Predigt über Apostelgeschichte 10 (in Auswahl) im Dialog mit dem Altarbild von Angela Junk-Eichhorn 200 Jahre Landesbibelgesellschaft Baden im Gottesdienst am Sonntag, den 26. Januar 2020 (3. S.n.Epiphanias) in der Stadtkirche in Karlsruhe

26.01.2020

Liebe Gemeinde!

Bilder sagen mehr als Worte! Ein schwieriger, ja ein kühner Satz, wenn es um ein Buch geht. Ein besonderes Buch! Aber eben um Worte. Geschriebene Worte. Um das Wort. 200 Jahre Badische Landesbibelgesellschaft feiern wir in diesem Jahr. Und damit 200 Jahre besonders intensiver Bemühungen, dieses Wort unter die Leute zu bringen. Dieser Festgottesdienst heute ist ja erst der Anfang einer Reihe von Jubiläumsveranstaltungen.

Bilder sagen mehr als Worte! Und auf jeden Fall sagen sie es anders. Diese Botschaft geht für mich auch aus von diesem großen Bild über dem Altar. Die Künstlerin Angela Junk-Eichhorn hat ein sprechendes Kunstwerk geschaffen. Und doch eines, das zugleich offen ist für verschiedene Deutungen. Das ist die Stärke des Bildes. Nicht nur dieses Bildes. Es ist ein Vielklang, der mir von diesem Bild entgegenkommt. Und wenn ich die vielen Kreise sehe, die in ein Viereck der Größe 3,80 mal 2,60 gefasst sind, kommt mir fast die Rede von der Quadratur des Kreises in den Sinn. Auch hier muss das Runde ins Eckige, um einen Satz aus der so ganz anderen Welt des Sports zu zitieren.

200 Jahre Badische Landesbibelgesellschaft, gedeutet durch ein großformatiges Bild – und dazu, wie könnte es anders sein, ein Predigttext aus eben dieser Bibel, deren Verbreitung ja der Hauptzweck der Bibelgesellschaft ist – seit der Gründung im Jahr 1820. Und damit sogar noch ein Jahr bevor unsere badische Landeskirche durch die Union von Lutheranern und Reformierten das Licht der Welt erblickt hat.

Buch und Bild – sie stehen in einer Wechselwirkung seit der Erfindung der Schriftzeichen. Es war eines der zentralen Anliegen der Väter und Mütter der Reformation, den Menschen den Zugang zu diesem Buch zu ermöglichen. Damit sie nicht weiter nur auf Bilder angewiesen bleiben. Aus der Bildreligion sollte eine Buchreligion werden.

Knapp 500 Jahre hat dieses Programm Bestand. Dann kehrt die Bilderwelt mit Wucht und mit Macht zurück. Die bewegten Bilder fangen an, dem Wort Konkurrenz zu machen. Mit der Erfindung des Fernsehens. Und dann in noch ungleich stärkerer Weise mit der Verbreitung digitaler Bilder.

Und 500 Jahre Buch-Welt werden erneut von der Bild-Welt abgelöst. Ist das Buch, auch das Buch der Bücher, Relikt einer zu Ende gehenden Epoche? Ich glaube das nicht. Vielmehr müsste es gelingen, Buch und Bild, Bibel und Kunst in einer lebendigen, einer produktiven Balance zu halten. Eine Balance, eine Art von Beziehung, die ja viel älter ist als ihre moderne Spielart. Darum finde ich es auch großartig, dass wir 200 Jahre Badische Landesbibelgesellschaft mit der Präsentation eines großformatigen Bildes, eines Altar-Bildes feiern können.

Aus vier großen Rechtecken setzt sich das Bild zusammen. In vier Bilder lässt sich auch der Predigttext für diesen 3. Sonntag nach Epiphanias zum Sprechen bringen. Beginnen wir mit dem Rechteck links oben. Der erste Traum. „Der Traum vom Neuen, das wächst“ will ich es überschreiben. Ein Samenkorn, vielleicht auch ein Ei, das aufbricht. Eine Pflanze mit Blättern, die aufwächst. Die Erde, die neu wird, links unten im Bildausschnitt. 

Dazu, als inneres Bild, der erste Traum aus dem Bericht aus Apostelgeschichte 10:

Cornelius, der Hauptmann der Italienischen Kohorte, hatte eine Erscheinung um die neunte Stunde am Tage und sah deutlich einen Engel Gottes bei sich eintreten; der sprach zu ihm: Kornelius! Deine Gebete und deine Almosen sind gekommen vor Gott, dass er ihrer gedenkt. Und nun sende Männer nach Joppe und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus. Der ist zu Gast bei einem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt. Und als der Engel, der mit ihm redete, hinweggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Knechte und einen frommen Soldaten und sandte sie nach Joppe.

Neues wächst heran. Der Engel Gottes erscheint einem Heiden. Einem römischen Besatzungssoldaten. Der ist fasziniert von der Religion seines Einsatzlandes. Und er betätigt sich als Wohltäter. Unerwartetes ist da aufgegangen. Eingespielte Rollen kommen in Bewegung. Der Besatzer wechselt die Seite. Sein römischer Götterhimmel wird leergeräumt für den einen Gott, Schöpfer und Erhalter der Welt. Religiöse Schranken fallen. Selbst die Engel kennen keine Grenzen mehr. Was für ein kühner Traum.

Oben rechts hat die Künstlerin ein zweites Rechteck gestaltet. Ich will es den zweiten Traum nennen und überschreiben mit: „Der Traum vom wiederhergestellten Paradies“. Einen Garten lässt die Künstlerin uns sehen. Mittendrin ein Baum. Die Erde aufgebaut aus mehreren Schichten. Über allem wölbt sich der Himmel wie eine Schutzschild in Form einer Glocke.

So haben sich die Menschen vor zweieinhalbtausend Jahren die Erde vorgestellt. Gott legt einen Garten an. Und wölbt schützend wie eine Glas-Kuppel das Firmament darüber. Alles scheint in himmlischer Ordnung.

Im Fortgang beschreibt auch der Text aus der Apostelgeschichte einen zweiten Traum. Vertraute Regeln kommen ins Wanken. Grenzen werden in Frage gestellt. Zumindest die Hoffnung bleibt: Das verlorene Paradies kehrt zurück. Ich lese:

Am nächsten Tag stieg Petrus auf das Dach, zu beten um die sechste Stunde. Da kam eine Verzückung über ihn, und er sah den Himmel aufgetan und ein Gefäß herabkommen wie ein großes leinenes Tuch, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Gemeines und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein. Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Gefäß wieder hinaufgenommen gen Himmel.

Die Grenzen von Rein und Unrein – sie machen nur Sinn vor den Pforten des Paradieses. Im blühenden Garten mit dem Baum in der Mitte existiert diese Grenze nicht. Mehr noch: Da hat sie kein Recht. Da macht sie keinen Sinn. Petrus ahnt: Da kommt Vertrautes ins Rutschen. Was bisher gegolten, woran er sich bisher gehalten hat – Gott setzt es außer Kraft.

Der Weg durch das Altar-Bild geht weiter. Im Rechteck unten links sind große helle Kugeln erkennbar. Sie verleiten mich, dem Bildausschnitt die Überschrift zu geben: „Die Bälle kommen ins Rollen“. Die Abgesandten des Hauptmanns Cornelius sind in Bewegung. Petrus muss seinen Platz verlassen. Alte Denkmuster fallen in sich zusammen. Und doch geht die heimliche Ordnung nicht verloren. Auch das neue Bild hat seine Schönheit.

Wie das Bild schrieben auch die biblischen Bilder die Geschichte der Veränderung fort.

Als aber Petrus noch ratlos war, was die Erscheinung bedeute, die er gesehen hatte, siehe, da standen die Männer, von Kornelius gesandt, schon an der Tür, riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wäre. Während aber Petrus nachsann über die Erscheinung, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich; so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt. Da rief er sie herein und beherbergte sie. Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen.

In Jaffa bei Tel Aviv bekommt man als Tourist das Haus Simon des Gerbers gezeigt. Das Haus, in dem Petrus sich aufgehalten haben soll. Es macht nichts, dass niemand sicher weiß, ob es sich wirklich um dieses Haus handelt. Das äußere Bild nährt die inneren Bilder. Die Vorstellung der Ereignisse wird durch die Anschauung unterfüttert und genährt.

Bleibt der letzte Quadrant. Das Rechteck unten rechts. „Die neue Ordnung des Kosmos“ möchte ich sie überschreiben. Noch einmal sind die leuchtenden Bälle des Teilbildes unten links zu sehen. Strahlender, leuchtender kommen sie mir hier aber vor. Und die Halbkugel am linken Rand des Rechtecks bildet mit der des Rechtecks daneben eine neue Einheit. Einen neuen Kreis. Die Erde im Gewand der geheilten Natur. Von Neuem wächst zusammen, was im Tiefsten doch immer zusammengehört hat. Im Bericht der Apostelgeschichte hört sich das so an: 

Petrus sprach zu Kornelius: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen. Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand und sprach: Kornelius, sende nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist. Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.

Ein Bild, das spricht! Der Riss ist geheilt. Nicht unsichtbar gemacht. Aber überbrückt. Von neuem verbunden. Senkrecht läuft ein „Band der Heilung“ durch das Altarbild. Verziert mit roten Rosen. Dazwischen wie kleine Nachrichten blaue Blattfetzen. Ich bin sicher: Botschaften der Hoffnung würden wir auf ihnen lesen können. Worte, die zu Herzen gehen und guttun. Worte, die aufrichten, wen andere klein machen und niederdrücken.

Zusammen mit der Linie, die die beiden oberen Rechtecke von den unteren trennt, bildet dieses Band ein Kreuz. Das Wort vom Kreuz, verborgen in diesem Bild der geheilten Schöpfung. Wirklich, wie geschaffen für diesen Festtag der Landesbibelgesellschaft. Zumindest in dessen Absicht deutungsoffen.

Um nichts anderes geht es diesen Worten der Bibel! Darum geht es, neu zusammen zu bringen, was auseinandergebrochen ist.

Darum geht es, Schaden zu heilen und Festgefahrenes wieder in Bewegung zu bringen.

Darum geht es, aus dem kleinen Samenkorn herauswachsen zu sehen, was das Antlitz der Welt neu macht.

Darum geht es, den Schöpfer und Erhalter dieser einen Welt in Erinnerung zu rufen und in Erinnerung zu halten.

Erstaunlich, dass das diesem Buch der Bücher immer wieder gelingt. Nicht erst seit zweihundert Jahren. Sondern seit zweitausend Jahren. Mehr noch: Seine Botschaft ist noch viel älter. Beginnt mit dem Bericht vom Uranfang. Als noch nicht war, was schon so lange ist. Geht weiter mit der Kette der Zeuginnen und Zeugen dieses Gottesglaubens, die ein ums andere Mal dem Weiter-So ihren Einspruch entgegenschleudern – bis auf diesen Tag! Geht für uns weiter mit dem einen, aus dessen Angesicht uns Gottes Gegenwart selber entgegenleuchtet. Schreibt uns am Ende selber ein in dieses Buch mit all seinen Hoffnungen – wenn allem Bösen der Boden entzogen wird. Uns am Ende selbst der Tod nicht mehr sein wird.

Das Bild ruft in unseren Herzen wach, was die Worte dieses Buches der Barmherzigkeit schon seit allem Anfang zur Sprache bringen: Gott ist im Kommen. Deshalb haben wir Zukunft. Bei Gott. Unter den Menschen. Auf dieser Erde. Jetzt und für immer! Was für ein Bild der Hoffnung! Was für Worte eines tragenden Glaubens. Was für ein Buch, das beides zusammenbringt. Amen.

Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.