PREDIGT ÜBER HIOB 23
GEHALTEN AM SAMSTAG, DEN 31. AUGUST 2019
- VORABEND DES 11. SONNTAG NACH TRINITATIS -
IM FESTGOTTESDIENST AUS ANLASS DER BUNDESTAGUNG
DER JOHANNITER-HILFSGEMEINSCHAFTEN
IN DER PETERSKIRCHE IN HEIDELBERG


Liebe Festgemeinde! „Alles gut!“ Immer wieder höre ich Menschen diese beide Worte sagen, vor allem, wenn irgendwelche Probleme auftreten. „Alles gut!“ – das meint: Es ist alles zumindest nicht ganz so schlimm. „Alles gut!“ ist eigentlich als persönlicher Mutmacher gedacht.

„Alles gut!“ Das sagt Gott übrigens schon auf der ersten Seite der Bibel. Und gleich mehrfach. Nach jedem neuen Schöpfungstag. „Und siehe, es war sehr gut!“

Dabei ist es leider nicht geblieben. Ein ums andere Mal ist die Welt aus dem Lot geraten. Schon ganz am Anfang, als Gott sich nur noch mit der großen Flut zu helfen weiß. Und im Grunde bis heute. Wenn die Welt so wäre, dass wir außer „Alles gut!“ nichts zu sagen hätten – niemand von uns hätte da etwas dagegen. Es bräuchte dann aber auch keine Johanniter Hilfsgemeinschaften mehr. Denn ihre Arbeit, für die ich im Übrigen sehr dankbar bin – sie setzt ja gerade da an, wo eben nicht „alles gut!“ ist.

Und darum ist es mehr als nur gut, dass Menschen sich anderen zuwenden. Und sich dafür einsetzen, dass zwar nicht immer alles gut wird, aber doch zumindest vieles deutlich besser.

„Alles gut!“ – das ist aber mehr als eine womöglich nur beschönigende Floskel. Es ist auch eine Art Sehnsuchts-Schrei! Wie gern hätte ich, dass „alles gut!“ und dass die Welt im Lot sei!

Wenn das aber nicht so ist, dann hätte ich dafür doch zumindest eine Erklärung. Dann müsste es dafür doch zumindest einen Grund geben. Irgendein verborgenes Programm. Und womöglich eine geheime Absicht des lieben Gottes. „Es wird schon für etwas gut sein!“ Vor allem von älteren Menschen höre ich manchmal diesen manchmal fragend, manchmal seufzend ausgesprochenen Satz.

Hinter diesem Seufzen und Suchen verbirgt sich die alte Frage: Woher kommt denn das Böse, wenn Gott die Welt doch gut gewollt und sie gut geschaffen hat. Oder noch einfacher und prägnanter ausgedrückt in der vertrauten und häufig genug gestellten Frage: Warum lässt Gott das zu?

Antwortversuche auf diese Frage hat es immer gegeben. Seit Menschen so fragen. Eine der eindrücklichsten und auch ältesten Antworten finden wir im biblischen Hiobbuch. Und wir finden dort nicht nur eine Antwort, sondern gleich eine ganze Sammlung. Viele Generationen haben an diesem Buch gearbeitet und immer neue Perspektiven auf diese alte Frage geworfen.

Einer dieser Versuche ist der Predigttext für den morgigen 11. Sonntag nach Trinitatis. Wir sind heute der Zeit schon etwas voraus und lassen diesen biblischen Antwortversuch schon heute auf uns wirken.

Jetzt aber erst einmal der Reihe nach, damit der Predigttext auch zu seinem Recht kommt. Worum geht’s überhaupt in diesem biblischen Hiobbuch? Es geht kurz gesagt darum, dass da einer fromm und gottesfürchtig lebt. Dass er sich für andere einsetzt, dass er seine Mitmenschen würdigt – und am Ende alles verliert. Es geht um die Figur des leidenden Gerechten. Im ganzen Alten Orient wurde diese Frage schon vor zwei-, dreitausend Jahren behandelt. Im Zweistromland bei den Sumerern und den Babyloniern genauso wie bei den alten Ägyptern.

Wenn die Welt im Lot wäre, wenn es in ihr gerecht zuginge, dann würden, so glaubte man, die, die gut leben, von Gott belohnt. Die anderen würden von ihm zur Rechenschaft gezogen. Jedem und jeder ginge es so, wie er oder sie es verdient. So wie ich lebe, so ergeht es mir auch. Die Folgen für unser Tun, so glaubte man, erntet man nämlich schon in diesem Leben. Die Idee eines Ausgleichs im Jenseits, in einem Jüngsten Gericht, einem Himmel oder eine Hölle, ist da noch nicht in der Welt.

Aber die Wirklichkeit war schon damals anders. Da lebt einer gerecht wie Hiob. Und er kommt am Ende doch unter die Räder. Das ist heute doch nicht anders, wenn die oben schwimmen, die es nach unserer Meinung längst nicht immer verdient haben. Und andere, die sich abmühen, dann doch immer wieder auf die Verliererstraße geraten. Wenn die einen viel zu früh sterben. Und andere bis ins hohe Alter gesund leben und nicht selten auch ihr Unwesen treiben dürfen. Belohnt werden also nicht nur die, die es vielleicht auch verdient haben.

Die erste Antwort des biblischen Hiobuches auf diese Erfahrung lautet: Da muss Gott seine Hände im Spiel haben. Sonst wäre es unmöglich, dass die Ordnung der Welt aus den Fugen gerät. Wenn Gott aber doch weiß, dass dieser Hiob der beste Mensch der Welt ist, kann er ihm das Unrecht nicht angedeihen lassen – es sei denn, es handelt sich um eine bewusste Prüfung. Und sie kennen alle den deal, den Gott mit dem Satan abschließt: „Eine Zeit lang darfst du ihn plagen. Aber nur um zu sehen, dass er mir die Treue hält!“ Und am Ende, auch das wissen sie, erhält Hiob alles gleich doppelt zurück.

Die Menschen waren mit dieser Lösung nicht zufrieden. Sonst hätten sie nicht weiter an diesem Hiobbuch gearbeitet. Es gewissermaßen aufgebrochen. Und einen neuen Textteil mittenhinein geschoben. Nein, solche Experimente, solche teuflischen Wetten, das ist Gottes Sache nicht! Und im Übrigen: Die Wieder-ins-Recht-Setzung der derart Geschundenen bleibt viel zu oft aus. Und das Unrecht bleibt ungesühnt.

Und so wird die Verantwortung für die Übel des Hiob von Gott weggenommen. Und dem Hiob selber in die Schuhe geschoben. Hiob kann nicht so unschuldig sein, wie er selber meint. Er ist selber die Ursache seines Unglücks. Kunstvoll erscheinen plötzlich drei Freunde auf der Bühne. Eine Woche lang halten die das Schweigen mit Hiob aus. Dann beginnen sie zu reden. Und immer wieder antwortet Hiob auf die immer dreister werdenden Anschuldigungen. Weist sie zurück.

Einer davon ist Elifas von Teman. „Prüfe dich doch endlich!“, sagt er zu Hiob. „Nimm deine Bosheit wahr. Armen hast du womöglich das Brot weggenommen. Bedürftigen die Kleider vom Leib gerissen. Witwen und Waisen leer davon gehen lassen. Ja, womöglich hast du dich mit den Mächtigen eingelassen, nur um deines Vorteils willen.

Doch Hiob gibt nicht klein bei. Er setzt sich zur Wehr. Und diese seine emotionale Gegenrede, das ist der Predigttext heute. Ich lese den ersten Teil von Hiobs Antwort:

Ich lehne mich gegen deine Anklagen auf. Gottes Hand liegt schwer auf mir. Nichts bleibt mir, als zu seufzen.

Ach, dass ich wüsste, wie ich Gott finde, wo seine Wohnstatt ist. Ich würde ihm mein Recht darlegen und ihm meine Beweise vortragen. Gespannt würde ich auf das hören, was Gott mir zu sagen hat.


Nein, Hiob gibt nicht klein bei. Kein Eingeständnis von eigener Schuld. Stattdessen geschieht Unerhörtes! Hiob legt Widerspruch ein. Hiob wagt den Widerspruch gegen Gott. Will sein Recht von Gott einfordern. Mehr noch: Hiob fordert Gott zum Rechtsstreit heraus. Kurz gesagt: Hiob reicht bei Gott Klage ein. Wir hören weiter aus seiner Rede:

Würde Gott mit großer Macht mit mir den Rechtsstreit aufnehmen? Nein, er selbst würde mich pfleglich und fair behandeln. Schließlich würde mit mir ein zu Unrecht Beschuldigter vor Gericht erscheinen. Und so könnte ich meinen ungerechten Anklägern entkommen.

Aber die Idee des Hiob lässt sich nicht umsetzen. Den Ort, wo er bei Gott seine Klage einreichen könnte – er findet ihn nicht. Hören wir, wie es weiter geht:

Gehe ich nach Osten, so ist Gott nicht da. Gehe ich nach Westen, so spüre ich nichts von ihm. Wirkt er im Norden, so zeigt er sich nicht. Im Süden verbirgt er sich, denn ich sehe nichts von ihm.

Dabei bin ich sicher: Er weiß sehr gut, wo ich zu finden bin. Er mag mich prüfen – und wird doch nur meine goldene Gesinnung entdecken. Denn ich bin von seinen Wegen nicht abgewichen. Das Gebot seiner Lippen und die Reden seines Mundes habe ich bei mir bewahrt und in Ehren gehalten.


Keck und selbstbewusst tritt Hiob Gott entgegen. „Schau mich nur an! Ich habe nichts zu verbergen!“ Ist das wirklich unerhört? Wir dürfen Gott doch schließlich beim Wort nehmen. Wir dürfen uns darauf verlassen, dass wir auch unsere Unschuld beteuern können! Und wenn’s womöglich gar zu Unrecht wäre.

Hiob wagt das Gefährliche und Verwegene. Auch wenn der Erfolg fürs Erste ausbleibt. Seine Rede endet aber dennoch – so scheint‘s - in düsteren Moll-Klängen.

Gott hat's beschlossen, wer will ihm wehren? Und Gott macht's, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm.

Gott ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.


Der Rechtsstreit bleibt fürs Erste aus. Die Verhandlung findet nicht statt. Hiob muss aushalten, was er so gerne geändert gesehen hätte. Aber – und das macht mir Eindruck: Hiob gibt Gott nicht den Abschied. Auch wenn sein Glauben mit einem Mal eine resignative Färbung erhält. Seine Skepsis und sein gerade Nicht-Glauben-Können – Hiob legt sie Gott selber vor die Füße. Besser noch: ans Herz! Selbst in der Gottesverdunkelung gibt Hiob seinen Glauben an diesen Gott nicht dran.

Gerade auch darin kann Hiob mir zum Vorbild werden. „Alles gut!“ Unsere Erfahrung, unser Leben bleibt allzu oft dahinter zurück. Oft bin ich Hiob näher als dem, der trockenen Fußes übers Wasser geht.

Doch ich will von Hiob lernen. Ich darf Gott auch meine Klagen entgegenschleudern. Und nicht nur mein Zurückbleiben hinter dem, wie ich eigentlich leben soll.

Nicht einfach immer nur als Sünderin und Sünder trete ich Gott entgegen. Wenn schon, dann als begnadigte Sünderinnen und begnadigter Sünder. Denn die Geschichte des Hiob wird ein ums andere Mal weitergeschrieben. Auch in der Geschichte des Lebens und Sterbens Jesu Christi. Auch er ist einer, den Gott ins Recht gesetzt hat. Er ist der, in dem Gott sich selber als der erweist, der das Recht liebt. Ja, in dem Gottes Recht und Gerechtigkeit Hand und Fuß bekommen haben.

Es sind nicht die Freunde des Hiob, die die rechte Spur legen. Und es ist nicht Elifas von Teman, der am Ende Recht hat. Das Buch mit den Erfahrungen des Hiob, es ist auch mein Buch. Auch ich darf an ihm weiterschreiben. Und meine Erfahrungen mit meinem Gott darin festhalten. Genauso wie sie in ihrem Einsatz in der Johanniter Hilfsgemeinschaft. Und in ihrem eigenen und alltäglichen Leben.

Aushalten und Vertrauen können – gegen den Augenschein. Und manchmal über die Grenzen meiner Kräfte hinweg. Das geht! Das geht, wenn ich Gott nicht preisgebe. Das geht besser, wenn ich meine Erfahrungen und meine Klagen festhalte und in mein ganz persönliches Hiobbuch hineinschreibe. Solange bis am Ende wirklich wird, was ich ersehne und erhoffe.

Und schon jetzt gleich, beim Mahl der Liebe und der Gemeinschaft wird wahr, was Gott uns Menschen zusagt seit allem Anfang: „Alles gut!“ Was braucht‘s heute denn noch mehr? Amen.


Traugott Schächtele

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