ZUSAMMEN LEBEN 2025 –
GEMEINSCHAFT ERSCHAFFEN UND DER BEITRAG DER STADTMISSIONEN“
PREDIGT ÜBER 1. KORINTHER 11,18-22.33+34
IM GOTTESDIENST ANLÄSSLICH DER KONFERENZ EUROPÄISCHER STADTMISSIONEN
AM MONTAG, 23. SEPTEMBER 2019 - KAPELLE D


Liebe Schwestern und Brüder! Ganz herzlich darf auch ich Sie hier zu ihrer Konferenz europäischer Stadtmissionen begrüßen. Ich tue das ganz persönlich, aber auch im Namen unserer Kirche, der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Die Stadtmissionen sind aus dem Leben unzähliger Städte nicht mehr wegzudenken. Dabei ist es gut, dass sie nicht nur isoliert vor Ort arbeiten, sondern auch europaweit miteinander vernetzt sind. Ich freue mich, dass ich heute Abend am Fest dieser Vernetzung teilhaben darf.

Sie treffen sich hier unter dem Thema „Zusammen leben 2025 - Gemeinschaft erschaffen und der Beitrag der Stadtmissionen“. Morgen und übermorgen widmen sie sich ihrem Tagungsthema durch Vorträger und durch Besuche bei Diakonischen Einrichtungen vor Ort. Dieser erste Tag, ihr Anreisetag, mündet heute in diesen Gottesdienst.

Und wie der Prophet in Jesaja 40 habe ich mich gefragt: Was soll ich predigen? Der Arbeit der Stadtmissionen soll die Predigt gerecht werden. Und natürlich auch ihrem Tagungsthema. Und zugleich soll die Predigt eine Zeitansage beinhalten, die sie ermutigt, weiter mit allem Ernst und in aller Glaubensheiterkeit ihre Arbeit zu tun.

Wer so fragt, wird bei einem mit Sicherheit immer fündig. Bei Paulus, dem großen Apostel und Gemeindegründer in den Anfangsjahrzehnten der Kirche. Paulus war ein Stadtmissionar. Er war so sogar so etwas wie der Prototyp des Stadtmissionars. Allerdings in einem sehr spezifischen Sinn. Der Städter Paulus aus Tarsus setzt mit seiner Werbetour für den Christusglauben nicht auf dem flachen Land ein. Er nutzt die Chancen, die ihm die Städte bieten. Er besucht die Synagogen. Und er sucht den Kontakt mit denen, die Leitungsfunktionen ausüben. Um ein Netz über das römische Reich zu spannen, das ist ihm klar, muss er dahin, wo er die Zentren der Vernetzung vermutet.

Paulus dachte global. Und er handelte ausgesprochen strategisch. Manchmal wünschte ich mir, Paulus lebte noch mitten unter uns und würde sich auf eine Städtetour durch Europa machen. Ich bin sicher, die Stadtmissionen würde er auf keinen Fall auslassen. Und er würde überall für große Aufregung sorgen, ob in Heidelberg, in Freiburg oder in Berlin, in Birmingham oder in Stockholm, in Valencia, in Zürich oder in Tsesky Tesin. (Tschéski Jéschin)

Für große Aufregung hat er auch schon zu seinen Lebzeiten gesorgt. Und das vor allem in den Städten. Muss das denn sein?, würde ich ihn fragen? Du willst doch Gott ins Gespräch bringen. Und er würde mir klar machen, dass es die große Aufregung wert ist. Um Gottes und um der Menschen willen.

Von der großen Aufregung in Korinth handelt der Predigttext für diesen Gottesdienst. Wir hören Worte aus dem 11. Kapitel des 1. Korintherbriefes 1. (11,18-22.33+34):

Zum Ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich's. Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, auf dass die unter euch offenbar werden, die bewährt sind.
Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn. Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben?
Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht. Darum, meine Brüder und Schwestern, wenn ihr zusammenkommt, um zu essen, so wartet aufeinander. Hat jemand Hunger, so esse er daheim, auf dass ihr nicht zum Gericht zusammenkommt. Alles andere will ich ordnen, wenn ich komme.


Klare Worte, liebe Schwestern und Brüder! Paulus hat ein Netz guter Informanten. Zudem legt man ihm eine Liste von Fragen vor. Nachdem er die Fragen abgearbeitet hat, nimmt er sich die Themen vor, über die man ihm berichtet hat. In der Gemeinde brodelt es. Und zwar gewaltig. Gemeindeglieder prozessieren gegeneinander vor weltlichen Gerichten. Der Ganz zu den Prostituierten ist für die einen selbstverständlich, die anderen tafeln im Tempelrestaurant. Und dann auch noch die Exzesse beim Abendmahl!

Kein Zweifel: Im Korinth zur Zeit des Apostels Paulus wäre die Gründung einer Stadtmission dringend, ja fast unumgänglich. Hier spielt sich ab, was auch das Thema ihrer Tagung hier ist. Die Schere von arm und reich geht immer weiter auseinander. Menschen leben in einer immer stärker auseinanderfallenden Welt. Jede Gruppe droht in ihrer eigenen Blase zu versinken, in der sich die Menschen jeweils bewegen. Und die noch ganz junge Gemeinde droht auseinanderzufallen.

Dabei ist doch die Verbindung ganz unterschiedlicher Gruppen das große und attraktive Alleinstellungsmerkmal der jungen Kirche: Nicht Jude, nicht Grieche, nicht versklavt oder frei, nicht männlich oder weiblich. Keine Frage: Paulus weiß, was Diversity bedeutet, und ihm ist sehr daran gelegen, diese auch ins Leben der jungen Kirche zu ziehen. Und sie auch nicht vor der Kirchentür enden zu lassen. Aber unter dem Vorzeichen der Einheit. Und nicht im freien Fall auseinanderstrebender Welten.

Wir können uns Korinth vor zweitausend Jahren nicht bunt genug vorstellen. Eine Stadt mit immerhin um die 100.000 Einwohner - für die damalige Zeit eine Metropole. Eine Stadt, in der Religion unübersehbar ist, mit einem bunten Angebot zwischen römischen und griechischen Gottheiten, zwischen Isis-Kult und der Verehrung der Göttin Demeter, mit nichtöffentlichen Mysterien-Kulten, über die nur Gerüchte im Umlauf waren. Eine Stadt zugleich voller Theater und Bäder, Bibliotheken und therapeutischen Zentren.

Korinth, eine Stadt, vor weniger als einem Jahrhundert vor dem Wirken des Paulus nach grässlicher Zerstörung neu gegründet. Eine Stadt, seit fünf Jahrzehnten Hauptstadt der Provinz Achaia mit dem Sitz des Statthalters. Durch die Lage an einer Meerenge hat sie gleich zwei Häfen – und das dazugehörige Hafenpublikum dazu. Matrosen und Arbeiter, Prostituierte und Handwerker. Genauso aber Finanzfachleute und Verwaltungsbeamte. Erastos, der Kämmerer der Stadt gehört genauso zur jungen Kirche wie Krispus, der ehemalige Synagogenvorsteher. Fortunatus und Gaius, die wohlhabenden Gönner gehören dazu, Sosthemes, der ebenfalls einer Synagoge vorsteht, und Stephanas, der die Reisend es Paulus mitfinanziert, Titius Iustus, bei dem Paulus Quartier gefunden hat. Die reiche Handwerkerfrau Priscilla mit ihrem Mann Aquila, dazu die Phoebe, die Paulus an ihrem Netzwerk teilhaben lassen.

Nicht zuletzt aber fällt unser Blick auch die auffällige Chloe, die rote Chloe, wie Hollenweger sie einmal genannt hat. Sie gibt eine Art personifizierte Informantin für Paulus ab. Von ihr weiß Paulus auch, was derzeit die Gemeinde mit ihren Konflikten so umtreibt. Chloe solidarisiert sich mit den Menschen ganz unten. Hat aber auch das Ohr bei denen da oben. War einst wohl selber Sklavin, und lässt jetzt andere für sich arbeiten. Dieser Chloe, nein, ihr kann niemand etwas vormachen, wenn es um Korinth geht. Jede Stadtmission wäre froh, solche Frauen in ihren Mitarbeitendenteams zu haben. Gottseidank, Chloe hat viele Schwestern auch in unseren Tagen!

Korinth ist reich an Konflikten. Außerhalb der Kirche sowieso. Und in ihr leider auch. Das Sinnbild einer Gemeinde im Prozess der Zersetzung, beinahe schon im offenen Zerfall - das ist die korinthische Abendmahlspraxis. Man feiert in den Häusern der Reichen. Sie haben genügend Platz, die Gemeinde, die so klein gar nicht mehr ist, unterzubringen.

Während die Sklaven und die Hafenarbeiter noch schuften, sitzen die besser Betuchten schon bei den Vermögenden in der Lounge. Man genießt das korinthische Fingerfood und die Fleischhäppchen aus der Tempelmetzgerei, die der Haussklave auf dem Tablett reicht. Man schenkt sich einen Drink ein und vertieft sich in den Smalltalk über Gott und die Welt.

Manche schauen schon etwas tiefer ins Glas, andere schlagen sich den Bauch voll. Und als die Feier des Abendmahls beginnt, bleiben den nach und nach hereindrängenden, nach Schmieröl und dem Schweiß der Arbeit riechenden Habenichtsen gerade noch die hinteren Plätze. Ihre Mägen knurren. Und sie verstehen nur halb, was der Gemeindeleiter sagt.

Der Zorn des Paulus ist bis heute aus jeder Zeile dieses 11 Kapitels heraus zu spüren. „Was immer ihr da feiert“, schreibt Paulus, „es ist nicht das Mahl des Herrn! Gut, die sozialen Unterschiede sind fürs Erste noch in der Welt. Und ich bin dankbar, dass ich von euch soviel an Unterstützung erhalte. Aber die Präsentation Eures Reichtums im Angesicht derer, die jeden Tag mit leerem Magen ins Bett gehen, das geht zu weit. Das macht eurer Herrenmahl unwürdig. Und es nimmt eurem Glauben seine Glaubwürdigkeit.

Muss das denn sein?, würde ich ihn fragen? Warum so schroff, lieber Bruder Paulus? Du willst doch Gott bei den Menschen im Gespräch halten. Aber doch nicht so, würde er sagen. Und mir klar machen, dass es die große Aufregung wert ist. Um Gottes und um der Menschen willen.

Korinth ist nicht Berlin, Birmingham oder Stockholm. Und die Gründe für die Konflikte sind heute noch tiefergehender und vielfältiger. Zu den Menschen mit unterschiedlichen Religionen kommen die, die Religion nicht mehr kennen oder gar verachten. Zu der halbwegs überschaubaren Welt des römischen Reiches kommt die Flut der Informationen über den ganzen Planeten Erde. Zu den Bildungs-Reisen der Reichen kommt der Tsunami des Tourismus, der keine Grenzen mehr kennt. Zu den unberechenbaren Klimakatastrophen kommen die menschengemachten noch dazu. Aus dem erstaunlich gut funktionierenden Boten- und Briefwesen zur Zeit des Paulus ist die unüberschaubare Welt des World Wide Web geworden.

Wie gut, dass Gott sich in Jerusalem und Rom, in Athen und Korinth auf dem bunten Markt der Sinnstiftung nicht verbirgt. Und dass dieser Gott derselbe ist, mit dem wir in den Städten der Gegenwart noch immer die Erfahrungen machen können, gefunden zu werden. Wie gut auch, dass wir heute - und sie in den Stadtmissionen zumal! – von diesem Gott für wertgeachtet werden, ihm eine Hilfe sein zu können. Eine Hilfe beim Auffinden der Menschen, die einen Menschen nötig haben. Und denen aus einem menschlichen Gesicht Gott plötzlich selber ins Angesicht schaut.

Wie gut auch, dass aus einer anderen Stadt, aus der Stadt Nazareth, uns einer entgegenkommt, der nicht nur den Paulus gehörig aus der Bahn geworfen hat. Sondern in seiner Nachfolge unzählige Menschen durch die ganze Geschichte der Kirche. In Nazareth und Bethlehem, in Kapernaum und Jerusalem – wo immer er Menschen den Blick hin zu seinem Gott richten lässt, ist die Stadt hinterher nicht mehr dieselbe. Weil sich die heilenden Hoffnungsgeschichten Gottes hineinverweben in die zwiespältigen Geschichten dieser Städte. Damals uns heute!

Paulus würde, wäre er hier, davon sprechen, dass die Zeit der Hure Babylon als Bild menschlichen Stadtlebens zu Ende ist. Und dass die Rede vom neuen Jerusalem zum Sinnbild der Wohnstadt Gottes mitten unter uns Menschen wird. Angesichts der tristlosen Krisen im Jerusalem unserer Tage können wir uns das nicht genug in Erinnerung rufen lassen.

Paulus würde, wäre er hier, davon sprechen, dass die sich öffnende Schere von arm und reich aus der Perspektive Gottes ein Zeichen ist, dass wir - aus dem Blickwinkel Gottes heraus betrachtet - allemal in einer vorläufigen, ja ich wag’s zu sagen, gerade deshalb auch sündigen Welt leben.

Paulus würde, wäre er hier, allen Blasen, in denen wir leben, nur zu gerne den Abschied geben. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe! Und nicht eine Blase des Petrus, eine des Paulus und eine des Apollo – schon gar nicht eine evangelikal und eine liberal und eine ökumenisch und eine interreligiös. Das könnt ihr alles sein, würde er sagen, aber nicht im Gegeneinander, sondern verbunden im Glauben an den einen Gott.

Und Paulus, würde, wäre er hier, wie in Korinth darauf verweisen, dass der, der uns einlädt zum Mahl der Liebe und der Verbundenheit mit Gott ein anderer ist als irgendein Amtsträger oder wie auch sonst wichtiger Mensch welcher Kirche und welcher Diakonie und welcher Stadtmission auch immer.

Es sind nicht die Unterschiede, an denen Gott keine Freude hat, würde er sagen. Es ist das Unvermögen, dem Band der Einheit zu vertrauen. Und die in eure Mitte zu stellen und feiern zu lassen, die sonst niemand im Blick hat. Im Reich Gottes gibt es kein oben und unten, kein innen und außen. Es gibt nur eine Mitte, aber die seid nicht ihr.

Muss das denn so schroff sein, lieber Bruder Paulus, würde ich ihn fragen? Du willst doch Gott bei den Menschen im Gespräch halten. Aber doch nicht so, würde er sagen, dass ihr Gott zum Hausgott macht und zu eurem persönlichen Patron erklärt, jeder und jede für sich. Mit eigenen Interessen. Und hinter verschlossenen Türen. Deshalb kann ich euch die eine oder andere Aufregung nicht ersparen. Um Gottes und um der Menschen willen. Nicht damals in Korinth. Und nicht heute in Bad Herrenalb.

Was bleibt uns, denke ich, als Paulus beim Wort zu nehmen. Was bleibt uns, als uns jetzt miteinander einladen zu lassen. Was bleibt uns, als miteinander zu feiern am Tisch des Herrn. Und die Erfahrung zu machen: Siehe, hier ist Gottes Stadt - mitten unter uns Menschen. 2019! 2025! Und jeden Tag neu. Das lasst uns feiern. Auch heute Abend. Mehr braucht’s nicht! Amen.

Traugott Schächtele

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