PREDIGT
IM ÖKUMENISCHEN GOTTESDIENST
ZUR ERÖFFNUNG DES AKADEMISCHEN JAHRES
DER UNIVERSITÄT FREIBURG
AM MITTWOCH, DEN 17.OKTOBER 2018
IN DER UNIVERSITÄTS-KIRCHE IN FREIBURG


Liebe Universitätsgemeinde!

Die Eröffnung des Akademischen Jahres hat ihren festen Platz im universitären Jahreskalender. Und sie folgt einem eingespielten Ritual. Dass dazu auch ein Ökumenischer Gottesdienst am Beginn gehört, ist eine gute Übung. Selbstverständlich, das weiß ich, ist es nicht.

In diesem aufs Ganze gesehen kirchlich aufgeschlossenen Südwesten der Republik ist das wohl immer noch einigermaßen unumstritten - zumal in einer Universität mit einer traditionsreichen Theologischen Fakultät. Als Protestant, der in ökumenischer Absicht selber drei Semester an dieser Fakultät studiert hat, habe ich davon auch persönlich Gewinn und geistliche Prägung gezogen - nicht nur wenn ich etwa an die Einführung in die Theologie Karl Barths durch den damaligen Ordinarius und späteren Bischof Karl Lehmann denke. Die Einladung, in diesem Gottesdienst die Predigt zu übernehmen, ist darum für mich dankbare Verpflichtung und Ehre zugleich.

Die Eröffnung des Akademischen Jahres mit einem Gottesdienst ist aber mehr als Tradition. Sie ist öffentlich sichtbarer Ausweis des Zusammenhangs von Glauben und Wissen. Sie bringt zum Ausdruck, dass alles, was ist und alles, was sein soll, noch einmal in einen besonderen Horizont gestellt und in einer besonderen Perspektive wahrgenommen werden kann. In der Perspektive einer unsere augenscheinliche Wirklichkeit transzendierenden Weltsicht. In der Perspektive des Gottesglaubens.

Diese Möglichkeit ist freilich kein Muss. Nicht alle, die nachher in bester Absicht zum Festakt kommen, feiern jetzt auch schon diesen Gottesdienst mit. Die Freiheit, auch die der anderen, ist nicht nur ein erkämpftes Recht. Sie entspricht auch dem Kern dessen, was ich mit dem christlichen Glauben verbinde. Und wenn ich diese Freiheit eine evangelische nenne, ist das ausdrücklich nicht konfessionell gemeint.

Die Lesung aus 7. Kapitel des 1. Korintherbriefes, die wir eben gehört haben, hat einen Gedanken entfaltet, der in der Theologie des Paulus im Dienst einer bestimmten sozialethischen Argumentation steht. Er lässt sich aber im Zusammenhang dieses Gottesdienstes noch einmal in ganz anderer Weise, aber durchaus nicht unpaulinisch akzentuieren.

Dass Paulus in diesem 7. Kapitel für das von ihm gelebte Modell der Ehelosigkeit wirbt, das hat nicht zuletzt mit seiner Erwartung des nahen Weltendes zu tun. Wem die Ehe aber dennoch als bevorzugtes Lebensmodell gelte, so Paulus, möge die Prioritäten im Blick auf das Weltende nicht aus den Augen verlieren. Möge seine Bindung eingehen unter dem Vorbehalt des "als ob nicht".

Ich könnte in diesem Zusammenhang viele Fragen an Paulus richten. Und manchmal wünschte ich mir, er lebte mitten unter uns. Und er sei in Kontaktweite, um sich diesen Fragen zu stellen.

Und ich würde fragen: "Als ob nicht" - kann, ja sollte ich die Unabweisbarkeit des Faktischen so gering schätzen? Aber Vorsicht! Plötzlich weitet Paulus die Perspektive. Spricht plötzlich nicht mehr von der "kleinen" Lebensgemeinschaft zweier sich liebender Menschen, sondern zuletzt von der ganzen "großen" Welt.

Die Zeit drängt. Das ist der Auftakt zu seiner Argumentation. Die Zeit drängt immer. Sie hat schon immer gedrängt. Sie drängt den Paulus im Blick auf das von ihm erwartetet Hereinbrechen des Endes all dessen, was ist. Die Zeit drängt auch heute. Wenn wir den Klimawandel in den Griff bekommen wollen. Wenn wir uns den möglichen bösen Folgen der neu aufkeimenden Nationalismen und der Zerstörung der Idee eines geeinten Europas in den Weg stellen wollen.

Doch nahes Weltende hin und drohende Gefahren her - dass die Zeit drängt, ist doch wahrhaftig nicht nur eine auf die messbare Zeit bezogene Aussage. Die Zeit drängt, weil ich mich nicht einnisten darf in einer womöglich heiliggesprochenen Gegenwart. Die Zeit drängt, weil die Wirklichkeit hinter den erfahrbaren Dingen noch einmal auf eine andere Empirie verweist. Die Zeit drängt, weil mir Gottes Zukunft längst entgegenkommt und all meine Gegenwartsversessenheit untergräbt.

Es ist gut, dass die Zeit drängt. Und dass sich zur messbaren Summe von Sekunden und Minuten, von Stunden, Tagen und Jahren eine andere Art der Zeit querlegt. Und alle Zahlengläubigkeit und alle Messbarkeit der Dinge ganz grundsätzlich herausfordert und in Frage stellt.

Diese so ganz andere Zeit, gewissermaßen Gottes Zeit, ruft noch einmal eine ganz andere Art der Exzellenzinitiative auf den Plan. Eine Initiative, die alle Menschen den Vorzug einer unüberbietbaren Qualität zueignet, besser noch zuspricht. Diese Exzellenzinitiative Gottes setzt unsere Initiativen unter Druck. Darum drängt es. Diese Exzellenzinitiative Gottes lässt alles, was unsere Kräfte absorbiert und unsere Gegenwart bestimmt, noch einmal in einem ganz anderen, neuen Licht erscheinen.

Und plötzlich wandelt sich das "als ob nicht", von dem Paulus schreibt, zur Sehhilfe, um Wesentliches von Unwesentlichem, Gutes von Bösem unterscheiden zu können. Und um die gefährliche Sprengkraft dieses Drängens zu entschärfen.

Paulus weitet seine Argumentation in einem vierfachen Schritt. Der sozialethische Aspekt der Lebensgestaltung, sein Ausgangspunkt in der Ehedebatte, enthält ein erstes "als ob nicht". Die Institution der partnerschaftlichen Bindung, man muss sie nicht einfach in Frage gestellt sehen. Er weist ihr ihren Ort zu, indem er sie relativiert. Da er die Ehe weniger als Lebensgemeinschaft von Menschen, die sich lieben, versteht, sondern als Agentur gegen Unzucht, würde ich Paulus, wäre er hier, den Streit nicht ersparen.

Aber Paulus schreitet weiter. Hinein in den Raum der großen Gefühle. Hinein in das Feld der Seelenkunde, ob in pastoraler oder rein humanwissenschaftlicher, aber doch allemal lebensdienlicher Spielart. Weinen und Sich-Freuen, verstanden als zwei Grundmodi menschlicher Reaktion auf die uns umgebende Welt - wir sollen, so schreibt er auch sie mit dem Signum des "als ob nicht" bewerten. In beidem, wie gefangen wir in der jeweiligen Emotion auch sind, ist nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Beide nehmen Gottes ganzheitlichen Blickwinkel auf uns nicht vorweg.

Paulus nimmt eine weitere Öffnung vor. Er wechselt auf das Feld der Ökonomie. Er spricht vom menschlichen Streben nach Eigentum, vom käuflichen Erwerb von Dingen - aber eben "als ob nicht"! Nein, Paulus hier wirbt nicht für ein politisches Programm. Aber er setzt der Gier nach dem Immer-Mehr und der Faszination der Wachstumsmarchen sehr wohl ihre Grenzen. Und verweist darauf, dass nichts davon uns am Ende ausmacht. Oder gar die Tür in die Welt der ganz anderen Zeit öffnet.

Sein letzter Argumentationsschritt ist ein summarischer. Wenn er vom Gebrauch der Welt in ganz grundsätzlicher Weise spricht, mag der Hinweis auf die consummatio mundi, den Letztverbrauch der Welt, durchaus mitschwingen. Aber auch hier fügt er sein "als ob nicht an". Und raubt so dem Weltende seinen Schrecken. Genauso wie dem an sich nicht verwerflichen Versuch, der Welt dadurch Herr zu werden, dass ich die Möglichkeiten, die sie bietet, für mich auch nutze.

Als Verweis auf die Askese als die zuletzt einzig verantwortbare Möglichkeit eines erträglichen Umgangs mit der Welt mag man die Argumentationsweise des Paulus hier verstehen. Und im Blick auf seine grundsätzlich theologische Prägung womöglich nicht einmal ganz zu Unrecht.

Trotzdem: Nicht der Nutzung der der Möglichkeiten der Welt tritt Paulus hier entgegen. Sondern der Überhöhung dieser Möglichkeit als Hybris menschlicher Selbstinszenierung. Mit seinem "als ob nicht" will er hier nichts anderes bewirken, als der Zeit Gottes Tür und Tor zu öffnen. Nichts anderes als die Exzellenzinitiative Gottes zum Zug kommen zu lassen.

Nein, Paulus ist kein Theologe der Weltentsagung. Prüfet alles, schreibt er in einem anderen seiner Briefe. Nutzt die Möglichkeiten, die euch das Leben und die Wirklichkeit bieten. Aber nicht alles, sondern "das Gute behaltet!" - so geht der Satz weiter. Es plädiert also für eine verantwortliche Auswahl unserer Möglichkeiten.

Für Paulus gibt es ein Ausschlusskriterium des Nicht-Zuträglichen. Ein letztes Sich-zur-Wehr-Setzen gegen alles, das mich auf korrekt geordnete Lebensvollzüge und die Nutzung meiner Genussmöglichkeiten begrenzt.

Einem vorschnellem "als ob nicht" im Blick auf die Welt, die uns umgibt, setzt Paulus die Gegenwart und die Wirkmächtigkeit Gottes entgegen. Auf deren Verwerfung im Sinne eines falsch verstandenen "als ob nicht" darf ich durchaus verzichten, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müsse.

Paulus versteht sein "als ob nicht" als Weg zu einer Horizonterweiterung, die den Blick auch auf die Wirklichkeit jenseits des Vorfindlichen richtet. Sein "also ob nicht" bezieht sich auf das Drängen einer Zeit, der es um ganz anderes geht, als den Menschen den gelingenden Umgang mit der Wirklichkeit ausreden zu wollen.

Als Hüter dieser Sicht auf Gott und Welt tut die Theologie der Universität als Ganzes gut - wie dieser Gottesdienst dem akademischen Wirken des kommenden Jahres.

Forschen - so "als ob nicht" allein die Natur der Dinge, sondern auch deren verborgene Einbettung in die Sinnstrukturen des Seins zu sehen und zu klären wären.

Lehren - so "als ob nicht" allein das Wissen, sondern womöglich auch die Weisheit darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält, sich als unverzichtbar erwiesen.

Verantwortlich handeln und entscheiden auf all den akademischen und hochschulpolitischen Feldern - so "als ob nicht" allein die Zukunft der Universität und all ihrer Einrichtungen im Zentrum steht, sondern das Weltwissen überhaupt, einschließlich des Eingeständnisses, dass Erfolg und Gelingen nicht allein in den Bereich des Machbaren gehören.

Ein akademisches Jahr des "als ob nicht" könnte hier und heute seinen Anfang nehmen. Und allem Tun gerade so ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Albert und Ludwig, der Theologe und der Landesherr bilden schon im Namen der Universität die Synthese dieser beiden genauso unterschiedlichen wie dennoch nicht konträren Welt-Sichten ab. Gottesdienst und Festakt tun an diesem Vormittag in ihrem Zusammenspiel dazu ein Übriges.

Ich weiß nicht, was Paulus selber zu unserem Tun anzumerken hätte, wäre er heute mitten unter uns. Feiern wir diesen Gottesdienst, als ob er heute nicht anders zu uns sprechen würde. Feiern wir so, als ob Gott es mit seinem Segen für das Gelingen dieses neuen Akademischen Jahres dieser Universität an Nichts fehlen ließe. Es wäre nicht der schlechteste Start.

"Als ob" wir es von Gott anders zu erwarten hätten! Amen.



Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn