Ansprache zur Erinnerung an das Ende der Ersten Weltkriegs im Rahmen der Morgenandacht bei der Landessynode am 24. Oktober 2018 in Bad Herrenalb


Liebe Schwestern und Brüder!

"Wie kann ein Mensch sich Götter machen?" Das ist die Losung für diesen heutigen Tag. Und voraus geht die nüchterne Erkenntnis: "Nur Lüge haben unsere Väter gehabt, nichtige Götter, die nicht helfen konnten." Auch der Blick auf den Ersten Weltkrieg bestätigt diese bittere Einsicht.

Lügen - etwa die: Dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll. Die Lüge des Nationalismus der schnell aufstrebenden Großmächte jener Zeit. Die Lüge, die Bösen seien die anderen. Die Lüge nicht zuletzt, dieser Krieg sei schnell und leicht zu gewinnen. Krieg basiert immer auf der Verdrängung der Wahrheit. Auch der Erste Weltkrieg, der erste große Materialkrieg der Menschheit. 17 Millionen Menschen hat er am Ende das Leben gekostet. "Wie kann ein Mensch sich Götter machen?" Krieg ist immer Götzendienst.

Für mich geht der Erste Weltkrieg erst in diesen Tagen zu Ende. 100 Jahre nach seinem Ende im Waffenstillstand im Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne. Am 11. November 1918 war das.

Dass der Erste Weltkrieg für mich erst jetzt zu Ende geht, liegt an einem Tagebuch. Einem Kriegstagebuch. Fast für jeden Tag gibt es einen Eintrag. Ich bin dem Buch seit vier Jahren fast tagtäglich gefolgt. Ein Landwirt hat die Einträge verfasst. Der Hof wird seit Generationen in der Familie weitervererbt. Es gibt ihn auch heute noch.

Beim Abriss eines der alten Gebäude wurden einige vergilbte Hefte entdeckt, vollgeschrieben mit handschriftlichen Einträgern in Sütterlinschrift. Ein Facsimile findet sich auf der Vorderseite des Liedblattes.

Das fünfte Heft beginnt mit dem Eintrag:

Sonntag, 1. Juli 1917 mit dem Wunsche, dass Gott der Herr die Gnade schenken wolle, dass ich in dieses Tagebuch das Ende des Krieges eintragen kann.

Der Wunsch erfüllte sich nicht. Ein sechstes Heft wurde nötig, ehe am 8. Dezember 1918 der letzte Eintrag erfolgt:

Mit großem Dank gegen unseren lieben Heiland für alle Durchhilfe und Bewahrung während des ganzen Krieges beschließe ich hiermit mein Kriegstagebuch.

Der Tagebuchschreiber ist mein Großvater väterlicherseits. Ich habe ihn nie kennengelernt. Und doch ist er mir durch die Lektüre seiner Tagebucheinträge nahegerückt. Er stirbt bereits 1948, neun Jahre vor meiner Geburt. Er hinterließ elf Kinder und zuletzt fast fünfzig Enkel. Ich bin also mit einer reichen Verwandtschaft gesegnet. Der großväterliche Hof wird bis heute von meinem Cousin bewirtschaftet.

Johann Georg, so der Vorname meines Großvaters, war ein einfacher Mensch. Seine Bildung erwirbt er gewissermaßen an den Erfordernissen des tagtäglichen Lebens. Er schreibt in einfachen Sätzen. Aber er schreibt gern. Fast täglich gehen Karte an seine liebe Frau, wie er immer scheibt, er nennt nicht einmal ihren Namen.

Er verbringt fast die ganzen vier Kriegsjahre in Frankreich. In den Anfangsmonaten bekommt er an der Front noch Besuch von seiner Frau. Oder er nimmt sich Urlaub vom Krieg, um zu Hause die Ernte einzubringen. Alles ist feinsäuberlich festgehalten.

Das Besondere an seinem Tagebuch: Zwischen den Einträgen finden sich immer wieder Gedichte. Beim Wachsstehen und in der Freizeit, immer wieder bringt Johann Georg seine Erfahrungen und Sehnsüchte in Reimen zur Sprache. Einfachen, schlichten Reimen. Der Krieg als Ort der Entstehung von Gedichten - wohl eine besondere Art der Verarbeitung des Schrecklichen, des Unsagbaren.

Johann Georg geht wie viele andere politisch ahnungslos in die vier schrecklichen Jahre. Er glaubt, was man ihm vorgaukelt: Dieser Krieg kann nicht lange dauern. Im November 1914 schreibt er:

Gott schütz euch nun, ihr Lieben,
Gott schütz auch uns zugleich.
Wir kämpfen, bis wir siegen
Für Kaiser und das Reich.

(14.11.1914)

Sehr schnell merkt er, dass er sich getäuscht hat, was die Wirklichkeit des Krieges angeht. Ganz besonders an Weihnachten kommen seine Gefühle und seine Sehnsucht nach Frieden zum Tragen. In seinem Weihnachtsgedicht von 1914 heißt es:

Mein einzger Weihnachtswunsch ist der,
dass doch bald wieder Friede wär,
ein Friede für die ganze Welt,
der innen und auch außen hält,
Gott mög ihn uns bescheren.

(2.12.1914)

Ein Jahr später, Anfang Dezember 1915, lautet ein Tagebucheintrag:

Weißt du, wieviel Sternlein stehen
an dem großen Himmelszelt?
Weißt du, wann zu End wird gehen
Der große Völkerkrieg auf dieser Welt?

Weißt du, wieviel Kugeln sausen
Und dich bedrohen Tag für Tag?
Weißt du, wann Granaten brausen,
obs dich nicht einmal treffen mag?

Gott allein hat es in Händen,
in Gottes Schutz stell dich allein,
denn Gott allein kann alles wenden
und wird auch dein Beschützer sein.

(4.12.15)

Jahr für Jahr bricht sich besonders an Weihnachten seine Friedenssehnsucht Bahn. Ein Jahr später, Weihnachten 1916 steht zu lesen:

Noch steht ihr jetzt, den Hirten gleich,
auf Posten für das Deutsche Reich.
Doch leuchtet fern der Friedensstern.
Drum lobe alles Gott, den Herrn.
Und Ehre sei Gott in der Höhe,
zu End ist bald des Krieges Wehe.

(Weihnachten 2016)

Und zur letzten Kriegsweihnacht 1917 dichtet er:

Betrachten wir den Weihnachtsbaum,
steigt in uns auf ein lichter Traum.
Wir ahnens, dass aus Kampf und Not
aufsteigt ein neues Morgenrot.
Dies Morgenrot, dies gilt dem Frieden,
mög er recht bald uns sein beschieden,
und möge bald auf dieser Erden
ein sichrer Völkerfrieden werden.

(25.12.2017)

In wenigen Tagen, am 11. November also jährt sich der Waffenstillstad von Compiègne zum 100. Mal. Im Tagebuch meines Großvaters steht unter diesem Datum zu lesen:

Schon zwei Tage hörte man, dass am 11.1., mittags 12 Uhr Waffenstillstand sein sollte. Mit höchster Spannung warteten wir alle auf diese Stunde, aber um 11 Uhr begannen die Franzosen nochmals das Dorf (Onville) zu beschießen, dass wir allen Grund hatten, in letzter Stunde noch das Schlimmste befürchten zu müssen, aber des Herrn Hand behütete uns, und um 12 Uhr hörte plötzlich alles Schießen auf, so dass wir erleichtert waren und aufatmen konnten. Dankbaren Herzens ging ich in das nahe liegende Gotteshaus, um dem Herrn aus tiefstem Herzensgrund zu danken, dass ich gesund diese Stunde erleben durfte.
(11.11.2018)

Was hat Johann Georg mit seinem Gott ausgemacht? Dankbar, dass er überleben durfte. Hat er ihm geklagt, was dieser Krieg so vielen Menschen zugemutet hat? Hat er sich aufgelehnt, weil kein Gebet diesen Krieg früher hat enden lassen? Hat er Gott die Einsicht vor die Füße geworfen, vier Jahren seines Lebens beraubt worden zu sein? Sein Opfer gebracht zu haben für fremde Götter, die Menschen sich gemacht haben. Götter, deren Opferbedarf schier unersättlich gewesen ist?

In seinem Tagebuch schweigt er dazu. Und ich habe ihn ja nie fragen können. Meinen Großvater mütterlicherseits habe ich als Kind sehr wohl gefragt. Von den schrecklichen Schlachten am Hartmannsweiler Kopf hat er mit erzählt. Vom Kartenspiel mit den Feinden zwischen den Schützengräben, ehe man wieder zur Schlacht Auge in Auge zurückbeordert wurde.

"Wie kann ein Mensch sich Götter machen?" Wie können Menschen ihre Mitmenschen behandeln wie ersetzbares Menschenmaterial. Die Erzählungen des einen Großvaters und die meines Vaters haben mir zumindest den Glauben an die Kriegsgötter ganz gründlich ausgetrieben. Zur Verhandlung bei meiner Kriegsdienstverweigerung habe ich eine Stellungnahme meines Vaters vorgelegt. "Zwölf Jahre meines Lebens habe ich sinnlos verloren", schrieb er darin. "Das reicht für alle meine vier Söhne."

Der Beisitzer, ein Major a.D. ließ die Sitzung unterbrechen. Er müsse sich erst beruhigen, wie ein deutscher Soldat seinen Dienst in den Schmutz ziehe, indem er seine Dienstzeit als sinnlos bewerte. Und bis heute frage ich mich: Was sind das für Götter, die Menschen so blenden können?

Ich bin sehr dankbar für das Kriegstagebuch meines Großvaters. Er war kein Held im Widerstand. Aber sein innerer Widerstand gegen diesen Krieg wächst von Seite zu Seite. Ob er die Götter recht wahrgenommen hat - ich weiß es nicht.

Aber sein Tagebuch hat mich noch einmal gelehrt, die Schrecken dieses Ersten Weltkriegs wahrzunehmen. Und die Abkehr gegen diese menschenmörderische Art der Konfliktbewältigung tief in mich hinein zu pflanzen.

Ich bin froh, dass am 11.11. der Erste Weltkrieg nach 100 Jahren dann auch für mich zu Ende ist. Amen.


Traugott Schächtele

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