KLEINE GEISTLICHE TYPOLOGIE DER WEIHNACHTSPOST


In diesen Wochen des Advents erfüllt nicht nur das Warten auf das bevorstehender Fest der Weihnacht die Herzen der Menschen. Es füllt - und das jeden Tag ein wenig mehr - auch die Briefkästen an unseren Häusern. Weihnachten ist - in Verbindung mit dem Jahreswechsel - das letzte Fest, das einen wahren Sturm der Weitergabe guter Wünsche hervorruft.

Dabei zeichnet diese Grüße ein sehr unterschiedliches Gepräge und Format aus. Ich habe versucht, etwas Ordnung in diesen Tsunami weihnachtlicher Grüße zu bringen, also eine Art innere Systematik in diesen zu entdecken. Und ich will dabei auch eine Art geistlicher Bewertung im biblischen Horizont wahrzunehmen.

Sieben Typen weihnachtlicher Grüße habe ich unterschieden. Meist gibt es diese Typen nicht in Reinkultur. Aber es gibt gewissermaßen Mastermodelle, die je nach Herkunft und Fertigkeit leicht zu variieren sind.

Der erste Typus ist gewissermaßen der Klassiker: die traditionelle Grußkarte. Auf der Vorderseite ziert sie meist ein eher konservativ-kitschiges Motiv. Viel Gold und Glimmer sind zu erkennen, häufig der Stall und darüber der Stern. Die reduzierte Bildornamentik ist klar deutbar, die Ästhetik eher gewöhnungsbedürftig. Innen steht meist - schon vorgedruckt - der Wunsch nach einer fröhlichen, seltener einer gesegneten Weihnacht, der Kartenschreiber oder die Kartenschreiberin setzt nur den Namen darunter, in einigen Fällen auch noch eine Anrede oberhalb ded vorgedruckten Textes.

"Dies schreibe ich, Paulus, mit meiner eigenen Hand!" An diese Legitimierung des Paulus denke ich dabei. Der mit Füller oder Kuli eigenhändig geschriebene Gruß verleiht der Karte bei aller begrenzten Ästhetik ihren Wert. Weihnachten ist der Anlass, an der Beziehung zu einem anderen Menschen weiterzuknüpfen. Dies ist nicht die schlechteste weihnachtliche Übung.

Der zweite Typus ist der, an dem sich die kalendarische Nähe zu Weihnachten als erstes ablesen lässt. Ab Mitte November kommen diese Briefe ins Haus. Auf Hochglanzpapier, mit eingedrucktem Namen, der Darstellung der eigenen, meist sozialen Aktivitäten. Wir brauchen Ihre Fürbitte, steht da manchmal noch zu lesen. Und dann - viel größer - die Bankverbindung. Dabei liegt die Zahlkarte ohnedies als Beigabe schon im Umschlag. Das ist der Typus Bettelbrief, sicher gut gemeint, in der inflationären Mannigfaltigkeit solcher Schreiben eher im Wert reduziert, an die weihnachtliche Hilfsbereitschaft appellierend, vielleicht auch an das schlechte Gewissen im Blick auf die eigene sozial gut abgesicherte Lebenssituation.

Wieder denke ich an Paulus, an seine Sammelaktionen zugunsten der prekären ersten Christinnen und Christen in Jerusalem, an seinen "Bettelbrief" in 2. Kor. 9 etwa und die dort festgehaltene Zusage, dass Gott einen fröhlichen Geber - und sicher auch eine Geberin - lieb hat. Weihnachten ist hier eher im psychologischen Sinn im Blick, weil sich in dieser Jahres- und Kirchenjahreszeit die Geldbörsen am leichtesten öffnen und die Kreditkarten am schnellsten einsetzen lassen. Doch Geben, weil ein anderer sich gegeben hat - als unweihnachtlich diskreditieren will ich diesen Typus bestimmt nicht, auch wenn er mich bisweilen gewaltig nervt.

Den dritten Typus will ich nicht so ungeschoren davonkommen lassen. Es sind die Karten, die nicht von einer Großorganisation kommen wie beim eben beschriebenen, sondern von gewissermaßen befreundeten Unternehmungen oder Institutionen, Kirchenbezirken, bildungungsbezogenen oder diakonischen Einrichtungen. Ich kenne die Unterzeichnenden fast immer persönlich. Aber ihre Unterschriften sind eingedruckt, eine persönliche Anrede ist meist nicht vorhanden. Ehrlich gesagt, meist lese ich die nicht selten geistlich-wohlmeinenden Zwischenzeilen dann gar nicht. Ich war den Absendenden gar nicht im Blick, denke ich, war nicht die 20 Sekunden wert, die es gekostet hätte, meinen Namen zu schreiben und den eigenen handschriftlich darunter zu setzen.

Gott wurde doch tatsächlich Mensch, denke ich. Und hat nicht nur aus himmlischer Abgeschiedenheit eine Solidaritätsadresse auf die Erde gesendet. Unpersönliche gute Worte will ich diesen Typus nennen, gut gemeint und gut gedacht, sicherlich, aber nicht wirklich gut zu Ende gedacht, selbst wenn der Grafiker vermutlich gar nicht billig war.

Der vierte Typus gefällt mir da schon eher, meistens jedenfalls. Weihnachtsdeutung per Kunst will ich ihn nennen. Er kommt bei mir im direkten Sinn des Wortes an die sprichwörtlich lange Leine der sichtbar gemachten Weihnachtspost bei uns zu Hause im Flur. Auf der Vorderseite der meist gefalteten Karte findet sich ein klassisches Weihnachtsmotiv von einem der großen Meister der Kunstgeschichte, Miniaturen aus dem Mittelalter wie etwa die aus dem 15. Jahrhundert, in der Maria mit einem Buch im Bett liegt, während Josef das Kindlein wieg, ältere Meister aus den Niederlanden oder aus Italien. Aber durchaus auch 20. Jahrhundert, anstößig bisweilen wie das Bild von Max Ernst, Maria züchtigt das Jesuskind vor Zeugen - Dokumente der sekundären Menschwerdung - erst mit Fleisch und Blut, dann mit Farbe und Pinsel auf Leinwand. Die meist persönlich geschriebenen Worte weihnachtlicher Deutung verzichten höchst selten auf - oft gediegen mit Füller geschriebene - persönliche Grußworte.

Die Drechsler solcher Grüße sind meist noch älter als ich selber. Es ist ein aussterbender Typus. Das sind die Evangelistinnen und Evangelisten weihnachtlichen Grüßens. Ein "Es begab sich aber zu der Zeit ... "mit deutenden, an mich gerichteten Worten ins Bild gesetzt, im wirklichen Sinn des Wortes.

Typus 5 gefällt mir meist aber genauso gut. Hier wird der eben beschriebene weiterentwickelt und individualisiert. Graphisch modern aufgemachte Karten, teils mit origineller Faltung, nicht selten auch selber gestaltet, mit eingestanzten Löchern, mit eingelegtem Transparentpapier, originellem Format. Die Texte in Satz und Inhalt nicht selten herausfordernd, eine Denkleistung bei mir in Gang setzend - Weihnachten - das ist doch mehr als Dezember und Tradition. Da war doch was! Da ist doch noch immer was!

Weihnachten, das ist mit Händen - oder besser mit Augen zu greifen - setzt Kreativität frei - nicht nur bei Gott, sondern auch bei den Menschen. "Von seiner Fülle haben wir alle genommen" - anders kann ich das kaum beschreiben. Es sind die Karten, auf die ich Jahr für Jahr am meisten gespannt bin. Zumal der persönliche Gruß eigentlich fast nie fehlt.

Nach diesem überschwänglichen Lob kommt als sechster Typus einer, mit dem ich ehrlich gesagt von Jahr zu Jahr mehr meine liebe Mühe habe - der Rundbrief. Nicht selten engzeilig getippt, oft nicht nur auf einem Blatt mit Vorder- und Rückseite. Ein ganzes Jahr lassen liebe Menschen da Revue passieren. Das ist das Interessante. Aber die Jahresbilanzen bleiben fast immer im Positiven. Rundbriefe sind - Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel - beredte Dokumente des Verschweigens. Die Kinder sind erfolgreich, aber die Tränen der Eltern über schwierige Beziehungen haben kein Wort verdient. Der Mann hat eine neue Stelle. Ein Karrieresprung, so scheints - und womöglich wars auch einer - aber vom Entsetzen über die Freisetzung bei der alten Firma war nichts zu lesen.

Die gute Absicht verkenne ich nicht. Und der gewählten Form liegen meist Zeitmangel und ein großes Adressenverzeichnis zugrunde. Aber keine Frage: Der weihnachtliche Rundbrief ist ein höchst gefährliches Unternehmen. "Wenn ich mich denn rühmen will", schreibt Paulus, "dann will ich mich meiner Schwachheit rühmen!" Und die Menschwerdung Gottes, die wir an Weihnachten feiern - sie ist nicht in irdischen Erfolgsstories geendet, sondern in Karfreitag und Ostern - beide unentwirrbar ineinander verwoben. Weihnachtliche Grüße, zumal dann, wenn sie auch Persönliches weitertransportieren wollen, brauchen das nicht zu verbergen. Dies gilt zumindest dann, wenn sie nicht nur bilanzierend vom Jahresende her denken, sondern tatsächlich Weihnachtliches im Blick haben.

Bleibt Typus 7! Ganz, ganz, ganz selten ist er geworden: der persönliche Brief. Er kann auf weihnachtliches Dekor ganz verzichten, tut es aber in der Regel gar nicht. Es ist ein Dokument persönlicher Zuwendung, das zwischen die persönliche Anrede am Anfang und dem Gruß am Ende noch Handgeschriebenes, Individuelles einschiebt. Ich bin jedes Mal tief berührt, wenn ich einen solchen Brief bekomme - nicht nur an Weihnachten. Ohne diese wahrhaft Gott und Welt bewegende Kunst des Briefschreibens gäbe es die Kirche wohl kaum. Und im Grund ist kein Typus weihnachtlicher als dieser. Gott schreibt in diesem Kind in der Krippe einen Brief der Zuneigung an die Menschen. Und so werden wir selber zu einem "Brief Christi", wie Paulus das nennt. Und wir schreiben auch selber solche Briefe.

Sieben Typen weihnachtlicher Grüße habe ich aufgelistet und weihnachtlich einzuordnen versucht. Der achte kommt meist erst am 24. Dezember oder gar am Tag danach: der Gruß zur Weihnacht - per SMS, WhatsApp oder als Tweet - als kleiner Text, als Bild, als Video. Vermutlich hätte Paulus diese Möglichkeiten heute auch genutzt. Und ehrlich gesagt: Manche sind auch ganz schön originell. Und nicht selten kann ich auch herzlich lachen und leite - ganz missionarisch - die eine oder andere Nachricht auch weiter.

Trotzdem: Weihnachten ist für mich das analoge Fest schlechthin. Da muss es etwas zu sehen und zu schmecken, zu greifen und auch zu umarmen geben. So verstehe ich diese Botschaft der Bibel, dass Gott Mensch wird - und nicht ein Produkt künstlicher Intelligenz. Wie vielfältig - wie divers - das zu verstehen, zu interpretieren und weiterzusagen ist - dazu reicht also schon der tägliche Blick in den vorweihnachtlichen Briefkasten.




Traugott Schächtele

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