Predigt über Matth. 20,1-16 am Sonntag, den 9. Februar 2020 in der Karl-Friedrich-Gedächtnis-Kirche Karlsruhe

09.02.2020

Liebe Gemeinde!

Das war das Bild der Woche! Susanne Hennig-Wellsow, Landeschefin der Linken in Thüringen, wirft dem neu und auf beschämende Weise zum Ministerpräsidenten gewählten Thomas Kemmerich den Blumenstrauß vor die Füße. Ungläubiges Entsetzen kommt dadurch zum Ausdruck. Verachtung über einen derartig instinktlosen Umgang mit dem, was sie bis eben noch für gemeinsame Überzeugung gehalten hatte.

Im Predigttext für diesen Sonntag Septuagesimae wird nichts von vor die Füße geworfenen Blumensträußen berichtet. Für Schnittblumen war‘s da im Vorderen Orient ohnedies viel zu heiß. Aber der Gefühlsmix, mit dem einige der Menschen, um die es da geht, ihrem Dienstherrn entgegentreten, der wird, da bin ich mir ziemlich sicher, der gleiche gewesen sein. Ungläubiges Entsetzen. Und die Verachtung über den Umgang mit dem, was Menschen gemeinhin als angemessen und üblich voraussetzen. 

Dabei geht’s im Predigttext eigentlich um das Reich Gottes. Und ich dachte, spätestens da müssten keine Blumensträuße mehr fliegen. Weil im Reich Gottes Gerechtigkeit herrscht. Und sich niemand mehr um sein Recht und die Einhaltung der Regeln eines vertrauensvollen Umgangs sorgen muss.

Geht es so im Reich Gottes zu? Nicht nur die Menschen im Predigttext haben so gefragt. Ich ehrlich gesagt auch. Zumindest beim ersten Hinhören. Jesus erzählt ein Gleichnis. Und mit dem Gleichnis will er klarmachen, was das Reich Gottes von der realen Welt unterscheidet, in der wir heute leben.

Es ist einer der ganz großen Texte der Bibel. Wenn sie den Text kennen, dann hören sie ihn heute einfach noch einmal ganz neu. Es lohnt sich. Wenn sie ihn nicht kennen, werden sie staunen. Und so oder so werden sie sich fragen, ob das wirklich geht. Und ob Jesus das erst meint, was er mit dem Gleichnis sagt. Und ob da nicht doch besser der Hauptperson, um die es geht, Blumensträuße hätten vor die Füße geworfen werden müssen.

Das Gleichnis hat aber eine kleine Vorgeschichte. Ein kleines Streitgespräch zwischen Jesus und Petrus. Petrus stellt die Frage, die ich auch gut kenne. Und ich bin sicher: Nicht nur ich. Es ist die Frage: „Und was bringt mir das jetzt? Was habe ich jetzt davon?“ Da hat einer soviel an Zeit und Kraft investiert. Da hat sich einer engagiert. Über alle Maßen. Da war einer unermüdlich im Einsatz. Petrus will wissen, ob sich das für ihn auch gelohnt hat. Und er fragt: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns dafür zuteil?“ Bei dem großen Einsatz, da ist sich Petrus sicher, da muss am Ende auch etwas herausspringen.

Was antwortet Jesus? Ganz lapidar: „Erste werden Letzte. Und Letzte werden Erste sein.“ Und dann erzählt Jesus eben dieses Gleichnis, das heute der Predigttext ist. Ich lese aus Matthäus 20 die Verse 1-16:

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg - so nennen wir das Gleichnis, das ich eben gelesen habe. So lautet auch die Überschrift in der Lutherübersetzung. Ob diese Überschrift stimmt, darauf komme ich später noch einmal zurück.

Wir können dieses Gleichnis mit verschiedenen Ohren höre. Mit dem Ohr der persönlichen Betroffenheit. Dann würde der Strauß durch die Luft fliegen. Oder mit dem Ohr des wirtschaftlichen Sachverstandes. Dann wäre womöglich ein Streik fällig. Oder mit dem Ohr des politischen Visionärs. Dann hätten wir allen Grund, das Fest des Anbruchs einer neuen Zeit feiern. Des Durchbruchs einer neuen Welt. Zuletzt möchte ich auch mit dem theologischen Ohr hören. Und dann hilft mir nur noch der liebe Gott weiter.

Mit dem Ohr der persönlichen Betroffenheit will ich anfangen. Die erste Reaktion – und die kann ich gut verstehen – die sagt: Unmöglich ist das! Das haut dem Fass den Boden aus! Man muss nicht einmal ausgesprochen gewerkschaftlich orientiert unterwegs sein. Da genügt schon ein Stück Widerstand einfach aus Liebe zur Gerechtigkeit.

Das kann doch wirklich nicht sein! Die einen schuften den ganzen Tag in der sengenden Hitze. Und die anderen beteiligen sich noch eine Stunde, dann wenn’s abends schon etwas abkühlt. Und am Ende haben sie alle den gleichen Lohn in der Lohntüte.

Gerecht ist das nicht. Zumindest nicht gerecht nach unseren Maßstäben. Und auf das Wenige, was ich da erhalte, kann ich auch noch verzichten. Und ich bin sicher. Einige werden dem Weinbergbesitzer die ihrer Meinung nach zu mickrig gefüllt Lohntüte vor die Füße geworfen haben. Ein kleines Stück Thüringer Landtag schon vor 2000 Jahren.

Jetzt will ich mit dem Ohr des ökonomischen Sachverstandes hören. Dann kann ich nur sagen: So geht das nicht. Das entsolidarisiert die arbeitenden Menschen. Und es lässt ihre Bereitschaft, überhaupt zu arbeiten, in sich zusammenbrechen. Es reicht doch, wenn ich mich kurz vor Feierabend blicken lasse. Und überhaupt: Dass jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist – und jede Arbeiterin ihres Lohnes – da steht ja selbst schon in der Bibel.

Und wo sich ungerechte Strukturen breit machen wollen, da müssen die arbeitenden Menschen ihr entgegentreten. Da ist es gut, wenn es eine Gewerkschaft gibt. Da muss am Ende für Gerechtigkeit für die Zu-kurz-Gekommenen womöglich gestreikt werden. Und ich dachte, im Reich Gottes wären Streiks ein Auslaufmodell. Da wären Streiks gar nicht mehr nötig.

Ich könnte das Gleichnis auch mit dem Ohr des politischen Visionärs hören. Dann sähe in diesem Weinberg die Bedingungen des kommunistischen Endzustands verwirklicht: Jeder nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen. Das heißt konkret zumindest nicht einfach Bezahlung nach den Stunden der geleisteten Arbeit. Aber dann müssten zumindest die mit einem größeren Bedarf, die die für mehr als sich selber sorgen müssen, für Kinder, für pflegebedürftige Angehörige, mehr bekommen. Aber davon steht im Gleichnis nichts drin.

Wenn einfach alle gleich entlohnt werden – auch das würde dem Gleichnis den Zahn der Ungerechtigkeit nicht ziehen.

Ein anderer Weg wäre der zu sagen: In diesem Gleichnis ist der Mindestlohn umgesetzt. Jeder bekommt genug, um davon leben zu können. Der Stundenlohn müsste eigentlich so hoch sein, dass niemand, der arbeitet, in Armut fallen darf. Keine working poor. Keine Menschen, die nicht genug haben, obwohl sie arbeiten. 

Das trifft für das Gleichnis zweifellos zu. Ein Silbergroschen ist nach damaligem Wert schon eine gute Entlohnung. Umgerechnet viel mehr wert als die 9 Euro 35, der Höhe des gesetzlichen Mindestlohnes im Jahr 2020. Aber auch der Mindestlohn ist ein Stundenlohn. Und wer zwölf Stunden gearbeitet hat, bekommt mehr als der, der nur eine Stunde gearbeitet hat. Das empfinden wir jedenfalls als gerecht.

Höchste Zeit, dass ich jetzt also auch mit dem theologischen Ohr höre. Und darauf kommt es Jesus, dem Gleichnis-Erzähler, in erste Linie an. Obwohl die Zuhörer und Zuhörerinnen damals die wirtschaftliche Ungerechtigkeit auch empfunden haben. Jesus beginnt, indem er vom Reich Gottes spricht. Und ich bin sicher: Am Ende will er von Gott selber sprechen. Davon, wie Gott verstanden werden will. Davon, wie Gott ist. Was sein Gott-Sein ausmacht. Und da läuft am Ende einiges ordentlich quer zu unserer Vorstellung von Gerechtigkeit. Und genau hier wird der Text so richtig spannend.

Hier geht es eben um die Ökonomie des Reiches Gottes. Nicht um die, nach der mein Leben funktioniert. Nicht um die geht es, die wie Petrus fragt: „Und was bekomme ich jetzt dafür? Was hat mir das alles gebracht?“ Das ist das Denken nach unseren menschlichen Maßstäben. Das Denken nach den Regeln, die unserem Wirtschaftssystem zugrunde liegen. Nach den Regeln, die wir für gerecht halten.

Das Gleichnis sagt: Das Urteil über unser Leben, die Würdigung unserer Lebensleistung, die ist Sache Gottes. Und Gott gegenüber sind wir alle gleich. Gott gegenüber sind wir alle darauf angewiesen, dass Gott uns recht sein lässt. Mit einer oder mit zwölf Stunden.

Um die Leistung, um die Dauer der Arbeit, geht’s überhaupt nicht. Es geht um die ausnahmslos allen zukommende Großzügigkeit Gottes. Sich darin geborgen zu wissen, darauf zu vertrauen, das genau meint Glauben. Glauben heißt, sich auf Gottes Großzügigkeit, auf Gottes Gnade verlassen.

Das lateinische Wort für Gnade ist gratia. Dieses Wort gratia steckt auch im deutschen Wort gratis. Gott lässt uns Leben und Fülle finden. Gratis. Umsonst. Diese Gnade kann man nicht portionieren. Diese Gnade, diesen Lebenszuspruch gibt es nur ganz. Für alle. Ohne dass sie portioniert ist. Deshalb sind die Letzen den Ersten gleichgestellt. Im Weinberg des Herrn gibt es keine Stechuhr. Darum ist dieses Gleichnis sehr wohl eine Antwort auf die Frage des Petrus: „Was bringt mir das alles?“ Alles bringt es ihm. Gratis. Aber allen anderen eben auch.

So ist Gott. So gnädig kann nur Gott sein. Anders gesagt: Genau das macht Gott aus, dass er so anders ist. Es macht Gott aus, dass sein Richten nicht Angst erzeugt. Sondern Befreiung. Oder um es mit den Worten eines bekannten Theologen zu sagen: „Dass Gott richtet, ist Gnade!“ Und kein Grund, nur mit Angst und Sorge daran zu denken, wie Gottes Urteil über mich und mein Leben ausfällt.

Das muss unserem Denken zuwiderlaufen. Aber Gott wäre sonst nicht Gott. Dann wäre Gott nur die Perfektionierung unseres eigenen Gerechtigkeitsdenkens. Dann bräuchte es Gott gar nicht. Dann müssten wir uns nur einfach selber genügend anstrengen.

Deshalb ist dieses Gleichnis unverzichtbar. Und deswegen dürfte es auch nicht die Überschrift tragen „Die Arbeiter im Weinberg“. Die Überschrift muss vielmehr lauten: „Von der grenzenlosen Gnade Gottes – für alle“.

Ein Missverständnis möchte ich am Schluss aber doch noch aus dem Weg räumen. Wenn das die göttliche Gerechtigkeit ausmacht, ist die menschliche deshalb nicht aufgehoben. Das heißt: Mein Ohr der persönlichen Betroffenheit. Mein Ohr des wirtschaftlichen Sachverstandes – bis auf Weiteres sind sie wahrhaftig angebracht. Unser Einsatz für Gerechtigkeit, unser Drängen auch auf gerechte Entlohnung – sie sind mitnichten unnötig.

Jesus hat hier ein Beispiel gewählt, mit dem er die Großzügigkeit Gottes ins rechte Licht stellen will. Aber ohne die Notwendigkeit unserer menschlichen Gerechtigkeit aufzuheben. Das Entsetzen darüber, dass Gott die Letzten zu Ersten macht und die Ersten zu letzten – dieses Entsetzen beschreibt Gottes Gott-Sein. Aber so lange wir noch unter den realen Bedingungen der Gegenwart leben, sind wir selber in Verantwortung. Auch in der Verantwortung, unseren Mitmenschen zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen. Nicht nur hier bei uns. Sondern weltweit.

Genau darum kann es sehr wohl richtig sein, denen einen Blumenstrauß vor die Füße zu werfen, denen es nur um den eigenen Vorteil geht. Und um die eigene Macht. Aber nicht um mehr Gerechtigkeit für alle. Und wenn der Strauß nicht hilft, muss man sie von ihrem Sockel der Selbstgerechtigkeit herunterholen. Weil Gott seine Gerechtigkeit nicht erst für das Ende aller Tage verheißen hat. Weil sein Reich längst schon im Kommen ist. Mitten unter uns. In Thüringen und in Karlsruhe. Und auch sonst überall.

Darum liegt sehr wohl ein Segen auf unserem Bemühen, die Welt etwas gerechter zu machen. Um das Kommen des Reiches Gottes brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Gott wird seiner Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen, da bin ich mir sicher. Auch wenn das in den Wirren des Alltags manchmal kaum zu glauben ist.

Ich muss nicht scheel zu schauen, dass alle anderen genauso großzügig bedacht werden. Genau das ist Gnade. Und genau darum gehört dieses Gleichnis zu den großen Texten der Bibel. Genau darum ist es unverzichtbar. Damit irgendwann dann wirklich keine Sträuße mehr fliegen müssen. Amen.

Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.