holt sie so zurück ins Zentrum.

Komm an meine grüne Seite, sagen wir manchmal.
Komm dahin, wo ich lebendig bin.
Dahin, wo wir in Kontakt treten können.
Jesus, die grüne Seite Gottes? Wer weiß?
Warum nicht?

seiten wechsel

von der
seite aus
das leben
vor augen
ohne es
zu kosten
schal nur
schmeckt dann
die sehnsucht
dazuzugehören

von allen
seiten
das leben
interessiert
betrachtend
mehre ich mein wissen
aber gewinne
keine klare position

denen
zur seite
tretend
die
ohne mich
aus
dem leben
herausfallen
werde ich
zum störfaktor
der besitzstandswahrer

längst pulsiert
das leben
dünnhäutig
überbordend
hin
zu den zentren
gewagter hoffnung
an der peripherie

Die Brust

Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. (Johannes 13,23)


Die Brust bildet den oberen vorderen Teil des Rumpfes eines Menschen. Unter den sieben Membra Jesu Nostri beschreibt sie vom Volumen her die größte der in den Blick gerückten Zonen bzw. Gliedmaßen des Körpers.

In einer ganzen Reihe von Redensarten spielt die Brust eine Rolle:

sich jemanden zur Brust nehmen
mit stolzgeschwellter Brust eine Herausforderung annehmen
jemandem die Pistole auf die Brust setzen.

Die Brust steht in gewissem Sinn für den ganzen Menschen, zumindest so sehr er der Liebe fähig ist. Mehr noch als in ihrer ihr biologischer Bedeutung wird die Brust zum Sitz von Emotionen. Sie ist der Ort der Zuwendung und der Liebe, wie etwa in dem Satz: "Zwei Seelen wohnen - ach - in meiner Brust". Wer in der Brust eines anderen Wohnung genommen bzw. gefunden hat, ist diesem in unüberbietbarer Weise nahe gekommen.

Es tut uns gut, wenn uns wohl in der Brust ist. Wenn ich ein beklemmendes Gefühl in der Brust habe, stimmt an der Situation etwas nicht. Das kann eine medizinische Beobachtung sein, die angina pectoris, die Brustenge ist ein Alarmsignal höchster Güte.

Erstaunlich, dass der Evangelist Johannes davon berichtet, einer der Jünger Jesu liege an seiner Brust. Die Tradition nennt ihn prompt den Lieblingsjünger. Kein Wunder, dass auch Jesu Brust in der religiösen Betrachtung seiner Körperregionen eine Rolle spielt. Der, der von sich sagt: Ich bin die Liebe, der muss uns auch im Blick auf seine Brust des Nachdenkens wert sein!
brust hoch

meinen kopf
stolz
in den Himmel
gereckt
bin ich
diesem
keinen zollbreit
näher

dem menschen
neben mir
seelennah
zugewandt
entdecke ich
erträgliche
schneisen
des menschlichen
in spürweite

brusthoch
ins leben
eingetaucht
fühle
ich mich
emporgehoben
in
unendliche höhen

Das Herz

So gib du deinem Knecht doch ein verständiges Herz, dass er dein Volk zu richten versteht und unterscheiden kann, was gut und böse ist. (1. Könige 3,9)

Auf manche Organe können wir zumindest zeitweise verzichten. Ein Totalausfall des Herzens führt in kürzester Zeit zum Tod. Eine Maschine kann den Ausfall nur auf Zeit kompensieren. Der Herzschlag wird zum Bild der Garantie unserer Vitalität.

Solange unser Herz schlägt, leben wir. So lange es für jemanden schlägt, lieben wir. Mehr noch, verstehen wir zu leben.

Das Organ der Weisheit und des Verstehens - wir haben sie an das Gehirn delegiert. Die Organkunde der Bibel macht sie im Herz fest. Salomo wünscht sich als König ein Herz voller Weisheit. Verstehen und Wissen - das geht nicht ohne Liebe. Sonst ist es ein bloßes Faktenwissen. Weisheit gar - sie kann nur im Herzen wohnen. Nur aus der Verbindung von Lieben und Wissen kann Weisheit entstehen. Nur in dieser Verbindung können wir einander herzlich verbunden bleiben.

Alles, was das Leben ausmacht - am Ende bündelt es sich im Herzen. Die unaufhörliche Versorgung des Körpers mit sauerstoffangereichertem Blut. Der Ort, an dem meine Liebe Wohnung findet. Die Weisheit, die mich leben und überleben lässt.

In der Tradition unserer katholischen Schwesterkirche spielt das Herz Jesu eine besondere Rolle. Als Protestantinnen und Protestanten fehlt uns da bisweilen der Zugang. Vielleicht fehlt uns auch eine besondere Form mystischer Weisheit. Viel zu oft rutscht unser Herz nach oben - in den Kopf. Die Alternative trägt womöglich mehr an Verheißung in sich.

Wir begreifen zu wenig, wenn unser Verstehen nicht die Herzkammern der Weisheit durchflossen hat.
herz los

wenn ich
die welt
durchschaut hätte
ohne herz
bliebe ich
reine vernunft

wenn ich
die liebe
auf meine fahnen
geschrieben
hätte
ohne herz
bliebe mir
der einzelne
mensch
ohne bedeutung

wenn ich
mich
dem bösen
mutig
entgegenstellte
ohne herz
blieben mir
die auswege
zum guten
versperrt

nun aber
bleibt es
dem herzen
vorbehalten
im glauben
an die
liebe
spuren der
hoffnung
zu bahnen


Das Gesicht

Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig (4. Mose 6,24)

Das Gesicht eines Menschen ist für mich unendlich wichtig. Ehrlich gesagt, es irritiert mich schon, wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die ihre Sonnenbrille nicht abnehmen. Wenn ich die Augen nicht sehen kann, fehlt Entscheidendes, damit das Gesicht ein Ganzes wird. Und ich den Menschen gegenüber wirklich wahrnehmen kann.

Gesicht zeigen! Das ist von mir gefordert, wenn ich mich klar äußern will - etwa gegen die nationalistischen Tendenzen in der Politik, die mich im Moment so sorgenvoll stimmen.

Gesicht zeigen! Das hilft, wenn ein Mensch so wahrgenommen werden will, wie er wirklich ist. Ein offenes Gesicht ist eine Einladung, miteinander in Beziehung zu treten.

Der Segen, den wir uns in jedem Gottesdienst zusprechen lassen, spricht vom Leuchten des Angesichts Gottes. Nicht in einem toten Bild tritt Gott mir entgegen. Vielmehr in einem Gesicht, das mir entgegenleuchtet. Kein Wunder, dass zu den Zonen des Menschlichen, den Mebra Jesu Nostri, das Gesicht gehört. Entscheidend dazugehört.

Gesicht zeigen! Das ist der tiefere Sinn, wenn wir davon sprechen, Gott sei Mensch geworden. Gottes Gesicht leuchtet mir entgegen, wenn mir ein Mensch mit offenem Gesicht entgegentritt. Freundlich lächelnd das eine Mal. Sorgenvoll, ängstlich, auch aggressiv beim anderen Mal. Aber sichtbar eben. Lebendig. So dass ich antworten kann. Das ich antworten kann, wenn ich angesprochen bin, das ist das Geheimnis des Menschseins.

Neurobiologisch stimmt das - das beweist die Entdeckung der Spiegelneuronen. Ich spiegle den Menschen gegenüber in seinen Emotionen.

Erfahrungsbezogen stimmt das - ein Lächeln kann oft Wunder bewirken.

Und theologisch stimmt es eben auch. Aus einem menschlichen Gesicht leuchtet mir die Gegenwart Gottes entgegen. Da entdecke ich, dass es die Würde des Menschen ausmacht, Gottes Ebenbild zu sein.
gesichts wahrung

im spiegel
werde ich
mir selber
zum gegenüber
ahnungslos
nur
rede ich
vom du

dein leuchten
entgeht mir
mit geschlossenen augen
des herzens
die luft
des lebens
schafft atemnot

durch
den spalt
der liebe
eine ahnung
bekommen
von der
menschenschönheit
in dir

wangennah
lässt
dein gesicht
mich leben
auch
auf abstand

unerträglich
bleibt
gottes angesicht
nur
wenn
der mensch
mir entgeht


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn