„Du sollst Gott, Deinen Herrn, lieben“ (BWV 77) - Predigt im Gottesdienst zum Abschluss des Kantatenwochenendes am Sonntag, den 2. Februar 2020 (Letzter S.n.Epiphanias) in der Stadtkirche in Karlsruhe

02.02.2020

Liebe Gemeinde!

Worauf kommt es im Leben am Ende an? Das zu wissen, das wär‘s doch! Die entscheidenden Ziele kennen. Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden vermögen. Darum geht‘s doch, wenn mein Leben gelingen soll. Was also steht ganz oben, wenn diese entscheidenden Fragen gestellt werden? Wie lautet die richtige Antwort?

Es gibt nie nur eine Antwort! Und neu ist diese Frage schon gar nicht. Auch Jesus bekommt sie gestellt. Von einem, der’s ja eigentlich wissen sollte. Von einem Gesetzeslehrer, wie es in der Luther-Übersetzung heißt. In heutige Kategorien übersetzt: Von einem Mitglied des Nationalen Ethikrates. Oder dem Vorsitzenden der theologischen Abteilung in der Akademie der Wissenschaften: „Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“

Der Eingangschor der Kantate, die in diesem Gottesdienst zur Aufführung gelangt, setzt gleich mit der Antwort Jesu ein. Die Verse des zehnten Kapitels des Lukas-Evangeliums, wo wir diese Antwort Jeus finden, bilden das altkirchliche Evangelium für den 13. Sonntag nach Trinitatis. Auch im Jahre 1723 war das schon so. Am 22. August 1723 wird diese Kantate in der Nikolaikirche in Leipzig aufgeführt. Erst drei Monate zuvor, am 5. Mai desselben Jahres war Bach in sein Amt als Thomaskantor eingeführt worden.

Ich will die Antwort Jesu, die Bach dem Eingangschor zugrunde legt, nicht vorschnell ins Spiel bringen. Ich will erst einmal in der Gegenwart einsetzen. Was sind aus heutiger Sicht die wichtigsten Ziele, vor allem, wenn’s um das Überleben der Menschheit geht?

Es gibt nie nur eine Antwort! Und es gibt durchaus spannende Antworten. Antworten, die auf einer breiten Übereinkunft und der gemeinsamen Suche von Wissenschaftlern und Politikern beruhen. Vor fünf Jahren, im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen die wichtigsten Überlebens-Ziele der Gegenwart beschlossen. Die sogenannten Global Goals. Eigentlich sollen sie bis 2030 erreicht sein. Nur 15 Jahre hat man sich also gegeben. Fünf sind schon um. Zehn Jahre haben wir also noch. Dass die Zeile erreicht werden, davon sind wir weit entfernt.

Es gibt nie nur eine Antwort! In der Kantate wird die Antwort Jesu mit den Zehn Geboten in Beziehung gesetzt. Auch so eine Art Kodex für gelingendes Leben. Vielleicht haben sie die Choralmelodie von Luthers Katechismus-Lied erkannt: Dies sind die heilgen Zehn Gebot. In zehn Einsätzen der Trompete kommt dieses Lied zum Klingen. Am Ende sind es zehn Takte des Basses, während derer die ganze Melodie noch einmal wiederholt wird. Der Rekurs auf die Zehn - er unterlegt, unterfüttert, konterkariert die Antwort Jesu auf die Frage des Religionsexperten.

Wir lieben es, wichtige Themen in Zehn Thesen zur Sprache zu bringen. Das wirkt ja bis heute im analogen Dezimalsystem nach. Die Antwort Jesu ist aufs erste gesehen binär, kommt statt mit zehn mit zwei Geboten aus. So wie das heute jedem digitalen Rechenvorgang zugrunde liegt. Ja oder nein. Eins oder Null. Entweder fließt Strom oder nicht. Zwei anstatt Zehn. Jesus wählt die modernere Variante.

Es gibt nie nur eine Antwort! Die Vereinten Nationen halten sich mit ihren Global Goals an keine der eben genannten Linien oder Zahlenvorgaben. Sie kommen auf 17 Ziele. 17 - eine Primzahl. Ohne Schönheit im Zahlensystem. Nicht integrierbar in unsere vertrauten logischen Strukturen. Nur an den praktischen Notwendigkeiten orientiert. Am Überlebensinteresse des Planeten. Nur wenige dieser 17 Ziele will ich nennen:

Ziel 1: Armut in jeder Form und überall beenden.

Ziel 2: Den Hunger überwinden.

Ziel 3: Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden alters gewährleisten.

Um Wasser geht’s in den weiteren Zielen. Um Energie. Um Geschlechtergerechtigkeit. Um Bildung. Der Klimawandel wird erst in Ziel 13 angesprochen. Aber Greta Thunberg war damals auch erst 12. Jahre alt. Heute wäre der Klimawandel vermutlich auf Platz 1 gelandet. Und die Inklusionsziele kommen auch nicht vor.

Was mir auffällt: Sehr pragmatisch und handlungsbezogen sind diese Ziele. Aber keines, das auf die Änderung von Haltungen abzielt. Keines, das die Freiheit des Denkens oder etwa auch die Religionsfreiheit anspricht.

Die wichtigsten Ziele der Bewohner dieses Planeten – sie wirken dem Irrsinn unseres Verhaltens entgegen. Versuchen die negativen Folgen des individuellen, des staatlichen und auch des staatenverbindenden Handelns in den Griff zu bekommen. Die Zukunft des Planeten, so scheint’s, liegt in der rechten Ethik. In den rechten Handlungszielen. Antworten, die den Menschen in seinem Sein, seinem So-Sein, in seinen Grundhaltungen in den Blick nehmen – für‘s erste Fehlanzeige.

Die Antwort Jesu ist eine explizit theologische Antwort. Eine Antwort aus einer bewusst religiösen Perspektive heraus. Wundern muss uns das nicht. Religion und Lebensgestaltung, Haltung und Handeln – sie waren damals noch nicht in der Weise getrennt wie wir da heute kennen. Diese Trennung verdankt sich im Grunde erst der Aufklärung.

Doch die Antwort Jesu – sie ist nicht einfach nur ein theologisches, ein denkerisches Kind ihrer Zeit. Sie könnte auch heute den Boden dafür bereiten, dass die Global Goals der Vereinten Nationen sich leichter erreichen ließen.

Ich will den Global Goals darum auch noch Einsichten aus der religiösen Perspektive an die Seite stellen. Und hier auch mit einer zeitgenössischen Antwort einsetzen.

Was kann Religion heute zum Überleben, ja auch besseren Leben beitragen? Auch da gibt es nie nur eine Antwort. Ich wollte mich nicht nur auf eigene Einsichten und Überzeugungen verlassen. Ich habe darum im Netz gestöbert. Und in einem „Digitalen Religionsbuch“ folgenden Satz gefunden: „Jeder Mensch hat die Sehnsucht nach einem Zustand in dem man sich total frei, sicher, zeitlos und glücklich fühlt. Das heißt auch frei von Leid, von Krankheit und Schuld, auch frei vom Tod.“

Ich finde, das beschreibt auch eine Art von Global Goals nur eher eines, das individueller Natur ist Um Glück geht es also. Um die Freiheit von Leid und Schuld. Und um die Freiheit vom Tod. Und einer der letzten Seiten der Bibel kommt mir in den Sinn. In Offenbarung 21 heißt es: Gott wird abwischen alle tränen- Der Tod wird nicht mehr sein. Leid, Geschrei und Schmerz – sie werden nicht mehr sein. Denn das Erste ist vergangen.“ Religion, die ans Ziel kommt.

Ich denke: Eigentlich ist das ja nur die Übersetzung der ethischen Ziele der UN in religiöse Zielvorgaben. Beide lassen sich durchaus miteinander in Beziehung setzen. Wie das gehen könnte, wie diese Ziele erreichbar, zumindest leichter werden können, dazu fehlt noch ein entscheidender Mosaikstein. Dieses Missing Link, dieses Verbindungsstück, das finde ich in der Antwort Jesu.

Es gibt nie nur eine Antwort. Und jetzt komme ich endlich auch auf den Text des Eingangschores der Kantate zu sprechen. Auf die Frage des Gesetzeslehrers: „Meister, was muss ich tun?“ antwortet Jesus nicht mit ethischen Zielvorgaben. Stattdessen sagt er – und jetzt in der Sprache der Kantate zitiert: „Du sollt Gott, deinen Herren, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten als dich selbst.“

Das sogenannte Doppelgebot der Liebe! Das soll die Antwort sein. Die Antwort auf die Frage aller Fragen. Es ist die Antwort! Aber in einem ganz spezifischen Sinn. Jesu Antwort ist die Antwort seiner eigenen jüdischen Tradition. Kein Novum, das es vor ihm nicht gegeben hätte. Schon gar keine Außerkraftsetzung des Zehnwortes. Der zehn Gebote. Eher eine Zuspitzung.

Jesus zitiert das Glaubensbekenntnis seiner Mutter-Religion. Einen der zentralen Sätze des Judentums. Jesus zitiert das sogenannte „Schma Israel“, das: „Höre Israel. Jahwe allein ist Gott. Ihn sollst du lieben von ganzem Herzen und mit all deinen Möglichkeiten“. Und Jesus zitiert das Gebot der Nächstenliebe. Ebenfalls keine christliche Erfindung. Sondern auch das ein Satz aus der Bibel Jesu: „Liebe deinen Nächsten! Denn er ist wie du!“ Von Naphtali Herz Wessely stammt diese Übersetzung. Einem jüdischen Aufklärungstheologen und Dichter des 18. Jahrhunderts. Dein Nächster. Deine Nächste – sie sind wie du. Lebensbedürftig, auf Liebe angewiesen wie du selber.

Das Doppelgebot der Liebe nennt die Tradition diesen Satz. Aber mit den Grundrechenarten ist das so eine Sache. Und auch zwei Antworten reichen manchmal nicht aus. Und wir sollten auch in der Theologie frohgemut bis drei zählen können.

Nicht ein Doppelgebot zitiert Jesus. Sondern ein Dreifachgebot. Jesus bleibt nicht im Binären verhaftet. Unser Leben, so lerne ich hier, spielt sich ab in einer Dreiecksbeziehung ab. Im Dreieck der Beziehungen zu meinem Gegenüber, zu meinem Gott – und zu mir! Alle drei Ecken dieses Dreiecks müssen miteinander verbunden sein. Das Doppelgebot der Liebe zu meinem Nächsten und zu Gott – es gelingt nur, wenn ich auch eine geklärte Beziehung zu mir selber habe.

Wenn es nur beim Doppelgebot der Liebe bleibt, geschieht das häufig auf Kosten der Beziehung zu mir selber. In der Realität des Lebens um mich herum, fällt aber eher das Doppelgebot der Nächsten- und der Gottesliebe unter den Tisch. Weil wir viel zu oft uns selber die Nächsten sind. Und womöglich ist das einer der Ursachen der Krisen der Gegenwart: die Unfähigkeit, die Welt mit den Augen unseres Gegenübers zu betrachten. Die Absolut-Setzung meiner eigenen Person. Und meiner eigenen Ziele.

Die Antwort Jesu: das Dreifachgebot der Liebe! Ich empfinde es nicht als Vereinnahmungsstrategie einer bestimmten Religion. Für mich leuchtet es auf wie ein Globalziel par excellence. Wie eine Art Vorspruch, der die anderen Ziele erst zu einer realistischen Möglichkeit macht. Wie die Überlebens-Präambel, die den anderen Zielen den rechten Ort zuweist.

Gesundheit und Bildung, Wissen und Wasser – sie sind wichtig und richtig. Sie sind unverzichtbar, wenn ich die Menschheit als ganze im Blick habe. Es gibt kein Überleben des Planeten nur für mich allein. Es gibt kein wirkliches Glück, wenn es sich dem Unglück anderer verdankt. Es gibt keine sicheren Orte für wenige, wenn die Atmosphäre, die unseren Planeten einhüllt, ins Kippen gerät. Es gibt keinen Frieden, wenn es nur der Frieden der einen Seite ist. Der angeblich größte Friedensplan aller Zeiten, der in der zurückliegenden Woche für dem Nahen Osten vorgestellt wurde – er bestätigt schon jetzt einmal mehr diese Einsicht.

Jetzt kommt neben der Ethik doch noch die Religion in den Blick. Die dritte Richtung der Liebe. Die Beziehung, die meinen Horizont übersteigt. Die Gottesbeziehung. Ein Angebot ist sie, die großen Ziele unseres Lebens in den rechten Horizont zu rücken. Keine Garantie. Keine Versicherung. Eher eine, die mir den rechten Ort zuweist. Den Ort, an dem ich in an meinem Scheitern nicht zerbreche. Der Ort, an dem mein Versagen nicht das Ende aller Wege ist. Der Ort, an dem nicht einmal der Tod die Macht der Liebe Lügen strafen kann 

Die Gottesbeziehung – sie ist nicht einfach nur ein Drittes.

Sie erweist sich als unverzichtbar schon in der ersten Beziehung, der ersten Form der Liebe, der zu mir selber – wenn ich mir meiner Würde bewusst bleibe.

Sie erweist sich als unverzichtbar in der zweiten Form der Liebe, der zu den Menschen im Gegenüber zu mir, den Schwestern und Brüdern. Den sonderlichen ebenso wie denen, die mir nahestehen. Aus ihrem Antlitz strahlt mir das Ebenbild Gottes entgegen. Leuchtend oder entstellt. Sichtbar oder verborgen. Mich in Liebe bewegend oder mich über alle Kräfte herausfordernd. So oder so. In jedem Menschen entdecke ich Gottes Ebenbild. 

Kein Wunder, dass Jesus eine Geschichte erzählt, als er gefragt wird: „Sind wirklich alle meine Nächsten?“ Was dann folgt, direkt nach dem Dreifachgebot der Liebe, das ist das „Gleichnis vom Grenzen überschreitenden Samariter“. Barmherzig nennen wir ihn. Als sei es ein Gnadenakt, wenn ich einem Verwundeten zu Hilfe zu kommen. „Man lässt keinen Menschen ertrinken. Punkt!“ Der lapidare Satz aus der Begründung der Aktion „United 4 Rescue“ kommt mir in den Sinn, wenn ich an das Verhalten dieses Samariters denke.

Dieser Satz, der die Aktion begründet, die im Zusammenwirken mit der EKD ein Rettungsschiff für Geflüchtete finanziert. „Man lässt keinen liegen, der unter die Räuber gefallen ist! Punkt!“ Nichts anderes sagt Jesus in diesem bekanntesten aller seiner Gleichnisse. Das Samariterherz, von dem wir im Rezitativ gleich hören werden – es ist die Überlebensbedingung der Menschheit. Und die Antwort auf die Frage der Religionsgelehrten – nur in anderer Form 

Noch einmal: Es gibt nie nur eine Antwort. Die Zehn Gebote und das Dreifachgebot der Liebe – die Global Goals und der Satz aus dem Digitalen Religionsbuch, der von der Sehnsucht nach Glück spricht. Das Samariterherz oder das Bild Gottes, das ich in meinem Gegenüber wahrnehme – keine Gegensätze sind das. Eher unterschiedliche Zugänge. Antworten aus unterschiedlicher Perspektive. Aber allesamt in derselben Absicht.

Zum rechten Handeln muss die rechte Haltung dazukommen. Zur rechten Ethik das Vertrauen, dass das Reich Gottes schon aus dem kleinsten Samenkorn herauswachsen kann.

Immer neue Texte hat das Lied vom Glauben, der Zukunft möglich macht. Was für ein Glück, dass wir den Text nicht kennen, den Bach mit der Musik des Schlusschorals vertont. Und sich somit immer neue Choralstrophen eintragen lassen. Manchmal gibt es eben mehr als nur einen einzigen richtigen Text. Und auch der, der nachher als Schlusschor gesungen wird, entspringt nur einer Vermutung. 

Wie ein Zeichen ist das, die Lieder unseres Gottvertrauens mit immer neuen Worten zu singen.

Mit Worten der Hoffnung, die der Resignation die Schönheit einer besseren Zukunft entgegensingen.

Mit Worten des Glaubens, der nicht von den manchmal betrüblichen Ansichten der Welt um uns herum ausgeht, sondern von den Aussichten, die wir bei Gott haben.

Mit Worten der Liebe, die nichts anderes meint, als dass ich mich wahrnehme als Teil der guten Schöpfung Gottes – und mich in Verbindung mit allen Menschen guten Willens an meiner Seite erfahre.

Der, von dem wir sagen, er sei Mensch geworden wie wir, wird uns den Blick in den Himmel offenhalten. Heute und morgen - und an jedem Tag unseres Lebens neu. Und uns immer wieder neu die richtige Antwort zeigen. Amen.

Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.