DER TANZ DER FREIHEIT IM WEITEN RAUM?
PREDIGT ÜBER PSALM 31,9
IM GOTTESDIENST ANLÄSSLICH 50 JAHRE EGJ
AM 7. DEZEMBER 2019 IM LICHTHOF DES EOK IN KARLSRUHE

07.12.2019

Liebe Freundinnen und Freude der EGJ, liebe Jubiläumsgemeinde!

„Ein kleiner Schritt für einen Menschen. Aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit!“ Das war der Satz des Jahres 1969. Dieses Jahr 1969 hatte es tatsächlich in sich. Da setzt Neil Armstrong seinen Fuß auf den weiten Raum des Mondes. Niemand hatte das vor ihm je getan. Und dann sagt er eben jenen Satz, der Geschichte gemacht hat: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen. Aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit!“

Denn in diesem Jahr 1969 setzt nicht nur der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond. Um diesen Jahr 1969 herum gibt es ein weiteres Epoche machendes Ereignis. Ein Ereignis, das Geschichte geschrieben hat. Die Evangelische Gemeindejugend Baden erblickt das Licht der Welt – mit einer DNA, zusammengesetzt aus der des Mädchenwerks und des Jungmännerwerks. Ein wegweisender und mutiger Schritt. Ein für die damalige Zeit kühner und auch aus heutiger Sicht richtiger Schritt dazu

Auch zu diesem epochalen Ereignis gibt es einen Satz, der in Worte fasst, was da kirchenpolitisch und jugendpolitisch umgesetzt worden war. Zumindest haben sie sich als derzeitige EGJ-Verantwortliche im Rückblick auf 50 Jahre EGJ diesen Psalm-Vers als Motto ausgewählt. Wir haben ihn zu Beginn im Psalm auch schon miteinander gebetet. Und er ist auch am Ende der Lesung und im Lied eben angeklungen: „Du stellst meine Füße auf weitern Raum!“ Wie auch bei Neil Armstrong: Ein kleiner Schritt eröffnet einen ganz neuen Horizont! Einen weiten Raum!

1969 – ein wahrhaft geschichtsträchtiges Jahr. Nicht nur hier in Baden. Nicht nur auf dem Mond. Sondern auch weit tiefer im Weltall. Der Mond liegt ja gewissermaßen vor der Haustür. Nur 1,3 Lichtsekunden von der Erde entfernt. 50 Lichtjahre von der Erde entfernt findet sich Lucy. Lucy, der Diamantenplanet. Lucy gibt es wirklich. Im Jahre 2004 wurde er entdeckt. Er besteht aus dicht gepresstem Kohlenstoff. Wie ein Diamant eben. Und nach dem Beatles-Song Lucy in the Sky with Diamonds hat er seinen Namen erhalten: Lucy - im Sternbild des Zentaurus ist er angesiedelt. 50 Lichtjahre von der Erde entfernt, 50 Lichtjahre, das bedeute: Was Lucy damals, vor genau 50 Jahren, im Jahre 1969, mit Lichtgeschwindigkeit ins All abgesetzt hat, sein eigenes Licht oder irgendeine Lichtbotschaft, das kommt heute bei uns an. Und gehört habe ich: Lucy soll damals eine Glückwunschbotschaft an die EGJ abgesendet haben. Noch ist sie nicht da. Aber ich bin sicher: Sie kommt noch, jetzt, in der nächsten Viertelstunde. Kein Problem: Wir überbrücken diese Zeit gemeinsam. Indem wir uns erinnern.

Die Fusion der beiden Jugendverbände, Jungmännerarbeit und Mädchenarbeit, blieb politisch nicht folgenlos. „Wir arbeiten koedukativ“, hieß es damals immer. Denn für alle wichtigen Aufgaben werden immer zwei Menschen gewählt: eine davon weiblich, die andere männlich. Lange bevor die Grünen dieses Prinzip politisch umgesetzt haben. Und 50 Jahre ehe sich die SPD nach diesem Muster ein Vorsitzenden-Duo gesucht hat. Die EGJ ist schon Trendsetter, kaum ist sie aus der Taufe gehoben. Wer den weiten Raum erst einmal betreten hat, lässt sich nicht mehr in die Enge sperren. Der setzt den Tanz der Freiheit fort. Ganz gleich, welche Ideen und Überzeugungen gerade ihre Zeit haben.

Im Umgang mit diesem Prinzip hat die EGJ damals evangelische Freiheit bewiesen und gelebt. Das koedukative Prinzip passte in den Zeitgeist. Die 70er Jahre – das waren die Jahre einer durchaus revolutionären evangelischen Jugendarbeit. Emanzipatorisch – so lautet das Etikett, das man ihr umhängt. Soziales Engagement und evangelikale Prägung beschreiben in der Gründungsphase zwei einander beinahe ausschließende Ausprägungen und Formate der Jugendarbeit. Der weite Raum ist nicht selten das Feld heftigster theologischer Auseinandersetzungen darüber, wie denn evangelische Jugendarbeit geht.

Die Bedeutung gruppendynamischer Prozesse in der Jugendarbeit wird entdeckt. Die Mundorgel wird durch die nach und nach erscheinenden Hefte mit dem ungegenderten Titel „Student (!) für Europa“ ersetzt. Bei den Andachten erklingt Musik minderer Tonqualität aus dem Kassetten-Recorder. Alles hatte eben seine Zeit.

Die Geschichte der EGJ – sie ließe sich auch als Geschichte einander abfolgender Ordnungen und Satzungen beschreiben. Das weite Feld, auf das die Jugendarbeit Menschen stellt, suchte seinen Rahmen. Immer wieder neu. Menschen haben gelernt - ein ums andere Mal - Verantwortung zu übernehmen. Sie haben sich geübt im demokratisch verfassten Gestalten. Immer wieder haben sie das komplizierte Beziehungsgefüge zwischen dem weiten Raum und einer möglichst lebbaren Struktur in Sätze und Paragraphen zu gießen versucht. Auch dabei hatte alles immer wieder neu seine Zeit 

Und die Geschichte der EGJ geht weiter. Jetzt schon über ein halbes Jahrhundert hinweg. Aus dem „Student für Europa“ ist das „Notebook“ geworden. Und die Kassettenrekorder der Anfangszeiten haben sich in die hochwertigen digitalen Klangerzeuger unserer Tage verwandelt. Die Geschichte der EGJ geht weiter. Die früheren Landesjugendtreffen haben sich zu den Youvents der jüngeren Vergangenheit gemausert. Die Geschichte der EGJ geht weiter. Die zu Beginn vor allem altersbezogene Arbeit hat sich zu einem breiten Angebot themenbezogener Angebote entwickelt. Immer wieder neu hat alles seine Zeit.

In all dem wurden die Füße der Menschen immer neu auf weiten Raum gestellt. Dabei hat sich an Wesentlichem nichts geändert - bis heute. Das bedeutet vor allem: Die Evangelische Gemeindejugend Baden, die EGJ ist eine vitale Lebensform von Kirche. Die EGJ ist Kirche - nicht so traditionsgeprägt wie das große Mutter-Schiff der Landeskirche, dafür aber immer mit dem Ohr an den großen Themen der Zeit. Die EGJ ist Kirche - nicht so ängstlich um Absicherung und Akzeptanz nach allen Seiten bemüht wie die Altvorderen, eher mit dem Mut, auch einmal anzuecken und die Agenda neu zu schreiben. Die EGJ ist Kirche – nicht immer so theologisch korrekt und in vertrauten liturgischen Formen, dafür nah dran an dem, was junge Menschen ausmacht und bewegt. Ja, manchmal gilt: Gerade weil in den eingeübten Formen des Kirchseins nicht alles seine Zeit hat, dann sorgt die EGJ dafür, dass das Portfolio weit bleibt. Und unsere Füße auf weitem Raum stehen.

Der weite Raum – er bleibt. Aber in diesem Raum schiebt sich anderes in den Vordergrund. Jetzt, glaube ich, höre ich auch die Botschaft, die vor 50 Jahren mit dem Licht der des Planeten Lucy auf den Weg geschickt wurde. Seitdem mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Das heißt mit einer Geschwindigkeit von ungefähr einer Milliarde km der Stunde. Lucky sendet seine Botschaften so, dass sie uns direkt erreichen. Ohne Whiteboard. Ohne Beamer. Und wenn ihr euch konzentriert, leuchtet die Botschaft von Lucky vor eurem inneren Auge auf. Ich lese: 

„Herzlichen Glückwunsch, liebe EGJ in Baden“, heißt es da. „An eurem Gründungstag im Jahr 1969 schicke ich diese Botschaft los. Damit sie euch pünktlich zu eurem 50 Geburtstag erreicht. Aus dem weiten Raum des Alls. Zu euch in die Welt der Gemeindejugendarbeit in Baden. Erinnern will ich euch daran, was euch von Anfang an wichtig war. Und was euch wichtig bleiben soll – auch nach 50 Jahren!

 

·      Die Sorge um die Gerechtigkeit - weltweit und vor Ort – ihr dürft sie niemals aufgeben!

·      Das gerechte Verhältnis der Geschlechter, weiblich, männlich und verschieden – was euch von Beginn an ans Herz gelegt war – ihr dürft her nicht nachlassen.

·      Die Verantwortung für die Umwelt und euren Lebensraum, die Begrenzung der Erwärmung eures Klimas – euer Überleben hängt davon ab, dass euch das gelingt.

·      Die Menschen, die anders sind als ihr, die Menschen, die zu wenig zum Leben haben – für sie müsste ihr eure Stimme erheben. Und widersteht denen, die nur Spaltung und die Verachtung anderer im Blick haben.

·      Der gefährdete Frieden – immer habt ihr euch für ihn eingesetzt. Macht unbedingt weiter! Es ist unglaublich wichtig.

·      Bleibt eurer Kirche verbunden!  Nein, ihr seid nicht die Kirche von morgen. Ihr seid die Kirche von heute. Macht daher eure Vorstellungen und Ideen öffentlich! 

Ganz schön modern, was Lucy da schreibt, denke ich. Kaum zu glauben, dass sie das vor 50 Jahren losgeschickt hat. Passend für diesen Tag, wie wenn’s gestern geschrieben worden wäre. Soviel hat sich wohl nicht geändert in den letzten 50 Jahren. Die Themen bleiben aktuell. Über ein halbes Jahrhundert hindurch.

Da meldet sich Lucy noch einmal. „Noch etwas!“, höre ich. „Bevor ich’s vergesse: Feiert endlich! Es ist höchste Zeit dafür!“

Amen.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.