PREDIGT
ÜBER MICHA 4,1-5
ZUR WIEDERINDIENSTNAHME DER LUTHERKIRCHE IN KARLSRUHE
AM SONNTAG, DEN 11. NOVEMBER 2018
(DRITTLETZTER SONNTAG IM KIRCHENJAHR)


Festliche Zeiten - närrische Zeiten, liebe Gemeinde! Da feiern Sie die Wiederindienststellung und Wiedereinweihung ihrer in neuem Glanz erstrahlenden Lutherkirche. Und sie tun dies ausgerechnet am 11.11., dem Tag, an dem traditionell die Närrinnen und Narren die Macht übernehmen. Und das dann auch noch gerade 111 Jahre, nachdem diese Kirche im Jahre 1907 eingeweiht worden war.

Mit ihnen freue ich mich über diese erneute Machtübernahme und das Fest der Schlüsselzürücknahme ihrer Gemeinde in ihrer Lutherkirche - mitten in der evangelischen Kirche in Karlsruhe.

Närrinnen und Narren sagen ja bekanntermaßen die Wahrheit. Und als Närrinnen und Narren Christi wird diese Wahrheit hoffentlich uns allen Beine machen. Und uns zum Feiern bringen. Und auch dazu, diese Welt im Angesicht Gottes als eine lebenswerte zu erhalten und ihr ein menschlicheres Angesicht zu geben.

Festliche Zeiten - närrische Zeiten! Das ist keine Erkenntnis nur der Gegenwart. Von närrischen Zeiten handelt auch der Predigttext. Ich habe ihn im Vorgriff auf die neuen Zeiten im neuen Kirchenjahr schon nach der neuen Ordnung der Predigttexte ausgewählt. Von närrischen Zeiten handelt er, weil das Gotteshaus, von dem da berichtet wird, überquillt - das wäre auch dieser Lutherkirche nicht nur für heute, sondern für jeden Sonntag zu wünschen. Närrisch sind die Zeiten auch, weil es nicht die eigenen Leute sind, die hier das Haus füllen, sondern die, die eigentlich gar nicht dazu gehören.

Im 4. Kapitel des Buches vom Propheten Micha wird über diese Zeiten berichtet:

In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln!

Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des Herrn Zebaoth hats geredet. Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes, immer und ewiglich!


Festliche Zeiten, närrische Zeiten! Scheinbar weit weg und doch ganz nah! Nein, diese Lutherkirche ist nicht der Tempel in Jerusalem. Sie ist überhaupt kein Tempel. Sie ist kein Ort, an dem ich eine Gottheit lokalisieren kann, die anderswo nicht zu finden wäre.

Aber auch diese Lutherkirche steht in einer Kette der Tradition. Gerade auch in der Tradition des evangelischen Kirchenbaus. Beim Baukirchentag 1951 auf dem fränkischen Rummelsberg wurde dazu programmatisch festgehalten, was an Einsicht auch schon 1907 in Geltung gestanden hat. Da heißt es: "Evangelischer Gottesdienst kann grundsätzlich überall gehalten werden, in jedem Raum und auch im Freien. Aber schon aus praktischen Gründen ist für eine an einen Ort gebundene Gemeinde ein Kirchengebäude notwendig."

Anders gesagt - und aus der Predigt von Präses Peter Beier bei der Wiedereinweihung des Berliner Doms im Jahre 1993 zitiert: "Die Wahrheit braucht keine Dome. Das Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm." Die Mienen der damals zahlreich vertretenen Prominenz, angefangen beim damaligen Bundeskanler, erstarrten, als sie zu hören bekamen, was in der der Kirche doch seit Jahrhunderten in Geltung steht: Wir haben Kirchen und pflegen sie und halten sie in Ehren, weil es uns das gottesdienstliche Feiern der Gemeinde leichter macht. Das ist allemal Grund zur Dankbarkeit. Aber eine Überlebensbedingung der Kirche ist es nicht.

Dies Lutherkirche steht dabei unübersehbar in der baulichen Tradition ihrer Zeit. Auch damals waren närrische Zeiten angebrochen. Festgehalten im sogenannten Wiesbadener Programm aus dem Jahre 1891: "Die Kanzel, als derjenige Ort, an welchem Christus als geistige Speise der Gemeinde dargeboten wird, ist mindestens als dem Altar gleichwerthig zu behandeln. Sie soll ihre Stelle hinter dem letzteren erhalten und mit der im Angesicht der Gemeinde anzuordnenden Orgel- und Sängerbühne organisch verbunden werden." Die Kanzel nicht mehr seitlich im Kirchenschiff. Die Orgel nicht mehr auf der Westempore über dem Eingang. Vielmehr Altar, Kanzel und Orgel zentral auf einer Linie liegend.

Nein, mittig und zentral soll sie die Stellung der Predigt betonen. Und Christus, nicht allein präsent in Brot und Wein auf dem Altar. Sondern in Lesung und Predigt von der Kanzel. Als eine unübersehbare Bezeugung dieses Anspruchs ist diese Kirche von Anfang an gedacht. Als bedeutendes Baudokument, das Luthers reformatorisch-programmatischen Anspruch an alle Getauften, das allgemeine Priestertum, auch baulich zum Ausdruck bringt. Keine Kirchenschiffe, die Menschen zu Zuschauern machen. Kein Chorraum, in dem die einen Gott näher scheinen als die andern im Kirchenschiff. Luther erweist sich so nicht nur als Namenspatron dieser Kirche, sondern zugleich als derjenige, dessen Theologie man sich auch baulich verpflichtet fühlt: eine Kirche als Ort des unmittelbaren Zugangs zu Gott. Auch wenn dieser an diesen Ort gar nicht gebunden ist.

Der Tempel als Ort des unmittelbaren Zugangs zu Gott - für alle, davon berichtet der Text aus dem Buch Micha. Und das ist aus damaliger Sicht mehr als nur närrisch! Die Völker - sie liegen nicht mehr als Feinde hochgerüstet vor den Mauern der Stadt, wie im 8. Jahrhundert die Assyrer und im sechsten die Babylonier. Nein, die Völker kommen und strömen ohne Angst zu verbreiten - nicht im Kettenhemd, sondern im Pilgergewand.

Wenn es so etwas gibt, wie die Ökumene der Religionen, dann nimmt sie hier ihren Ausgang. Fremde suchen ihren Gott bei Fremden. Und werden gerade dadurch neu heimisch. Religion - nicht länger nur Zankapfel uns Anlass von Feindschaft und Gewalt. Nein, hier wird sie zur Brücke, ja zur belastbaren, verbindenden Klammer neuer Gemeinsamkeit.

Und dann das närrischste Bild von allen: Das von den Schwertern, die zu Pflugscharen umgeschmiedet, von den Spießen, die zu Sicheln umgebogen werden. Welch subversive Kraft von diesem Bild ausgeht, das hat die Friedensbewegung gerade mit diesem Bild als schlichtem Aufnäher auf dem Anorak in den 80er Jahren in der ehemaligen DDR bewiesen. Ein Leben unterm Feigenbaum und inmitten von Weinstöcken - ein Leben zumal ohne Bedrohung - all denen möchte ich das wünschen, die gerade auch in unserem Land - Gott seis geklagt - immer wieder auch das Gegenteil erleben.

Vor zwei Tagen haben wir der 80. Wiederkehr der Reichspogromnacht gedacht. Und wieder feiert der Antisemitismus fröhliche, besser unheilige Urständ - mitten unter uns. Ich wills, ich kanns nicht glauben. Und muss es doch. Weil die Zahlen und Fakten dafür sprechen. Und der Namenspatron dieser Kirche hat daran durchaus seinen Anteil. Nein, dass sich alle auf den Weg machen "zum Berg des Herrn und zum Hause des Gottes Jakobs" - es ist mehr eine kühne Vision als Beschreibung der Gegenwart.

Wenn es denn nur närrische Zeiten wären! Heute vor 100 Jahren ging der erste große Materialkrieg der Menschheit zu Ende. Der Erste Weltkrieg. Als er begonnen hat, da war diese Kirche gerade sieben Jahre alt. Da wurde hier immerhin schon sieben Jahre gepredigt. Gottesdienst gefeiert. Gesungen und gebetet. An vielen Orten. Und doch wurden die Pflugscharen wieder zu Schwertern. Und am deutschen Wesen sollte die Welt genesen.

Festliche Zeiten - närrische Zeiten! Und wir glauben und hoffen wieder. Aufs Neue. Gegen den Augenschein. Und zu dem einen Haus Gottes auf dem Berg des Herrn sind viele solche Häuser dazugekommen. Eine beispiellose Geschichte des Belegs dafür, dass Gott sich nicht nur an einem Ort finden lässt. Und dass wir auf solche Orte der Gottesbegegnung nicht verzichten müssen. Nicht nur "aus praktischen Gründen", wie es in den Rummelberger Grundsätzen heißt, die ich vorhin schon zitiert habe.

Nein, Kirchen sind Orte, die uns die Gottesbegegnung leichter machen. Orte der Konzentration unserer Aufmerksamkeit. Orte der Musik und der Kunst. Orte der Rede und des Gebets. Und doch auch immer wieder Orte des dankbaren Schweigens. Wir sind es, die diese Orte nötig haben. Weil die Präsenz Gottes an ihnen unübersehbar ist. Weil sie schon predigen, ehe irgendjemand die Stimme erhoben hat.

Dass sie heute erneut feiern können, dass diese Lutherkirche ein solcher Ort ist - und durchaus auch einer von herausgehobener baulicher Qualität - es ist allemal Grund zur Dankbarkeit. Genauso aber zur Verpflichtung, ein Haus Gottes und ein Haus der Menschen zu sein. Und ein Haus der Entgrenzung und der Entfeindung dazu.

Nicht nur die sind eingeladen, die sich hier ohnedies heimisch fühlen. Nein, auch die, die als Suchende den Weg hierher finden. Und die sich Weisung erhoffen in der Unübersichtlichkeit und der Überforderung unserer Tage.

Nicht nur die mögen hier eine heilsame Unterbrechung ihres Alltags finden, die sich auskennen in den heiligen Schriften und für die Religion unverzichtbar zum Leben dazugehört. Nein, auch die, denen Gott einstweilen ein fremdes Wort bleibt und denen kein Glaube den Weg durchs Leben weist.

Nicht nur die mögen hier ein- und ausgehen, die mit den Antworten von gestern zufrieden sind, weil Neues sie verunsichert und aus den Bahnen ihres Denkens und Handelns wirft. Nein, auch die, die Kirche anders denken als wir es bisher gewohnt sind. Und die in diesem Kirchenraum auf Wahrheiten stoßen, die wir hier noch gar nicht zu denken gewohnt waren.

Ein klein wenig närrisch, vielleicht sogar noch ein klein wenig närischer darf es ruhig zugehen in dieser Lutherkirche. Und einem, der wie ich einst an einem 11.11. ordiniert worden ist, mag man die Sympathien für die Närrinnen und Narren Gottes nicht verübeln.

Es müssen gar nicht immer die großen Zahlen sein, die diesem Haus Gottes sein Recht und seine Würde geben. Dafür aber die Größe und die Weite der Offenheit unseres Denkens. Und die zuversichtliche Unentwegtheit im Blick auf die Kühnheit unseres Glaubens.

Die große Umkehr, von der Micha spricht, mag erst am Ende der Zeiten Wirklichkeit werden. Aber die vielen kleinen Wege, die zu den vielen kleinen Orten der Gegenwart Gottes führen - in unseren Tagen und durch alle Doppeldeutigkeit der Zeichen der Zeit hindurch - diese kleinen Wege mögen am Ende in viele kleine Fest der durchgehaltenen Hoffnungen münden. An Orten, an denen gesungen und gefeiert, an denen bereut und noch einmal neu begonnen wird. In den unscheinbaren Schlupflöchern, durch die sich die Wahrheit ihren Weg bahnt. Und genauso in den unverzichtbaren prächtigen Häusern der Gegenwart Gottes wie dieser Lutherkirche.

Festliche Zeiten - närrische Zeiten! Auch nach dem 11.11. 2018! Hier an diesem Ort. Und wo immer Gott zum Fest des Lebens einlädt. Nicht erst am Ende der Zeiten. Amen.


Traugott Schächtele

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