Haus-Andacht zur Jahreslosung 2020 am 7. Januar 2020 in der Kapelle des Dienstgebäudes des Evangelischen Oberkirchenrates in Karlsruhe

07.01.2020

Liebe Hausgemeinde!

Alles hat seine Zeit! Und jedes Jahr sein eigenes Motto. Jahreslosung nennen wir diesen einen biblischen Satz, der uns durch ein Jahr hindurch begleiten soll. Trotz des Namens Losung – ausgelost wird dieser Satz nicht, sondern ausgewählt drei Jahre im Voraus von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen. Seit 1930, also seit 90 Jahren gibt es diese Tradition.

Mich erstaunt immer wieder, wie treffsicher diese Sätze die Gegenwart beleuchten und deuten können. Wie sie uns ein Signal geben, was dran ist.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ – so lautet die Jahreslosung für dieses Jahr 2020. Dieser Satz ist schon ein Widerspruch in sich. Bin ich unterwegs als ein Glaubender, als eine Glaubende? Oder ringe ich mit der Tatsache, dass es mit meinem Glauben nicht weit her ist. Dass er mir Mühe macht. Mir durch die Finger rinnt.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Aus dem Markusevangelium stammt dieser Satz. Der Vater eines kranken Jungen hat ihn gesagt. Mit herzzerreißenden Worten wendet er sich an Jesus: „Mach ihn gesund, wenn du etwas kannst!“ „Wenn du etwas kannst?“ wiederholt Jesus. Und fügt dann den Satz hinzu: „Wer glaubt, dem oder der ist alle möglich. Der oder die kann alles!“

Darauf reagiert der Vater des kranken Jungen eben mit dem Satz, der dieses Jahr die Jahreslosung bildet: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Satz zu lesen und zu verstehen.

Wir singen jetzt die erste Strophe des Liedes auf dem Liedzettel. Ich habe einen Liedtext zur diesjährigen Jahreslosung geschrieben, auf eine vertraute Melodie (EG 445: Gott des Himmels und der Erden).

Lied zur Jahreslosung 2020

Melodie EG 445: Gott des Himmels und der Erden

Auf dem Weg in neue Zeiten

eines Jahres, das noch jung,

möge Gottes Geist uns leiten.

Uns bezaubert neuer Schwung.

Aufrecht geh ich durch die Zeit -

Glauben meint: Ich bin bereit!

„Glauben, irgendwie, das mache ich schon längst. Aber dass du meinen Sohn gesund machen kannst, das musst du erst einmal beweisen! Hier musst du meinem Unglauben abhelfen!“ Das ist das Glaubensverständnis des Vaters. Das ist „Glauben traditionell“!

Der Vater ist tief verhaftet in der Tradition. Er bekommt sie nicht los. Aber jetzt, wo’s ums Ganze geht, um Leben und Tod, braucht er noch eine Alternative, einen Glauben, nicht aus der Schulmedizin. In dieser Suchbewegung wendet er sich an den Wunderrabbi aus Nazareth. Glauben kann ich‘s eigentlich nicht, es ist gegen alle Vernunft. Aber ich bin offen dafür, dass Du mich vom Gegenteil überzeugst. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ – Wir singen die nächste Strophe!

Lass mich unter deinem Segen

meine Schritte fröhlich gehn.

Und auf allen Lebenswegen

mutig in die Zukunft sehn.

Bau ich auch auf Hoffnung nur -

Glauben meint: Bleib in der Spur!

„Ich bin entsetzt von diesem Irrwitz und diesem Irrglauben! Aber ich hab‘ keine Idee, wie ich dem Rad in die Speichen fallen kann! Mein Glaube kann da durchaus ins Wanken geraten!“ Das ist auch eine mögliche Übersetzung der Jahreslosung. Es war mein erster Gedanke, als ich am Morgen des 3. Januar die Nachrichten gehört habe. „Gegen-Glaube im Angesicht des täglichen Irrsinns“ möchte ich diesen Glauben nennen.

So jedenfalls geht Friede nicht, habe ich gedacht. Zumindest hat der Bergprediger uns andere ins Stammbuch geschrieben. Und die Friedensstifter selig gepriesen. Frieden ist möglich Gerade auch ein gerechter Frieden. Davon bin ich fest überzeugt. Das macht meinen Glauben aus. Aber Unrecht auf Unrecht, Gewalt gegen Gewalt, das ist nicht der Weg. Da wünsch ich mir nicht selten, Gott möge irgendwie eingreifen. Und weiß doch, dass ich, dass wir alle dazu berufen sind, als Friedensstifter, als Friedensstifterin zu wirken. Und schicke meinen Seufzer zu Gott: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Gegen alle Gier der Mächte

stärken Schwestern, Brüder mich.

Endlos sind sie nicht, die Nächte,

Widerstand verbindet sich.

Böses muss nicht ewig sein -

Glauben meint: Sag mutig nein!

 

Ob ich glaube? Wenn mich jemand fragt, sage ich sehr zurückhalten ja, meist nach einigem Zögern. Oder ich frage, wie er oder sie das meint. Wenn Glauben heißt, immer oben zu schwimmen. Immer die richtige Antwort parat zu haben. Mit allem fertig zu werden. Auch dem Schweren im Leben. Wenn Glauben also bedeutet: Ich hab’s. Und du musst schauen, dass du’s auch hast, sonst gehörst du nicht dazu, dann läuten bei mir die Alarmglocken. Der Bruder Glaube und die Schwester Zweifel, sie sind immer nur als Zwillingspaar zu haben.

Ja, manchmal denke ich: Die Frage und der Zweifel, das sind geradezu Formen des Glaubens. Und nicht selten fällt es mir leichter, mit jemandem, der oder die heftig mit ihrem Gott ringt, zu reden und den angefochtenen Glauben zu stärken, als in den Chor der allzu Überzeugten einzustimmen. „Dennoch bleibe ich stets an Dir!“ heißt es im 73. Psalm. Dieses dennoch ist die große Klammer, die alles zusammenhält. Dennoch-Glaube möchte ich diesen Glauben nennen. Und darum auch einstimmen in den Satz des Vaters des kranken Jungen: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben! 

Neues müssen wir erproben.

Alte Wahrheit ist oft blind.

Grenzen werden weggeschoben,

die dem Morgen feindlich sind.

Vor dem Irrtum scheu dich nicht!

Glauben meint: Du findest Licht!

Was bleibt also auf dieser Spurensuche im Schlepptau der Jahreslosung 2020? Egal welche Spur ich aufnehme in meinem Leben – ich muss irgendwie Farbe bekennen. Farbe bekennen, wenn es darum geht offenzulegen, was Glaube für mich meint. Tradition. Sicherheit. Persönliche Erfahrung. Ein tragendes Gerüst. Oder der weite Horizont dessen, was möglich ist: „Alles ist dir möglich, wenn du glaubst!“, sagt Jesus ja zum Vater des Jungen. Nicht darum, irgend etwas zu glauben, geht es also. Sondern darum, gerade darauf zu vertrauen. Es einfach zu probieren. Den Gang übers Wasser zu wagen, und nicht einfach nur zu Lamentieren, dabei könnten ja die Füße nass werden. Nasse Füße gehören dazu. „Vorschuss-Glaube“ nenne ich diesen Weise des Glaubens.

Diesen „Vorschuss-Glauben“ haben wir auch nötig auf den Wegen der Veränderungen, die vor uns liegen. Nicht die Sorge, was womöglich auch einmal nicht gleich gehen könnte, soll mich belasten. Sondern die Lust auszuprobieren, was denn alles möglich ist – über das Vertraute und Gewohnte hinaus. Es erst gar nicht zu probieren, das ist auch eine Form des Unglaubens. Und dem soll ja abgeholfen werden. Darum noch einmal dieses biblische Jahresmotto 2020, diese Jahreslosung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Amen.

Zauber liegt auf unserem Leben,

Glanz der Weihnacht, der uns bleibt.

Teilt, was Gott euch hat gegeben,

Hoffnung neue Lieder schreibt:

Nichts muss bleiben wie gewohnt -

Glauben meint: Das Leben lohnt!

 

Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.