PREDIGT
ÜBER RÖMER 7,14-25A (IN AUSWAHL)
AM SONNTAG, DEN 28. OKTOBER 2018
(22. SONNTAG NACH TRINITATIS)
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN WOLLENBERG


Liebe Festgemeinde hier in Wollenberg!
Ein neuer Mensch werden, das wärs doch! Ein neuer Mensch werden, nicht irgendwie, sondern ein Mensch, dem es gelingt, gut zu leben. So zu leben, wie es Gott und meinen Mitmenschen recht ist, das wäre doch eine großartige Möglichkeit.
Ein neuer Mensch werden, nicht irgendwann, sondern ein Mensch, dem die Wende zum Guten gelingt, ab sofort, jetzt ab diesem Gottesdienst - wenn das gelänge, dann hätte sich diese Stunde an diesem Sonntagmorgen doch gelohnt.

Und tatsächlich, das geht! Nicht erst ab heute. Sondern in dieser Kirche seit 250 Jahren! Seit der Einweihung am 28. Oktober 1768. Das muss man doch feiern. Und Sie feiern darum auch zu Recht.

Von Herzen gratuliere ich ihnen hier in Wollenberg zum Geburtstag ihrer Kirche! Ich tue das persönlich. Aber ausdrücklich gratuliere ich Ihnen auch im Namen der Evangelischen Landeskirche in Baden. Der 250. Geburtstag einer Kirche - das ist schließlich schon kein alltäglicher Anlass. Und Grund genug, dass sich auch viele andere mitfreuen. Auch der Kirchenbezirk. Darum gestaltet Schuldekan Kuderer diesen Gottesdienst zusammen mit mir.

Der für diesen 22. Sonntag nach Trinitatis vorgeschlagene Predigttext hat es in sich. Ein zentraler Text aus dem Römerbrief des Apostels Paulus. Aber ursprünglich sicher nicht gedacht als Text für eine Festpredigt. Paulus schreibt seinen Brief an die Gemeinde in Rom in der Mitte der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Er hat sich damals in Korinth aufgehalten.

Paulus hat damals die Absicht, nach Rom zu reisen, der Hauptstadt des damaligen Reiches. Und zugleich einer der Metropole der damaligen Welt. Er will der dortigen Gemeinde schon vorab seine theologischen Hauptgedanken vorstellen. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wie der Mensch von Gott gemeint ist - und wie es um die Realität seiner Existenz steht.

Im 7. Kapitel des Römerbriefes heißt es:

Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!


Liebe Gemeinde!
Paulus steht hier vor seinem Aufenthalt in Rom. 4 bis 5 Jahre später wird er dort ankommen, um auf seinen Prozess zu warten. Zwei Jahre kann er mit einer sehr erträglichen Form von Hausarrest leben. Er kann Besucher empfangen. Und er steht mit vielen Menschen im Kontakt. Später landet er dann trotzdem im Gefängnis. Am Ende wird er hingerichtet. Etwa zehn Jahre, nachdem er den Römerbrief geschrieben hat.

Ich habe mich bei meinen römischen Gastgebern für diese Woche nicht mit einem Brief vorgestellt. Das geht heute mit email und WhatsApp ja wesentlich einfacher. Aber ich möchte in dieser Woche auch nach Rom reisen. Nur für ein paar Tage. Ich hoffe nur, meine Romreise endet glimpflicher als die des Paulus. Aber wenn man in Rom ist, kommt man um die Erinnerung an Paulus sicher nicht herum. Zumal, wenn am heutigen Sonntag auch noch ein Text aus dem Römerbrief die Grundlage der Predigt bildet.

Darum jetzt aber gleich wieder zum Predigttext. Manchmal wünsche ich mir, der Apostel Paulus lebte noch mitten unter uns. Und er könnte uns mit klaren Worten direkt und ausführlich erklären, worum es ihm in seinen Briefen immer wieder geht. Oder ich könnte ihn auch per WhatsApp erreichen und nachfragen, wenn ich etwas nicht verstehe.

Es geht um die Rivalität zweier Gesetze, wie Paulus sie nennt. Und ich muss mich entscheiden, welches dieser beiden Gesetze mein Leben bestimmt. Das eine Gesetz bestimmt die Realität meiner Erfahrung: Ich bin längst nicht immer der Mensch, der ich gerne sein möchte. Paulus drückt das in sehr klaren Worten aus: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Mit diesem Gesetz der Unfähigkeit, das Gute zu tun, steht ein anderes Gesetz im Konflikt. Paulus nennt es das inwendige, das innere Gesetz. Dieses Gesetz nennt Paulus das Gesetz Gottes.

Der Ausdruck Gesetz steht bei uns in keinem besonders positiven Ansehen. Von Gesetze fühlen wir uns in unserem Leben eingeschränkt. Und gegängelt. Und mit dem Hinweis auf ein Gesetz ist oft auch die Angst vor einer Strafe verbunden.

Vermutlich sollten wir hier gar nicht von Gesetz reden. Vielleicht eher von einem Lebensprinzip. Es geht um die Frage: Wer oder was steuert unser Leben? Der eigene Egoismus? Das Streben nach immer mehr? Die Sehnsucht, endlich einmal Erfolg zu haben? Oder gar die Angst vor dem Tod?

Dieses Lebensprinzip würde ich das Prinzip der menschlichen Natur nennen. Niemand ist davon wirklich frei.

Das, was Paulus hier das Gesetz Gottes nennt, wäre dann gewissermaßen das Gegenteil. Ein Lebensprinzip, das danach fragt, was denn mein Leben wirklich ausmacht. Ein Lebensprinzip, das darauf aufbaut, dass ich als Mensch wertvoll bin, ohne das andauernd nachweisen zu müssen. Ein Lebensprinzip auch meine Mitmenschen im Blick behält. Und in ihnen das Ebenbild Gottes wahrnimmt. Ein Lebensprinzip, das darauf aufbaut, dass mir das Wesentliche im Leben als Geschenk zufällt.

Das erste Prinzip habe ich vorhin als Prinzip der menschlichen Natur bezeichnet. Dieses zweite würde ich dann das Prinzip meiner göttlichen Bestimmung nennen. Wie verhalten sich denn nun diese beiden Lebensprinzipien zueinander? Kann ich mich vom ersten, dem Prinzip der menschlichen Erfahrung einfach verabschieden? Und dann als ein Mensch leben, der nur so im Leben unterwegs ist, wie es Gottes Willen entspricht? Es sieh ja derzeit nicht danach aus, als ob sich diese Haltung in der Welt durchsetzt.

Und so stelle ich mir vor, ich gehe in der kommenden Woche durch Rom, auf den Spuren des Apostels Paulus. Und plötzlich steht er neben mir, ganz unauffällig und unaufdringlich. So dass er den anderen gar nicht auffällt. Was für eine Überraschung! "Du hattest doch eine Frage an mich!", sagt er. "Du fändest es gut, hast du gesagt, Du könntest dich einmal direkt an mich wenden. Jetzt brauchst du nicht einmal mehr WhatsApp oder email. Du musst auch nicht rätseln, wie meine Sätze im Römerbrief zu verstehen sind. Der ist zugegebenermaßen wirklich nicht immer leicht zu verstehen.

Ich wollte den Christen in Rom schon zeigen, dass ich kein theologisches Leichtgewicht bin. Schließlich waren über mich genügend Gerüchte im Umlauf. Aber jetzt kannst du mich direkt fragen." Ich bin überrascht und aufgeregt. Paulus aus Tarsus, den großen Theologen aus den Anfängen der Christenheit trifft man schließlich nicht alle Tage.

"Es geht um das, was du mit dem Ausdruck Gesetz meinst", frage ich. "Wie kann es möglich werden, dass ich nach dem Gesetz Gottes lebe?" "Ganz wird das keinem Menschen gelingen", setzt Paulus mit seiner Antwort ein. "Das Gesetz der menschlichen Natur sorgt dafür, dass eure eigenen Interessen, eure eigenen Pläne immer wieder zum Vorschein kommen. Aber da ihr das Gesetz Gottes kennt, könnt ihr euch immer wieder korrigieren. Und euer Leben am Gestz Gottes ausrichten. Es bildet so etwas wie eine Zielperspektive. Also so etwas wie ein Kompass.

Aber beide Gesetzte bleiben im Dauerkonflikt. Eurer großer Reformator Martin Luther hat das mit dem lateinischen Wort Simul umschrieben, das heißt "Zugleich". Zugleich Sünder, hat er gesagt. Und zugleich Gerechter. Beides trifft auf uns Menschen zu. Beide Gesetze versuchen, über uns die Oberhand zu gewinnen."

"Und wie kann ich die beiden Gesetze unterscheiden? Und warum nennst du das überhaupt Gesetz?" Ich frage einfach weiter, wenn ich schon einmal die Gelegenheit dazu habe. "Jetzt musst du zweierlei unterscheiden", fährt Paulus fort. "Zum einen gibt es im Judentum so etwas wie das Gesetz Gottes - ganz klar in Buchstaben überliefert. Die Thora nennen die Menschen dieses Gesetz. Am ehesten wäre es als Wegweisung zu übersetzen. Oder als hilfreiche Lebensrichtlinien. Menschen jüdischen Glaubens versuchen, ihr Leben an diesem Gesetz auszurichten. Auch ich habe mich immer darum bemüht. Zumindest lange Jahre meines Lebens. Ich habe mich zeitlebens als Angehöriger der jüdischen Religion verstanden. Schließlich trage ich auch den Namen des ersten Königs von Israel. Saul.

Aber mir ging es noch um etwas anderes. Ich habe mich gefragt: Wie finden die Menschen, die nicht meine jüdische Mutterreligion angehören, zu Gott. Für sie müsste es doch noch einen anderen Weg geben?" "Und - hast du einen solchen Weg gefunden?" Gespannt frage ich weiter. "Ja, das habe ich!", fährt Paulus fort. "Für die anderen führt der Weg zu Gott über diesen Jesus aus Nazareth. Sein Leben, sein Sterben, seine Auferstehung bilden so etwas wie eine andere Möglichkeit, dem Gesetz Gottes Raum zu geben.

Sein Beispiel, die Bereitschaft, sich an diesem Jesus aus Nazareth auszurichten, schreibt dieses Gesetz Gottes den Menschen gewissermaßen ins Herz. Es geht also weniger um die Erfüllung bestimmter Vorschriften, es geht vielmehr darum, der Nächstenliebe im Leben Raum zu geben. Und zugleich der Gottesliebe. Es geht um so etwas wie eine innere Erneuerung.

Du musst also drei Möglichkeiten des Lebens unterscheiden, drei Wege. Der erste ist - so habe ich das damals den Menschen gesagt: Das Böse, das ich will, das tue ich auch. Ehrlich gesagt, manchmal habe ich den Eindruck, das macht heute wieder ganz gehörig Schule. Menschen, so ganz ohne Mitleid und Erbarmen. Menschen, so ganz ohne Ethik, ohne den Willen recht zu leben. Im Kleinen. Und im Großen. Denke nur an die schrecklichen Morde gestern in der Synagoge in Pittsburgh. Und an dieses unbarmherzige Denken, das solchen Gräueltaten den Boden bereitet.

Die zweite Weg, das ist der, von dem damals der Gemeinde hier in Rom geschrieben habe: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht. Aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Das beschreibt gewissermaßen die Realität. Das bedeutet: Ihr wisst, was ihr eigentlich tun sollt, um recht zu leben. Und ihr wollt es auch. Aber es gelingt euch nicht immer. Aber dieser zweite Weg ist gar nicht so übel. Er setzt so etwas wie ein inneres Navigationssystem des rechten Lebens voraus. Aber trotzdem fahrt ihr immer wieder in die Irre. Aber immerhin wisst ihr, worauf es ankommt.

Der dritte Weg, der liegt nicht in eurer Hand. Da geht es darum, dass ihr das Gute, das ihr tun wollt, dann auch wirklich tut. Dass das geht, dass das zumindest immer wieder geht, das bedarf der lebenslangen Übung. Und der Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen. Mit anderen Worten gesagt: Das bedarf der Ausrichtung eures Lebens an diesem Jesus aus Nazareth."

Paulus hat jetzt viel geredet. Jetzt schweigt er erst einmal. Und ich nutze die Pause, um ihm noch eine letzte Frage zu stellen. "Wenn dieses Leben nach Gottes Willen der lebenslangen Übung bedarf, wer unterstützt mich dabei? Wenn ich wirklich ein neuer Menschen werden will - wo und wie kann ich damit anfangen?"

"Ihr müsst euch gegenseitig unterstützen", antwortet Paulus. "Indem ihr lebt, als wärt ihr Schwestern und Brüder. Ihr müsst die Erfahrungen derer nutzten, die vor euch gelebt haben. Ihr müsst in Erfahrung bringen, wie sie es versucht haben. Etwa dadurch, dass ihr meine Briefe lest. Und ihr müsst das Leben feiern und den, dem ihr eure Leben verdankt. Dazu ist die weltweite Kirche da. Und eure Kirchen. Als Orte, an denen ihr zusammenkommt und Gottesdienst feiert."

Und ehe ich noch einmal antworten kann, ist Paulus verschwunden. Und ich stehe allein mitten im lauten Verkehr. Mitten unter unzähligen Menschen, Einheimischen und Touristen. Und mein Blick fällt auf die Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Hier, so heißt es, sei Paulus bestattet worden.

Die Kirchen sind also wichtig! Sie sind wichtig, um miteinander zu singen und zu hören. Zu schweigen und zu feiern. Die Kirchen sind wichtig als Ort der Gemeinschaft. Die Kirchen sind wichtig, um sich im Gesetz, im neuen Lebensprinzip Gottes einzuüben. Die Kirchen sind wichtig, ja unverzichtbar, um ein neuer Mensch zu werden.

Auch für ihre Kirche hier in Wollenberg gilt das. Seit 250 Jahren. Wieviele Gottesdienste sind hier gefeiert worden. Wieviele Taufen und Konfirmationen. Wieviele Hochzeiten. Wieviele Worte des Abschieds von einem lieben Menschen wurden hier gesprochen.

Es ist gut, ja es ist unverzichtbar, dass es solche Orte gibt. Man muss gar nicht nach Rom fahren, um das zu erfahren. Es genügt schon, den Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom zu lesen. Damit ich das Gute, das ich will, auch tun kann. Fröhlichen Herzens und zuversichtlichen Glaubens.

Darum hüten und pflegen sie ihre Kirche. Schließlich wollen auch die, die nach uns leben, gute und neue Menschen werden. Das lasst uns heute feiern, am 250. Geburtstag ihrer Kirche. Und ich bin sicher: Sie gehen auch heute wieder neugeworden nach Hause. Weil Gott uns neu machen will. Hier in Wollenberg. In Rom. Und wo immer Menschen Gottes Gegenwart feiern und Himmel und Erde sich berühren. Immer wieder aufs Neue. Amen.

Traugott Schächtele

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