PREDIGT
IM SCHÖPFUNGSGOTTESDIENST
IM RAHMEN DER SOMMERGOTTESDIENSTE IN FREIBURG-WEST
AM 8. SEPTEMBER 2019 IN ZACHÄUS/LANDWASSER


„Lieber Gott. Hörst du mich? Ich habe noch zwei Geschwister. Kannst Du bitte den Erzengel Gabriel senden, dass er ihnen im Traum erscheint und sagt, worauf es beim Glauben wirklich ankommt?“ Mit diesem Satz, liebe Gemeinde, hat das Anspiel geendet, das wir gleich zu Beginn des Gottesdienstes gesehen haben. Sie werden sich ihre eigenen Gedanken gemacht haben. Ich will die Predigt dazu nutzen, auch noch einmal auf das Anspiel zu sprechen zu kommen.

Da sitzt dieser Erdenbürger also im Himmel. Fromm war er zu Lebzeiten. Ganz gewiss. Aber klug und vernünftig war er nicht. So ganz allmählich – und mit himmlisch unterstützter Einsicht - wird ihm klar: So zu glauben wie er, das geht nicht. Und immerhin ist er jetzt so klug, dass er etwas von seiner neuen Weisheit weitergeben will. Die, die noch auf der Erde leben – die will er warnen. Nur wie?

Im Neuen Testament gibt es eine Geschichte, in der geht es um etwas ganz Ähnliches. Auch da will einer vom Himmel aus die Erdenbewohner warnen. Und Herr Stemmer, der mich ja zu diesem Gottesdienst heute verlockt hat, hat mir gleich auch noch diese biblische Geschichte mitgegeben und ans Herz gelegt.

Da lebt einer in Saus und Braus. Und hat keinen Blick für den armen Mann, der vor seiner Türe liegt. Krank. Und mit leerem Magen. Und irgendwann stirbt der Arme. Und der Reiche auch. Der arme Mann, Lazarus mit Namen, findet im Himmel seinen Platz bei Abraham. Ein Ehrenplatz. Der Reiche wird ins ewige Feuer geworfen, um für seine Sünden zu büßen.

Die himmlische Transparenz macht es möglich, dass der Reiche aus dem Feuer heraus sieht, wie gut es dieser arme Lazarus hat, den er zu Lebzeiten so schmählich verachtet hatte. Weiter heißt es dann beim Evangelisten Lukas:

Und der Reiche wandte sich an Abraham und sprache: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Erinnere dich, mein Lieber, dass es dir zeitlebens gut gegangen ist. Das Leben des Lazarus dagegen war eine einzige Leidensgeschichte. Deshalb geht es ihm hier so gut. Dir dagegen so schlecht.

Dazu kommt: Zwischen dir und uns hier tut sich ein unüberwindbarer Graben auf. Niemand von euch kann zu uns kommen. Und niemand von uns zu euch.

Da sagte der Reiche: Dann erfülle mir eine Bitte, lieber Vater Abraham. Schicke den Lazarus zu meiner Familie. Ich habe ja noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht dieselben Fehler machen wie ich, und die dann irgendwann auch in diesem Feuer schmachten müssen.

Abraham aber sagte: Sie haben doch die Bibel mit den Büchern Mose und all den Prophetenbüchern. Auf dies sollen sie hören. Der Reiche entgegnete aber: Das reicht nicht, Vater Abraham. Aber wenn ihnen einer von den Toten erscheinen würde, dann würden sie zu Verstand kommen.

Abraham entgegnete: Wenn sie nicht auf Mose und auf die Propheten hören, würde es auch nichts nützen, wenn jemand von den Toten zu ihnen käme.


Da gibt es also durchaus Parallelen zum Anspiel ganz am Anfang. Beide Geschichten verbindet dieselbe Hoffnung. Die Hoffnung, wir Menschen kämen zur Einsicht, wenn wir eine direkte Botschaft aus dem Jenseits bekämen. Wenn uns Gott also am besten gleich selber erscheinen würde.

Ich stelle mir vor, das Anspiel vorhin ginge noch weiter. „Kannst Du bitte den Erzengel Gabriel senden, dass er meinen Brüdern im Traum erscheint und ihnen sagt, worauf es beim Glauben wirklich ankommt?“ „Ich bin dir doch auch erschienen“, gibt Gott zur Antwort. „Aber genützt hat es nichts. Und jetzt bist du hier.“

„Aber wenn du meine Brüder nicht warnst“, widerspricht der Mann, dann geht es ihnen bald wie mir. Und am Ende geht gleich noch die ganze Erde zugrunde.“ „Aber ich warne die Menschen doch“, entgegnet Gott. „Und ich tue das schon lange.“

„Du hast uns gewarnt?“, fragte der Mann. „Wie denn? Dann hätte ich nicht einfach auf dem Dach gewartet, bis du mir hilfst.“

„Was habe ich nicht alles versucht!“, fährt Gott fort. Erst habe ich euch die Religion geschickt. Vor allem die Berichte, wie ich Himmel und Erde erschaffen habe.“ „Aber das hat dir doch niemand mehr abgenommen“, sagt der Mann. „Schließlich haben wir doch die Wissenschaft. Und wir wissen, wie alles Leben entstanden ist.“

„Ihr habt die Schöpfungsberichte gehörig missverstanden! Das wollten nie einfach nur wissenschaftliche Berichte sein. Sondern Bekenntnisse zu mir als dem Schöpfer. Wichtig ist mir der Satz: Bebaut die Erde. Und geht pfleglich mit ihr um. Den habt ihr immer geflissentlich überlesen. Und stattdessen gemeint, ihr sollt euch die Erde untertan machen.“

„Aber du weißt doch: Die Menschen auf der Erde haben’s immer weniger mit Religion“, sagte der Erdenbürger.

„Meinst du, das weiß ich nicht!“, entgegnet Gott. Deshalb hab‘ ich euch auch noch anders gewarnt. Ich hab‘ euch Philosophen und andere Denker geschickt. Zurück zur Natur! Rousseau. Ehrfurcht vor dem Leben! Albert Schweizer. Der Ökologische Imperativ! Hans Jonas. Gerechtigkeit. Frieden. Bewahrung der Schöpfung. Vancouver 1983. Aber es waren immer nur ein paar, die darauf gehört haben. Du auch nicht. Du hast auf dem Dach gewartet, bis dir das Wasser bis zum Hals gestanden ist. Und hast dabei auf Hilfe von mir gewartet. Dabei war diese Hilfe längst da.“

„Jetzt machst du dich auch noch über mich lustig!“, sagt der Mann. „Dabei hab‘ ich immer mit dir gerechnet.“ „Und dabei die Hände in den Schoß gelegt. Das hat nichts mit Glauben zu tun. Beten. Und das Tun des Richtigen und des Gerechten – das gehört untrennbar zusammen. Das hat doch auch Dietrich Bonhoeffer gesagt. Aber das zweite, das Tun, das gehört eben auch dazu.“

„Und woher sollen wir wissen, was wir tun sollen?“, fragt der Mann im Himmel weiter. „Auch dazu hab‘ ich euch genügend Hilfestellung gegeben. Viele eurer Wissenschaftler haben dazu längst die rechten Erkenntnisse veröffentlicht. Vergiss nie: Auch der Verstand ist eine Gottesgabe. Und davon hab‘ ich euch reichlich gegeben. Denk nur: Schon 1972 hat der Club of Rome seinen Bericht über die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht. Das ist fast 50 Jahre her. Aber es hat gedauert, bis einigen von euch auf der Erde ein Licht aufgegangen ist.“

„Aber du weißt ja …“ Der Erdenbürger fängt an sich zu rechtfertigen. „Die einen sagen dies, die anderen das. Die einen sagen, das sind natürlich Zyklen. Mal kommt eine Eiszeit, dann erwärmt sich alles wieder. Die anderen sagen: Alles halb so schlimm. Wir können das in den Griff bekommen. Die dritten sagen, das ist nur eine Erfindung, um den Menschen Angst zu machen.“

„Jetzt redest du dich aber nur heraus“, fällt Gott ihm ins Wort. „Ihr wollt immer hören, was euch am besten gefällt. Und was am wenigsten an Veränderung von euch verlangt. Dabei hab‘ ich euch schon vor 2000 Jahren einen geschickt. Bin selber in ihm unter euch erschienen. Und der hat fast nichts anderes gesagt hat als: Kehrt um! Fangt neu an. Liebt eure Nächsten. Und die ganze Schöpfung!“

„Aber wie’s genau gehen soll, hat der auch nicht gesagt!“ Der Erdenmensch wehrt sich heftig. „Weil ich euch dazu euren Verstand gegeben habe“, erwidert Gott. „Und weil es zu jeder Zeit Menschen gegeben hat, die sehr genau gewusst haben, wie’s gehen könnte. Übrigens: Vor kurzem hab‘ ich euch zur Warnung ein 16jähriges Mädchen geschickt. Eine Greta. Aus Schweden kommt sie. Und ich bin überrascht und erfreut, dass die doch einiges bewirkt. Viele entdecken: So kann’s nicht weitergehen mit der Erwärmung meiner Erde. Und viele fangen neu zu denken an. Es ist aber auch höchste Zeit!“

Der Erdenbürger im Himmel wagt eine letzte Frage. „Und was meinst du, was für die Menschen jetzt wirklich dran ist? Den Gabriel willst du ihnen nicht schicken. Das hab‘ ich jetzt begriffen. Die Botschaften sind längst in der Welt. Aber wie gehen die kleinen Samenkörner der Veränderung auf? Wie können die Menschen auf der Erde zur Besinnung kommen? Was kann deine Kirche dazu beitragen? Worauf kommt’s am Ende an?“

Soweit die mögliche Fortsetzung der Geschichte. Worauf kommt‘s am Ende an? Das ist die alles entscheidende Frage. Auch für uns heute Vormittag hier im Freiburger Westen. Wenn ich Gott recht verstanden habe in dem, was er dem Erdenbürger gerade so alles gesagt hat, dann sind das drei Dinge, die sich kurzgefasst mit den Worten beschreiben lassen: denken – umdenken – neu denken!

Das erste: Denken! Mit offenen Augen wahrnehmen, was sich so alles abspielt vor aller Augen. Nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschließen! Den Kopf in den Sand stecken, ist immer die schlechteste Lösung. Wenn wir mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen – wenn wir lesen oder gar sehen, wie die Insekten weniger werden und die Singvögel - wenn wir die Klimakurven über einen längeren Zeitraum in den Blick nehmen - wenn wir uns dem stellen, was ernst zu nehmende Wissenschaftler sagen, dann folgt aus dem Denken das Umdenken!

Es kommt nicht darauf an, die Wirklichkeit zu beschreiben, wir müssen sie verändern. Aller Anfang dafür beginnt in unseren Köpfen. Wir müssen nach Auswegen suchen. Nach neuen Wegen im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen. Mit Wasser und Luft. Mit Land und Meer. Und weniger kann da plötzlich mehr sein. Prüfet alles und das Gute behaltet! Paulus scheibt das einmal. Und genau so müssen wir mit dem Angebot an Lösungen umgehen. Produktiv und kreativ.

Dann folgt das dritte: Neu denken und neu handeln! Und dann wird’s am Ende auch politisch. Es geht sehr wohl auch um die kleinen Schritte. Aber nicht nur um die. Manches muss auch in Handlungsanweisungen und gesetzliche Bestimmungen gegossen werden. Aber auch hier sind die Ideen längst im Raum. Aber es braucht Mut, sie auch umzusetzen. Weil die Widerstände nicht ausbleiben.“

Jetzt meldet sich aus den himmlischen Gefilden noch einmal der Erdenbürger: „Mein Fehler war es, nur auf eine kleine Lösung zu setzen. Nur auf eine Lösung für mich zu hoffen. Auf irgendein Wunder zu hoffen, das zumindest mich rettet. Aber manche von euch hoffen auch zu groß. Wollen der ganzen Welt ihre eigenen Ideen aufdrücken. Wollen sich die Rettung der Welt auf die eigenen, viel zu schwachen Schultern laden. Dabei übernehmen sie sich am Ende nur.“

Jetzt mischt sich Gott noch einmal ein. „Ihr dürft von mir nicht zu klein denken. Und von euch nicht zu groß. Und umgekehrt. Denkt von euch nicht zu klein, damit ihr von mir nicht übergroß denken müsst. Ich bin schließlich einfach Mensch geworden. Und nicht irgendeine Art Übermensch.

Was ihr braucht, das ist der Blick für das rechte Maß eures Handelns. Und das Vertrauen in die Größe meiner Möglichkeiten. So handeln sollt ihr, dass ihr alle eure Möglichkeiten nutzt und alle eure Kräfte dransetzt. Und so glauben sollt ihr, dass ihr kein Wunder wirklich ausschließt.“

Was bleibt am Ende, wenn nicht die Einsicht: Nichts ist unmöglich – im Glauben nicht. Und schon gar nicht in unserem realen Leben. Amen.


Traugott Schächtele

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