PREDIGTÜBER MATTHÄUS 26,31-35
IM GOTTESDIENST ZUR ERÖFFNUNG DER DEKANSWAHLSYNODE
DES STADTKIRCHENBEZIRKS HEIDELBERG AM 10. APRIL 2019 IM LUTHERZENTRUM

10.04.2019
Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr euch alle ärgern an mir; denn es steht geschrieben »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sich auch alle an dir ärgern, so will ich doch mich niemals ärgern. Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Petrus sprach zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger. Amen.

(Mit eigenem Liedtext, Melodie: Komm mit Gaben und Lobgesang - T.S.)

Liebe Synodalgemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Um Wahrheit geht’s in den Passionsberichten. Um die Wahrheit über diesen einen. Um die Wahrheit über uns. Über mich.

Ist er nun schuldig oder nicht. Für uns lieg die Wahrheit auf der Hand. Religiöse Wahrheit. Aber aus römischer Sicht oder aus Sicht der herrschenden Eliten in Jerusalem sah alles doch noch einmal ganz anders aus. Ein Unruhestifter war er. Zweifellos. Einer, der religiös anmaßend dahergekommen ist. „Reißt doch euren Tempel ab. Ich bau ihn wieder auf. Innerhalb von drei Tagen!“ Ob wir heute so ganz anders mit so einem umgingen? Ich bin mir da nicht so ganz sicher.

„Was ist Wahrheit?“ Auch Pilatus soll so gefragt haben. Unberechtigt ist seine Frage gewiss nicht. Wahrheit ist ein kostbares Gut geworden. Manchmal habe ich den Eindruck: Wir können sie selber herstellen. Passen sie unseren Bedürfnissen an. Wahrheit soll verträglich daherkommen. Soll uns nicht überfordern.

Nein, es gibt nicht nur fakenews – die erkenne ich oft noch ganz gut. Aber die interessensabhängige Wahrheit. Die ein klein wenig geschönte Wahrheit. Dieser subjektive Einblick in die Wirklichkeit. Das eine Stück aus dem großen Kuchen der Wahrheit, an dem ist immer was dran. Mein Stück Wahrheit. Immer bleibt sie ein kleines Stück hinter dem Ganzen zurück.

Gibt es sie denn überhaupt, die Wahrheit? Und ich erkenne sie oft nur nicht. Wie ich zu ungeduldig bin. Oder zu wenig ernsthaft nach ihr suche. Oder ist Wahrheit immer abhängig von denen, die sie als solche ausgegeben. Gibt es noch einen Unterschied zwischen bloßer Richtigkeit und wirklicher Wahrheit?

Was bedeutet es, wenn der, um den es geht in diesen Tagen der Passionszeit, von sich sagt: Ich bin die Wahrheit?

Lasst das Lied von der Wahrheit hör‘n,
wo sonst Lügen das Band zerstör’n,
das Gemeinschaft zum Blühen bringt.
Mutig von Gottes Ja-Wort singt!

Hört, der Hahn mahnt die Wahrheit an,
Es ist Gottes Ruf, der die Welt erschuf.


In Rätseln hat dieser Jesus gesprochen: „Heute Nacht werdet ihr euch alle über mich ärgern.“ Seine Freunde haben ihn nicht verstanden. Ärgern würden sie sich, gewiss. Mehr als nur das. Entsetzt würden sie sein über das Gehabe der Mächtigen. Ihren gnadenlosen Polizeiapparat. Über Demütigungen uns Gewalt.

Aber sich ärgern über diesen einen, mit dem sie eben noch gemeinsam gegessen hatten. Eindrücklich seine Worte. Der Saft der Rebe. Die Frucht der Ähre – erinnern werden sie euch an mich. Eine bittere Wahrheit. Er befürchtet wohl das Schlimmste. Fürchtet um sein Leben.

Aber auf seine Freunde würde Verlass sein. Eine verschworene Gemeinschaft. Seit Monaten. Jahren. Kampflos würden sie nicht in die Falle laufen. Die Wahrheit ist: Sie würden für ihn alles riskieren. Auch ihr Leben. Und: Sie wussten Gott auf ihrer Seite. Von ihm hatte er doch die ganze Zeit gesprochen.

Ein Gott der Machtlosen und der Ausgegrenzten. Ein Gott der Randsiedler und Skeptiker. Ein Gott der Opfer. Nein, wenn er recht hat mit dem, was er ihnen immer wieder gesagt hat, dann kann er am Ende nicht als Verlierer dastehen. Nein, keine Ahnung, wie das gehen soll. Aber wenn es denn um die Wahrheit geht, kann Gott nicht außen vor bleiben.

Festgefügt scheint der Jüngerkreis.
Einer die bitt‘re Wahrheit weiß
vom Versprechen, das
nicht mehr hält,
wo das Lügenwort in der Welt.

Hört, der Hahn mahnt die Wahrheit an,
Es ist Gottes Ruf, der die Welt erschuf.


Wenn nicht dieser Hahn gekräht hätte! Unbemerkt hatte Petrus sich Zugang verschafft. Hatte sich mitten in die Menschenmassen verborgen. War ganz nah dran am Geschehen. Konnte sogar in sein Gesicht sehen.

Hätten die anderen ihn nur in Ruhe gelassen. „Du bist fremd hier? Gehörst wohl auch zu seinen Sympathisanten. Bist womöglich Mitglied in dieser zweifelhaften Vereinigung. Deine Sprache verrät dich. Ja, ich habe dich ertappt.“

„Nein, jetzt nur nichts falsch machen. Sonst werfen die mich raus. Oder verhaften mich auch noch. Jetzt muss ich die rechte Taktik wählen. Erst mal gar nichts zugeben. Die Möglichkeit, hier dabei zu sein, ihm nahe zu bleiben, das ist doch wichtiger als ein vorschneller Rückzug. Manchmal muss man die Wahrheit eben den Verhältnissen anpassen.

Nein, den kenne ich nicht. Bin auch nur interessiert, Will auch nur dabei sein. Die wären womöglich zufrieden gewesen. Zumindest fürs Erste.

Und dann kräht dieser vermaledeite Hahn. Unüberhörbar.

– Orgel intoniert Hahnenschrei –

Nein, er sagt nicht den Morgen an. Eher die Nacht. Eher den Beginn einer Düsternis über mein Leben. Ehe der Hahn kräht … Warum muss dieser Hahn krähen. Warum muss er mich an diesen Satz erinnern?

Ich war nur ein Hahnenschrei von der Wahrheit entfernt. Jetzt – ja jetzt bin ich wirklich bloßgestellt. Nicht vor denen, die hier um mich stehen. Nein, vor ihm. Vor dem, dem ein Hahn ausreicht, um die Wahrheit über mich zu offenzulegen. Und sie in die Welt hinein zu krähen.

Nein, ein normaler Hahnenschrei war das nicht. Gott, der schon Bileams Esel zum Reden gebracht hat – hier hat er einem Hahn seine Stimme geliehen. Was ist Wahrheit? Manchmal genügt schon der Schrei eines Hahns.

Petrus kennt diesen Menschen nicht,
dreimal löscht er der Wahrheit Licht,
eh‘ der Tag neu ins Leben drängt
ihn der Hahn schon zur Wahrheit lenkt.

Hört, der Hahn mahnt die Wahrheit an,
Es ist Gottes Ruf, der die Welt erschuf.


Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Judas geht auch hinaus, als er die Wahrheit erkennt. Aber er findet nicht ins Leben zurück. Petrus weint. Und kehrt um.

Petrus findet seine Rolle. Nicht die des Fehlerlosen. Die des Alpha-Tiers unter den Jüngern. Petrus findet zur Wahrheit über sein Leben. Er wird zum Paradigma des Kirchenmenschen. „Auf dich will ich meine Kirche bauen!“

Petrus und Petra. Fels-Mann und Fels-Frau. Das ist unsere Rolle bei der Suche nach der Wahrheit. Die Wahrheit ist: Ich muss nicht draußen bleiben für immer. Meine Tränen verwandeln sich in den Reigen der Zukunft. Ich kann immer wieder neu anfangen. Leben ist nie verwirkt für immer. Gott kommt mir aus der Zukunft entgegen.

Was unmöglich scheint – es ist meine Möglichkeit – bei Gott. Das also ist Wahrheit. Nicht logische Correctness. Auch keine politische. Die Wahrheit ist: Zu leben wie der, der von sich gesagt hat, er sei die Wahrheit – das ist möglich. Nicht mein Erfolg macht meine Wahrheit aus. Sondern, dass mein Scheitern nicht mein Ende ist. Nicht meine Ansicht bei den Menschen. Sondern meine Aussicht bei Gott.

Daran erinnert mich der Hahn. Der, der in meinem Nachbargarten gekräht hat, jeden Morgen, bis andere Nachbarn ihn nicht mehr hören wollten. Und für sein Verschwinden gesorgt haben. Hähne, Hahnenschreie, man muss sie ertragen können. Man muss sie ertragen lernen. Um der Wahrheit willen!

Längst wird Wahrheit zum raren Gut.
Schon fehlt vielen dazu der Mut,
anzusagen, wie Gott die Welt
durch die Wahrheit des Worts erhält.

Hört, der Hahn mahnt die Wahrheit an,
Es ist Gottes Ruf, der die Welt erschuf.


Wenn jetzt dann gleich Wahl ist, dann kräht zumindest jetzt gleich kein Hahn danach. Weil es nicht um die Wahrheit geht. Die ist die gleiche für den einen wie für die andere. Die ist gleich für uns alle.

Das ist das Gute. Und das Entlastende. Petrus und Petra sind nicht nur die beiden. Da sind wir alle in der Pflicht. Aber wenn Gott schon einen Hahn für sich recht zu nutzen weiß, zu seinem Diener macht, dann wird er’s auch mit allem anderen recht machen. Nicht um die Wahrheit geht’s in dieser Wahl. Sondern um die rechte Entscheidung auf dem Weg in die Zukunft dieser Evangelischen Kirche in Heidelberg. Damit wir alle den Hahnenschrei über unser je eigenes Leben nicht überhören.

Und uns am Ende hoffentlich dann auch eine gute Nacht gönnen. Bis der Hahn uns weckt. Amen.

Gott lässt uns noch der Wahrheit Wahl,
lädt voll Hoffnung zum Freudenmahl.
Alle, die leerem Wort nicht trau’n,
lässt er heut‘ schon die Zukunft schau‘n.

Hört, der Hahn mahnt die Wahrheit an,
Es ist Gottes Ruf, der die Welt erschuf.


Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.