ANSPRACHE
IM GOTTESDIENST ZUM ABSCHLUSS DES DEKANATASKONFERENZ
AM DIE NSTAG, DEN 29. JANUAR 2019
IN DER KAPELLE IM HAUS DER KIRCHE IN BAD HERRENALB


ANSPRACHE
IM GOTTESDIENST ZUM ABSCHLUSS DES DEKANATASKONFERENZ
AM DIE NSTAG, DEN 29. JANUAR 2019
IN DER KAPELLE IM HAUS DER KIRCHE IN BAD HERRENALB

„Wir sind jung! Wir sind laut, weil ihr unsre Zukunft klaut!“ Dieses Satz kann man neuerdings am Freitag in unseren Großstädten hören. Schülerinnen und Schüler demonstrieren im Rahmen Fridays for future! Manchmal schon mit mehreren Tausend Teilnehmenden. Sie kommen, obwohl sie dafür keine Schulbefreiung erhalten. Für sie ist die Sorge um die Zukunft größer als die Angst vor einem Eintrag im Klassenbuch. Ganz ehrlich: Ich bin stolz auf diese Schülerinnen und Schüler!

Ein Notschrei ist das! Und er macht folgerichtig die Sehnsucht nach einem Ausweg aus der Not zum Thema. Die Tageslosung für diesen heutigen 29. Januar hat mich auf dieses Thema der Not und des Nothelfers, genauso auch der Nothelferin geführt. Da heißt es im Blick auf Gott: „Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?“

Jeremia packt Gott bei seiner Ehre. Bei seinem Amt als Nothelfer Israels. Nicht einmal Gott, so Jeremia, kann dieses Amt nur im Vorübergehen wahrnehmen. Da braucht es den ganzen Einsatz. Da braucht es mehr. Ein einziger Notruf sind diese ganzen Kapitel 11-20 im Jeremia-Buch. Da sind zugleich die Kapitel, in denen sich auch die sogenannten Konfessionen Jeremias finden. Und eben dieser Anruf Gottes als Nothelfer.

In der Tradition der Kirche, in diesem Fall in ihrem katholischen Traditionsstrom, gibt es die sogenannten 14 Nothelfer. Ihre Zusammenstellung in einer Liste und in der Bildenden Kunst stammt aus der Zeit zwischen 1300 und 1400. Diese 14 Nothelfer bezeichnen 14 Heilige aus dem 2. – 4. Jahrhundert. Sie sind bei der Verteilung der Geschlechter nicht wirklich gegendert, denn es sind 11 Männer und 3 Frauen. Aber das war für die damalige Zeit durchaus schon beachtlich.

Barbara, die Patronin der Sterbenden und des Schutzes gegen Blitz und Feuer, gehört sicher zu den bekannteren. Aber auch Margareta, die für die Schwangeren und die Heilung aller Wunder zuständig ist. Bei Sterben und Tod ist Cyriacus anzurufen. Christophorus, der Christusträger, ist der Schutzpatron der Reisenden und der Rettung aus jeglicher Gefahr.

Beichte und Kopfschmerzen, Tollwut und Jagd, es gibt fast nichts, wofür es bei den 14 Nothelfern keine Zuständigkeit gibt. Beneidenswert, wer in fast allen Sorgen und Problemen des Alltags eine so gute himmlische Absicherung hat!

Ganz ehrlich: Ich finde, solche Nothelfer haben wir gerade heute nötiger denn je. Und wenn ich mir die Palette der Zuständigkeiten anschaue, dann sind das aber eher private und individuelle Herausforderungen. Sie gehören auch heute zu den Themen, die Menschen bedrängen. Aber sie beschreiben nicht das ganze Spektrum. Gesellschaftliche oder über Landesgrenzen hinausgehende, gar den ganzen Planeten Erde betreffende Ansprechpartner oder Ansprechpartnerinnen gibt es bei diesen 11 Nothelfern und 3 Nothelferinnen leider nicht.

Dabei haben wir gerade bei diesen Themen Nachholbedarf. Und gerade weil wir Evangelischen zum Thema der Heiligen und ihrer Zuständigkeiten eine doch abweichende Position wahrnehmen, ist es gut, hier nach anderer Unterstützung Ausschau zu halten. Nein, 14 Nothelfer im traditionellen Sinn kennen wir nicht. Aber Menschen, die gewissermaßen stellvertretende für mich in die Bresche springen – Menschen, die mich durch ihr Vorbild zu eigenem Engagement verlocken, die kenne ich sehr wohl.

Das sind dann die Nothelferinnen und Nothelfer der Postmoderne. An einige will ich ausdrücklich erinnern.

An Greta Thunberg zuallererst, diese 15jährige Schülerin aus Schweden. Schon seit Monaten geht sie am Freitag nicht in die Schule und demonstriert in Stickholm vor dem schwedischen Parlament. Sie trat auch beim Weltklimagipfel in Kattowitz auf. Dort wandte sie sich u.a. mit folgenden Worten an die Teilnehmenden: „Ihr seid nicht erwachsen genug, um zu sagen, wie es ist. Selbst diese Bürde überlasst ihr uns Kindern. Aber mir ist es egal, ob ich beliebt bin. Ich will Klima-Gerechtigkeit und einen lebenswerten Planeten.“

Mittlerweile hat ihre Initiative Schule gemacht. Fridays für future ist längst in vielen Ländern angekommen. Unsere rechtlichen Rahmenbedingungen machen es unmöglich, dass die Schulleitungen die Schülerinnen und Schüler einfach freistellen. Die Sorge um das Klima ist wohl immer noch nicht so bedrängend, dass sie bestehende Regelungen in Frage stellt. Trotzdem gehen viele Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Und sie nehmen die Konsequenzen dafür in Kauf. Sie tun es auch für uns Ältere. Greta Thunberg und die, die ihr nacheifern – sie sind für mich so etwas wie postmoderne Nothelfer und Nothelferinnen.
Aber sie sind beileibe nicht die einzigen. Berichte über die Würdigung und Ehrung von Schülerinnen und Schülern, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren, gibt es zu Haus. Und vor denen, die sich mutig vor jüdische Mitschülerinnen und Mitschüler stellen, habe ich besonderen Respekt. In Schwetzingen - und sicher nicht nur da – gestalten schon seit einigen Jahren Schülerinnen und Schüler das Gedenken am 9. November und am 27 Januar.

Wenn ich mir im Internet die Fotos der Mitarbeiten bei ICAN anschaue, sind, so scheint es, Menschen jüngeren Alters auch dort in der Mehrzahl.

Um Nothelferin und Nothelfer in neuer Zuständigkeit zu finden, scheinen die Jüngeren inzwischen aufgeschlossener als viele Menschen meiner Generation.

Überhaupt fällt mir bei der Frage nach den Nothelferinnen und Nothelfern ein Paradigmenwechsel auf. Noch vor einigen Jahren waren es die „zornigen alten Männer“ – wie ein Buchtitel geheißen hat - und die „zornigen alten Frauen“ sicher auch, die sich frei von beruflicher Verantwortung und frei von Angst vor beruflichen Konsequenzen mutig und kritisch geäußert haben. Diese zornigen Älteren, so scheint’s heute, sind bisweilen ratlos geworden. Ihre Stimmen sind längst nicht immer so laut wahrzunehmen, wie es lange Zeit war – und wie es doch hilfreich und unverzichtbar wäre.

Die älteren und alten Nothelferinnen und Nothelfer finden sich im komplizierten Dschungel der globalen Herausforderungen immer weniger zurecht. Stattdessen übernehmen immer mehr die Jungen diese Aufgabe. Martin Affolderbach hat vor vielen Jahren davon gesprochen, dem Erfahrungsvorsprung der Älteren stehe der Betroffenheitsvorsprung der Jüngeren gegenüber. Vielleicht ist das das Problem: Wir lassen uns nicht mehr genügend betreffen.

Natürlich bestätigen Ausnahmen auf der einen wie auf der anderen Seite auch diese Regel. Aber der Wandel in der Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung ist dennoch unübersehbar.

Auch Jeremia setzt nicht so sehr auf seine Erfahrung. Auch er setzt darauf, dass er betroffen ist. Jeremia ist gerade dieser Betroffenheitsvorsprung abzuspüren. Er zerschmettert den Krug. Er trägt das Joch. Er füllt die Krüge. Er gräbt den verdorbenen Gürtel aus der Erde. Jeremia ist betroffen. Und trägt die Konsequenzen auch am eigenen Leibe. Für sich. Und für andere.

Festhalten möchte er sich an seinem Gott. Und hat doch den Eindruck, Gott sei wie ein vorüberziehender Wanderer. Wie ein Fremdling im Lande. Wie ein Nothelfer, der sich seiner Aufgabe entzieht.

Jeremia scheut die Auseinandersetzung mit seinem Gott nicht. Ein ums andere Mal droht er damit, sich auf und davon machen. Und weiß doch, dass dies für ihn keine Möglichkeit ist. Nicht einmal sein Hinweis: „Ach Herr, ich bin doch viel zu jung!“ kann ihn von seinem Auftrag befreien.

„Wir sind jung. Wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!“ Wider Willen landet auch Jeremia bei den Jungen, die den Alten die Leviten lesen. Und wird so zu einem Vorläufer derer, die sich heute ihre Not herausschreien.

Auf die 14 Nothelferinnen und Nothelfer allein verlassen wir uns nicht. Uns genügt schon der eine, der nicht vorübergeht. Sondern der an seinen Tisch lädt. Der uns bittet zu bleiben. Und der uns stärkt. Damit wir anderen zum Nothelfer, zur Nothelferin werden können. Und mithelfen, unserer Erde einen heilenden rettenden Aufschub zu gewähren.

Unser Lied mag gern ein andres sein als das der Schülerinnen und Schüler. Vielleicht so: „Nicht mehr jung – noch nicht alt! Gott will, dass wir handeln bald!“ Das wäre doch schon mal ein Anfang. Schön, wenn Christus uns dazu jetzt an seinem Tisch ausrichtet und sein Leben mit uns teilt. Amen.

Traugott Schächtele

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