PREDIGT ÜBER 1. THESSALONICHER 4,1-8
GOTTESDIENST MIT EINWEIHUNG DES PAULUS-HAUSES
AM SONNTAG, DEN 9. OKTOBER 2016 (20.S.N.TR.) IN MALSCH

09.10.2016
Viele haben heute Grund zum Feiern, liebe Gemeinde!

Grund zum Feiern haben zuallererst sie alle als Paulusgemeinde. Denn der Neubau eines solchen Gotteshauses ist mehr als nur ein Ein-Generationen-Projekt. Und nachfolgende Generationen werden mit Dankbarkeit auf sie als die Erbauer-Generation blicken. Und gelegentlich sicher auch mit etwas Stirnrunzeln fragen, warum sie manches so und nicht anders gemacht haben.

Grund zum Feiern haben alle, die dieses Paulus-Haus in Zukunft nutzen können. Mit Gottesdiensten für groß und klein, mit gemeindlichen Angeboten, Konzerten und anderen Veranstaltungen. Und wie schon lange werden sie das auch künftig im Wissen um die Bedeutung der ökumenischen Verbundenheit mit denen tun, die in ihrer Kirche mit Gott in dieser Welt unterwegs sind

Grund zum Feiern haben die, die in besonderer Weise mit dem Projekt dieses Neubaus zu tun hatten. Die Kirchengemeinderäte und Kirchenältesten, zuvorderst die im Bauausschuss. Ihre Pfarrerin. Ihre Kirchendienerin. Und alle, die mitgeplant und mitentschieden haben.

Grund zum Feiern haben die Architekten, Bauleiter und Handwerker. Bisweilen ist es hoher Seegang gewesen, durch den da alle miteinander hindurchmussten. Aber wenn dann alles fürs Erste fertig ist, kann sich doch auch Stolz und Zufriedenheit einstellen.

Grund zum Feiern hat auch der Kirchenbezirk, der jetzt dieses neu erbaute Paulus-Haus zu seinen Kirchengebäuden zählen darf. Und nicht zuletzt freut sich auch die Landeskirche, der Landesbischof, der sie alle grüßen lässt, aber gewiss auch die Mitarbeitenden im Baureferat, die ja auch nicht jeden Tag ein solches Projekt mit begleiten können.

Grund zum Feiern habe auch ich, der als Prälat gewiss schon weit mehr Kirchen entwidmet und außer Dienst gestellt als kirchliche Gebäude eingeweiht hat. Bei denen, die dieses Amt vor mir inne gehabt haben, ist das noch anders gewesen. Dass ich diese Aufgabe des Einweihens nun nach wenigen Wochen in der Kirchengemeinde Wiesloch schon zum zweiten Mal übernehmen darf, gibt deutlich Zeugnis: Sie haben hier mit ihrer Arbeit über den Tag hinaus auch diejenigen im Blick, die morgen noch Kirche gestalten wollen.

Und wie immer bei einem solchen Anlass wird es nachher auch noch Grußworte geben. Und ich stelle mir vor, mitten in die Reihe illustrer Menschen, die diesem Haus und denen, die es nutzen, gute Worte und Zeichen der Mitfreude auf den Weg geben, stellt sich ein anderer. Einer, den niemand auf der Liste hatte. Aber plötzlich ist er einfach da: Paulus, der Namensgeber dieses Hauses.

„Wundert euch nicht, dass ich auch etwas sagen will“, beginnt er. „Aber wenn ihr dieses Haus nach mir benennt, hättet ihr schon mit mir rechnen müssen. Um mich kommt ihr heute nicht herum.“ Und umständlich blickt er auf sein Pergament, auf dem er seine Gedanken festgehalten hat, und fährt fort:

Liebe Brüder, wir bitten und ermahnen euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut –, dass ihr darin immer vollkommener werdet. Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.

Denn das ist der Wille Gottes: eure Heiligung! Dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung - nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.

Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.

Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.


Hier holt Paulus erst einmal tief Luft. Ein großer Redner, heißt es, soll er ja nicht gewesen sein. Das sagt er selber einmal über sich. Aber hier geht er dann doch auch zu weit in dem, was er sagt.

„Lieber Bruder Paulus“ – womöglich ist es ihre Pfarrerin, die als erste das Wort ergreift, „wie du’s immer getan hast, redest du wieder einmal nur die Brüder an. Aber wenn wir Schwestern hier alle zusammen dieses Haus verlassen, dann wirst du schon sehen, wie viele noch übrig bleiben.“ Und ehe Paulus weiterspricht von einer modernen Lehre, fährt die Schwester Pfarrerin fort: „Nein, nicht modern ist das, das steht schon bei dir. In deinem Brief nach Galatien: Nicht Jude oder Grieche, nicht Sklave oder Freigelassener, nicht Mann oder Frau – alle seid ihr gleichwertig in Christus! Und wenn du uns Frauen also auch im Blick hast, dann ist unsere Freude über dein Kommen umso größer.“

Fast scheint es, die erste Spannung hätte sich gelegt, da meldet sich ein Kirchengemeinderat. Ein Mann. „Jetzt bin ich an der Reihe, lieber Bruder Paulus! Wir bringen dir hohe Wertschätzung entgegen. Sonst hätten wir dieses Haus nicht nach dir benannt. Aber was du uns Männern da ins Stammbuch geschrieben hast, das geht dann doch zu weit. Hingestellt hast du uns, als wären wir nur Wesen voller Gier. Und hätten nichts anderes im Sinn, als die Frauen bei uns klein zu machen. Als steckte in jedem von uns ein kleiner Donald Trump. Was gehen dich überhaupt die Frauen an, wenn du sie nicht einmal ansprichst!“ Der Kirchengemeinderat schnaubt vor Empörung.

Und ehe Paulus sich rechtfertigen kann, ergreift ein Handwerker das Wort. Einer, der hier am Bau der Kirche beteiligt war. „Was wirft du uns vor, wir würden unsere Mitmenschen übervorteilen! Meine Rechnungen kannst du ruhig überprüfen. Wenn sie hoch sind, dann weil ich geliefert habe, was die Gemeine von mir wollte. Aber hier ist alles ganz reell zugegangen. Es braucht deine Ermahnungen nicht!“

Jetzt ist es an Paulus, tief Luft zu holen. Seine Rolle als Überraschungsgast beim Empfang hatte er sich doch etwas anders vorgestellt.

„Alles ist euch erlaubt, lieber Bruder Paulus!“, will ich ihm eine Brücke bauen. „Das sagst du doch selber auch. Aber nicht alles tut euch gut. Es tut uns nicht gut, wenn du die Frauen vergisst. Und von den Männern redest, als ginge es ihnen nur um Lust, Gier und Geld.“

„So, jetzt bin ich dran!“ sagt Paulus. Und ich spüre, jetzt müssen wir ihn endlich zu Wort kommen lassen. Denn – ehrlich gesagt – etwas geehrt sind wir ja schon, dass er sich zu uns auf den Weg gemacht hat.

„Zunächst: Es tut mir leid, wenn ich etwas zu heftig geredet habe. Und dann noch an eurem Festtag. Aber mir ging’s nie darum, irgendjemandem nach dem Munde zu reden. Und wenn ihr hier ein Haus baut und ihm dann auch noch meinen Namen gebt, dann müsst ihr euch schon auch einmal etwas sagen lassen.

Viel Geld habt ihr hier für dieses Gebäude ausgegeben. 1,6 Millionen habe ich in eurer Zeitung gelesen. Und eine alte Kirche habt ihr dafür auch noch abgerissen. Ich habe nicht eine einzige Kirche gebaut. Es gab zu meiner Zeit noch keine. Aber ich habe vermutlich mehr Menschen verlockt, an Gott zu glauben als es viele eurer Kirchen vermögen.

Nein, das ist keine Kritik. Ich neide euch dieses schöne Haus nicht. Aber wenn ihr’s schon nach mir benennt, dann soll darin auch zur Sprache kommen, wofür solche Häuser gut sind. Ihr wisst gar nicht, wie gut es euch geht. Ich habe für meinen Glauben mehr als einmal Prügel bezogen. Ich wurde verfolgt. Ich musste immer wieder fliehen. Wie andere heutzutage auch wieder. Euch geht es hier wirklich gut. Und ich freue mich mit euch darüber. Aber dieses Haus verpflichtet euch auch.

Dieses Paulus-Haus ist kein Vereinsheim. Weil die Kirche kein Verein ist. Sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die nach Gott fragen. Und die so zu leben versuchen, wie es nach Gottes Willen sein soll.

Wenn ihr Gottesdienst feiert, dann ist das nicht irgendeine Zusammenkunft. Gottesdienst feiern heißt, sich von Gott in eine neue Spur setzen zu lassen. Noch einmal ganz anders zu leben versuchen. Wer hier Gottesdienst feiert, der oder die muss anders aus diesem Haus herauskommen, wie er oder auch sie – hört ihr: ... oder auch sie, ich bin ja lernfähig - hineingekommen ist.

Ich habe das in meiner etwas altertümelnden Sprache Heiligung genannt. Heiligung, damit meiner ich, anders und besser werden. Wenn jemand sein Leben an Christus ausrichtet, dann ist er wie neugeschaffen! Das könnt ich schon in meinem Brief nach Korinth nachlesen“

Eine Kirchengemeinderätin meldet sich zu Wort: „Schön, dass du jetzt auch an uns Frauen gedacht hast! Also, das mit dem anders und besser werden - das gilt doch nicht nur, weil wir so gierige Menschen sind. Wir haben heute doch ganz andere Themen, an denen sich das zeigt. Es gehrt doch nicht nur um Unzucht und Betrug, wie du uns vorhin vorgeworfen hast!“

Es ist gut, dass Paulus reden darf. Er ist jetzt schon viel versöhnlicher. „Vielleicht hatten wir wirklich andere Sorgen damals. Eure Probleme, die kenne ich nicht wirklich gut genug. Aber ihr könnt mir ja etwas auf die Sprünge helfen! Wenn diese Kirche ein Ort der Heiligung sein soll – was müsste dann bei euch anders werden?“

Ich spüre, jetzt sind alle beim Nachdenken. Die Frage hat etwas ins Rollen gebracht. „Ich finde, die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich – dazu müssten wir etwas sagen“, sagt ein älterer Mann. „Als Rentner reicht mir mein Geld oft kaum für einen Monat. Und mir geht’s noch gut hier.“

Eine Frau sagt: „Mir machen die Kriege zu schaffen. Die Bombardierung von Aleppo. Das kann doch so nicht weitergehen. Von Heiligung ist hier nichts mehr zu spüren.“

„Mich beschäftigen die Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind“, sagt ein Jugendlicher. „Die haben oft keine so schicken Unterkünfte wie der liebe Gott hier. Für die Kirche habt ihr ja auch keine Container aufgestellt.“

Ich spüre, der junge Mann wartet auf eine Antwort. Es ist Paulus, der jetzt für die Gemeinde in die Bresche springt. „Für die Feier der Gegenwart Gottes ist der schönste Raum gerade recht!“, sagt er. Doch der junge Mann entgegnet keck: „Jesus ist doch in einem Stall zur Welt gekommen und nicht in einem Neubau.“

„Irgendwie hast du schon recht!“, sagt Paulus. „Aber du wohnst ja vermutlich auch nicht in einem Container. Und eure Flüchtlinge hoffentlich auch immer weniger!“

Eine Frau ergreift das Wort. „Mir machen Rücksichtslosigkeit und Respektlosigkeit zu schaffen. Die greifen immer mehr um sich. Hier, in diesem Paulus-Haus, herrscht hoffentlich ein anderer Ton. Da werden Menschen nicht bespuckt und mit nachgemachten Tierlauten beleidigt, wenn sie in die Kirche gehen, wie am letzten Wochenende in Dresden. Heiligung, das meint doch auch, dass mein Mitmensch mir heilig ist. Und nicht nur ich selber!“

„Ein Geschäftsmann steht auf. „Lieber Bruder Paulus, so ganz aus der Welt ist das mit der Gier heute übrigens auch nicht. Unser Finanzsystem kracht fast zusammen, weil manche ihren Hals nicht voll genug kriegen. Und die Banken-Türme in Frankfurt sind heute deutlich höher als die Kirchtürme. Ganz daneben liegst du nicht mit dem, was du uns zu sagen hast!“

Paulus strahlt. „Da bin ich aber froh! Und mein Grußwort, das habe ich doch gar nicht nur für euch und euer Einweihungsfest geschrieben. Das war doch der Predigttext, den eure Kirche für diesen Sonntag ausgesucht hat. Aber wenn ich an unser Gespräch eben denke, dann scheibt es, als hätte er es hat doch auch ganz gut für heute gepasst.

Aber eine Frage habe ich doch noch. Was hat es mit den Früchten auf sich, die hier auf diesem Wagen liegen?“ Ein Landwirt ergreift jetzt noch das Wort: „Wir feiern heute nicht nur die Einweihung dieses Hauses, das deinen Namen trägt. Wir feiern auch das Erntedankfest. Wir feiern, dass wir wieder ein Jahr lang genug zu ernten und zu essen hatten, weil wir gearbeitet haben und die Natur uns nicht im Stich gelassen hat.

Paulus unterbricht ihn: „Weil Gott diese Früchte hat wachsen lassen, meinst du!“ „Ja“, sagt der Landwirt. „Und wenn wir heute die Einweihung dieses Hauses feiern, ist das doch auch eine Form von Erntedank. Gott hat uns auch dieses Bauwerk gelingen lassen!“

Paulus ist mit einem Mal verschwunden, so still und leise wie er gekommen ist. Und wir alle im Gottesdienst schauen uns an. Nicht schlecht, dass Paulus uns immer wieder einiges ins Stammbuch schreibt, denke ich. Und mir fällt ein Vers aus dem 2. Petrusbrief ein, in dem es heißt: „Paulus redet von Dingen, die manchmal schwer zu verstehen sind. Und die die Menschen manchmal ganz schön durcheinander bringen.“

Aber Paulus – er ist ein guter Namenspatron. Und es ist ein gutes Programm für dieses Haus, sich mit Paulus auf den Weg zu machen. Und dabei zu wissen: Auch wenn dieses Haus den Namen dieses Paulus trägt – am Ende ist es vor allem: ein Gottes-Haus! Darüber freue ich mich mit ihnen. Und das lasst uns feiern an diesem Tag. Amen

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.