PREDIGT
ÜBER JESAJA 35,1-10
AM SONNTAG, DEN 9. DEZEMBER 2018
(2. SONNTAG IM ADVENT)
IN DER HEILIGGEISTKIRCHE IN HEIDELBERG


Liebe Gemeinde!

"Am Ende sind es womöglich die Gärtner, die die Welt retten." Mit dieser Folgerung endet ein Artikel der Süddeutschen Zeitung vor acht Tagen. Der Beitrag handelt von den Plänen eines Münchner Büros für großflächige Begrünungen. Es hat den Auftrag, eine neue grüne Stadt zu konzipieren. Sie soll mitten in der ägyptischen Wüste liegen.

Bescheidenheit ist die Sache des Planers sicherlich nicht. Denn er kündigt vollmundig an: "Ich werde es in der Wüste regnen lassen. Und dann mache ich daraus einen großen Wald."

Ein anderer hat es nicht bei der bloßen Ankündigung gelassen. Der australische Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo hat vor einigen Wochen den Alternativen Nobelpreis erhalten. Er gilt als "Waldmacher", denn er hat eine Methode entwickelt, aus Wurzeln, die im Wüstensand schon verborgen sind, neue Wurzelsysteme heranzuziehen.

Nach bahnbrechenden Erfolgen wird seine Methode inzwischen in mehr als 25 Ländern praktiziert. Längst hat er damit nicht nur Wüstenbildung bekämpft, sondern auch Hunger und Verzweiflung. "Ich habe selten einen Menschen kennen gelernt, der mit solch einem Engagement an seinem Ziel festhält, die Welt wieder zu begrünen" - das hat der Vorstandsvorsitzende von World Vision Deutschland, Christoph Waffenschmidt, erklärt.

Zukunft durch die Verwandlung von Wüste in grünes Land - das ist eines der prägenden Bilder des Advent. Zukunft auch durch die Überwindung von Handicaps, von körperlichen Beeinträchtigungen durch die Kunst der Medizin. Zu den Gärtnern, die die Welt retten, kommen also die Heiler noch dazu. Ist es das, worauf Menschen warten. Ist es das, worauf wir warten - worauf ich warte im Advent?

Der Predigttext für diesen 2. Advent versucht eine Antwort auf diese Frage. Er stammt aus dem Jesajabuch. Aber nicht vom Propheten Jesaja selber. Sondern von einem deutlich jüngeren Propheten, der mehr als zwei Jahrhunderte später gewirkt und das Jesajabuch bearbeitet hat. Seinen Namen kennen wir nicht. Aber dafür sein Lebensthema. Es ist die Rückkehr aus der Verbannung in Babylon in die Heimat. Es ist der Sieg über wüste Zeiten. Und über wüste Landschaft. Im 35. Kapitel des Jesajabuches heißt es:

Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unsres Gottes.

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: "Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt, um das Recht von neuem aufzurichten; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen. "Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.

Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.

Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Das Lied von der blühenden Wüste


(Melodie EG 676: Der Lärm verebbt)

Die Sehnsucht blüht. Und das ferne Strahlen

taucht längst die Tage in neues Licht,

lässt bunte Bilder der Zukunft malen.

Das Schweigen endet, weil Gott längst spricht.

Der Wüsten Wege lässt Gott ergrünen,

stärkt schwache Hände, wärmt dunklen Sinn.

Sein Wort schenkt Flügel, lässt uns erkühnen,

den Schritt zu wagen zum Neubeginn.


Liebe Gemeinde!

Vollmundig ist wohl eher zurückhaltend formuliert, wenn ich die Bilder dieses Textes vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse. Da wird mit kräftigen Pinselstrichen und mit leuchtenden Farben eine neue Welt beschrieben. Eine Welt, die so noch lange nicht Wirklichkeit ist.

Nicht die Klage über die Versteppung der Erde als Folge des Klimawandels ist ihr Thema - nein, der Rückgewinn von Wüste durch ihre Verwandlung zu grünem Land. Nicht Strategien zum Aushalten körperlicher Einschränkungen sind ihr Thema - nein, diese Gebrechen werden der Vergangenheit angehören. Nicht gute Worte angesichts eines trostlosen Seelenzustandes sind ihr Thema - nein, zugesagt ist ein Aufrichten der Gebeugten, damit sie erhobenen Hauptes ihrem Gott ins Gesicht sehen können.

Befremdlich, fast zu surreal sind die Bilder. Die Narren sollen nicht mehr umherirren - als wären wir nicht alle immer wieder Närinnen und Narren, nicht nur vom 11.11. bis zum Aschermittwoch, sondern herumirrend in den Unübersichtlichkeiten des tagtäglichen Lebens. Kein Umherirren mehr. Fast nicht zu glauben. Kein Platz mehr für Löwen und Raubtiere - als ob diese, anstatt zu bedrohen, nicht längst selber bedroht wären. Als ob deren Bedrohung und deren Aussterben in diesen Tagen eine himmlische Würde eignete.

Und dann das - wahrhaftig! - Finale grande! Der Triumphzug der Erlösten. Der Zion, der Berg auf dem Jerusalem liegt - nicht länger ein Zankapfel der Weltgeschichte. Sondern als Ziel der großen Wallfahrt der Glückseligen. Ewige Freude. Kein Schmerz mehr. Und keine Tränen. Eine neue Welt. Eine gänzlich andere als die, in der wir leben. Advent am Ende! Am Ende der große Advent, die große Ankunft der Welt Gottes. Am Ende. Aber mit Bildern, die mich schon heute beschwingter atmen lassen.

Wie Wasserfluten strömt neues Denken.

Advent heißt hoffen, dass nichts mehr bleibt

vom bösen Alten. Und mutig lenken

die Schritte wir, wohin Gott uns treibt.

Der Weihnacht Licht schenkt in schweren Zeiten

uns gute Richtung im Hoffnungsspiel.

Bei jenem Kind, das nach allen Seiten

das Leben weit macht, sind wir am Ziel.


Es ist eine andere Wüste, auf die ich jetzt auch noch zu sprechen komme. Es ist eine Art Wüste, die einem den Atem nimmt. Eine Wüste der Haltung und der Gesinnung. Eine Wüste der Wut und der Enttäuschung. Theologie hatten sie ihn gelehrt. Und er hatte ihnen geglaubt.

Eine neue Welt sei im Entstehen. Ein weites Feld der Möglichkeiten, Gott zu erfahren, zu spüren. Um Gott drehe sich unser ganzes religiöses Bemühen. Gott sei einzuordnen in die Kategorie der Erfahrung. Nah sei Gott uns gekommen. Irgendwie wie einer von uns.

Und dann wird dieses Vertrauen schändlich missbraucht. Sein Vertrauen in diesen Gott erleidet Schiffbruch. Weil so viele mit Gott in den Krieg ziehen. "Gott mit uns" auf dem Koppelschloss. Und seine theologischen Lehrer setzen ihre Unterschrift auch unter das Manifest der 93 Intellektuellen. Unterstützen die Kriegspolitik des Kaisers. Adolf von Harnack, der große Dogmengeschichtler ist dabei. Wilhelm Hermann. Der bedeutende Systematische Theologe. Und viele große Namen derer, die sich für die Meinungsführer halten im Jahr 1914. 93 Männer. Keine Frau darunter.

Vier Jahre später ist der böse Spuk vorbei. Vertraglich festgehalten in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiegne und dann im Vertrag im Schloss von Versailles. Der Preis ist hoch. Die Demütigung auch. "Unter dem Apfelbaum" sitzend, wie er selber sagt, schreibt ein Schweizer Pfarrer ein theologisches Buch. Eine Auslegung des Römerbriefs. Kein Professor. Keiner, der über seine kleine Welt hinaus berühmt ist. Der Buchscheiber ist Pfarrer in einer Arbeitergemeinde.

Ich spreche von Karl Barth. Viele bezeichnen ihn als den bedeutendsten Theologen des 20 Jahrhunderts. Ich will dem nicht widersprechen. Morgen ist es 50 Jahre her, dass er in Basel verstorben ist. Aber sein Paukenschlag, sein Weg, die Wüsten des Geistes zu begrünen, liegt schon einhundert Jahre zurück. Seit 1916 schreibt er an diesem wahrhaft Kirche und Welt bewegenden Kommentar. Ein Jahr später ist er fürs Erste fertig, 1918 schon unter der Hand zu lesen, 1919 erscheint er dann endlich auch gedruckt im Buchhandel. Und die Wüste fängt an zu blühen.

An die Tür einer neuen Welt, der Welt Gottes, will er seine Leserinnen und Leser führen. "Nicht um die rechten Menschengedanken über Gott" gehe es, sondern "um die rechten Gottesgedanken über den Menschen". Geschichte, Moral und Religion - sie alle bildeten keinen gangbaren Weg durch diese Wüste. "Gott wird nur durch Gott erkannt!" Und nicht durch das breite Spektrum menschlicher Versuche, Gott zu vereinnahmen - zugunsten eigener Zwecke. "Von Gott zu reden, heißt nicht, in erhöhtem Ton vom Menschen zu reden." Schließlich bleibt Gott uns immer gegenüber, ganz anders als die Bilder, die wir uns von Gott machen.

Ein Dorfpfarrer mischt die Theologie auf. Und wie. Wie "zwischen den Zeiten" fühlt er sich. Das alte Denken hat sich überlebt und als Irrweg erwiesen. Das neue muss erst noch klare Konturen gewonnen.

Einhundert Jahre ist das jetzt her. Wenige Jahre später blüht auch die Wüste der provinziellen Verortung dieses theologischen Denkers. Barth wird gewissermaßen über Nacht Professor der Theologie - ohne die üblichen Zugangsvoraussetzungen der akademischen Welt. In Münster. In Göttingen. In Bonn. Zuletzt - von den Nazis aus Deutschland vertrieben - über lange Jahre in Basel.

Dialektisch wird Barths theologischer Neuansatz genannt. Dieses Programm beschreibt Barth selber mit den Worten: "Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden." Vielleicht wäre es angemessener, die Theologie Karl Barths als "Paradoxe Theologie" zu beschreiben. Als Theologie der einander bedingenden Gegensätze - mit einer klaren Stoßrichtung: Von Gott zum Menschen. Nicht umgekehrt.

Heute auf den Tag vor vier Wochen, am 11. November, wurde überall des Endes des Ersten Weltkriegs gedacht. Das Ende dieser alten Möglichkeiten, die Welt in Griff zu bekommen, war offenkundig. Und es war zugleich der Anfang einer neuen Möglichkeit, der Gegenwart Gottes gewahr zu werden.

Man muss Karl Barth nicht in allem zustimmen. Neuanfänge sind immer auch von klärender Schroffheit gekennzeichnet. Und von der Gefahr neuer Vereinnahmungen. Aber da ist eine Wüste zum Blühen gekommen, in der auch heute das Überleben möglich ist. Und nicht durch neue, fremde Pflanzen. Sondern durch eine Entdeckung, die der des alternativen Nobelpreisträgers Tony Rinaudo gleicht. Der gibt nicht neue Pflanzen in die Erde. Und wird so zum Waldmacher. Er arbeitet mit den Wurzelresten, die im Boden der wüsten Landschaft schon verborgen sind. Und bringt diese zum Blühen.

Mit dem Advent verhält es sich nicht anders. Der Advent bringt nichts Neues in mein Leben. Er knüpft an an dem, was längst in meinem Leben verborgen ist.

Die Sehnsucht, dieses sich immer schneller drehende Rad der Verpflichtungen ließe sich, wenn nicht anhalten, dann doch verlangsamen.

Das Wissen, dass ich mich nur in Richtung Weihnachten ausrichten kann, wenn ich mich im Kosmos der Lebensziele orientieren kann.

Die Hoffnung, dass irgendwann all das ans Ende kommt, was Menschen das Leben schwer macht.

Die Bitte, dass die Spannkraft des Körpers hält, wenn die kraftlosen Hände und das verzagte Herz sich melden.

Der Glaube, dass Gott in der Bedürftigkeit und Schutzlosigkeit eines Kindes mehr von sich aussagt als in den Machtkämpfen und Strategiedebatten der Macher - in der Welt und in der Kirche!

Was wüst liegt in meinem Leben - im Advent kann es von Neuem zum Blühen kommen! Dass die Zahl der Menschen, die sich von diesem besonderen Adventskalender, dem Anderen Advent durch diese Zeit begleiten lassen, sich längst der Millionenzahl nähert und die, die ihn lesen, diese Zahl sicher längst überschritten hat - mich erinnert es längst an diesen Zug der Jubelenden, die sich auf den Weg zum Zion machen, wie es bei diesem uns unbekannten Propheten heißt.

Advent zu feiern heißt unterwegs zu sein. Wir sind noch nicht am Ziel. Solange nicht, wie die Tränen zur Realität unseres Lebens gehören. Ganz am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, findet sich eine adventliche Zusage, die die der blühenden Wüsten, der tanzenden Lahmen und der gezähmten Löwen noch übersteigt. Weit übersteigt. Da heißt es: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein."

Wenn dies sein wird, dann ist der Advent an sein Ende gekommen. Dann, wenn nicht mehr die Gärtner die Welt retten. Sondern Gott sich selber zu erkennen gibt. In blühender Landschaft. Und in grenzenloser Zuwendung. Für immer. Und für alle. Dann, wenn es heißt: "Seht, da ist euer Gott!"

Auf dem Weg dahin feiern wir schon jetzt - mitten im Leben: Advent! Amen.

Zum großen Wechsel sind wir geladen.

Die Wüste lebt und wer stumm war, singt.

Wenn bettelnd einst wir den Stall betraten,

ganz königlich uns der Abschied klingt;

lässt Menschen jubeln und fröhlich singen:

Die düstren Tage sind längst gezählt!

Dass unsre Lieder nach Zukunft klingen,

ist längst entschieden: Gott hat gewählt!

Des Unrechts Tage sind am Verglühen

wo Gott erstrahlt, ist der Mensch im Lot,

wie neu erschaffen wagt er zu blühen.

Die Wüste feiert mit Wein und Brot.


Anmerkung: Den Liedtext habe ich für diesen Gottesdienst geschrieben.


Traugott Schächtele

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