Andacht am Beginn der Kollegiumsklausur am 20. Januar 2020 in Beuggen

20.01.2020

Liebe Schwestern und Brüder! In meinen Urlaubstagen am Beginn des neuen Jahres habe ich die Bar von Froilein Sany besucht. Sie nennt sich wat Bar. Es handelt sich aber eher eine gemütliche Kneipe, in der man etwas trinken und eine Kleinigkeit essen kann. Und in der man auch mit Froilein Sany, die eigentlich ganz anders heißt, ins Gespräch kommt.

Schon die Speisekarte gibt Einblick in ihre Geschäftsidee und in ihre Firmenphilosophie. Froilein Sany ist eine Quereinsteigerin im Bereich der Gastronomie. Gleich auf der ersten Seite ihrer Speisekarte ziiert sie einen Satz, über den ich seitdem immer mal wieder nachdenke. Der Satz lautet: Profis haben die Titanic gebaut. Und Laien die Arche Noah. 

Klar, sie will ihren Gästen sagen: Ich muss kein ausgemachter gastronomischer Profi sein, damit es euch bei mir gutgeht. Es geht einem gut bei ihr. Aber der Satz lässt sich womöglich auch in andere Bereiche übertragen. Vielleicht auch auf das, was wir tun. Heute und morgen. Aber auch sonst.

Natürlich muss ich aufpassen. Unsere Kirche ist nicht die Titanic. Und sie ist auch nicht die Arche Noah. Aber mit einem Schiff wird die Kirche ja immer wieder verglichen. Und wenn ich auf zweitausend Jahre Kirchengeschichte zurückschaue, dann waren meistens eher Nachfolgerinnen und Nachfolger von Noah in Verantwortung als die Erbauer der Titanic.

Einerseits könnte uns das beruhigen. Noah war mit dem Bau seiner Arche schließlich ganz erfolgreich. Aber ich frage weiter: Sind wir wirklich einfach nur Noah? Haben wir nicht in ganz verschiedener Weise hochqualifizierte Ausbildungen als Schiffsbauer oder als Schiffsbauerin? Wir formulieren Kompetenzen und verabschieden Prüfungsordnungen. Wir suchen die richtigen Leute und erwarten, dass sie etwas vom Schiffsbau verstehen. Sind wir als Kirche deshalb auf dem Weg von der Arche zur Titanic?

Ehrlich gesagt: Ich glaube das nicht. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es unverantwortlich wäre, den Dienst an der Kirchenleitung – wie die Grundordnung beschreibt, was wir tun – hemdsärmlig und ohne fachliche Kenntnisse zu tun.

Trotzdem: Da gibt es etwas in diesem Satz, was mir zu denken gibt, ja, was mich fasziniert. Und was auch gut auf die Kirche passt. Wenn Noah das Vorbild dafür ist, verantwortlich mitzuwirken am Bau des Schiffs der Kirche, dann muss uns klar sein: Noah bin nicht nur ich! Mehr noch: Eigentlich sind wir alle ein bisschen Noah.

Dieser Satz, den ich bei Froilein Sany gelesen habe, er ist so etwas wie die Übersetzung der Idee des allgemeinen Priestertuns in säkulare Sprache. Auf dem Schiff der Kirche gibt es keinen und kein ohne Verantwortung. Und auch keinen oder keine ohne Gaben. Nur gibt es eben verschiedenen Haben und verschiedene Arten der Verantwortung. Differenzierte Verantwortung möchte ich das nennen. Aber ohne Hierarchie und Wertung. Aber mit klarer Zuständigkeit. Wie wir eben auch keine Weihehierarchie habe. Aber dennoch in die Mitverantwortung für dieses Schiff gestellt sind.

Wichtig ist nur, dass wir nie aus dem Augen verlieren: Wir sind es gar nicht, die das Schiff der Kirche bauen. Der, der dieses Schiff der Kirche gebaut hat und auch weiter an ihm baut, das ist ein anderer. Wir sind mit unseren Gaben und mit unserer Bereitschaft gefragt. Aber dass unser Schiff nicht untergeht, das steht in anderem Horizont. Sorgloser könnte mich das machen. Und demütiger. Und es könnte meine Lust stärken, vom Unterdeck nach oben zu kommen. Ansprechbar zu sein. Die Umbau-Pläne und die Veränderungs-Pläne umzusetzen.

Nein, wir arbeiten und leben nicht auf der Titanic, sondern allemal in der Arche Noah. Und so ist für mich dieser Barbesuch zu einer hochtheologischen Angelegenheit geworden. Und hat Einsichten über das Schiff der Kirche und das allgemeine Priestertum neu in mein Blickfeld gerückt.

Oder um es mit einem Satz Martin Luthers zu sagen, der in manchen Sakristeien zu lesen ist: Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Unsere Nachkommen werden´s auch nicht sein: sondern, der ist´s gewesen, ist´s noch und wird´s sein, der da sagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt´(Mt 28,20)“

Mit dieser Einsicht können wir getrost ans Werk gehen. Und wer übrigens auch mal zu Froilein Sany will: Ihr findet sie in Sankt Märgen, im Klausenweg 2. Ein Besuch lohnt ja nicht nur wegen der Speisekarte.

Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.