Predigt über Matthäus 5,1-12, gehalten im zentralen Reformations-Gottesdienst des Kirchenbezirks Rastatt / Baden-Baden am Dienstag, 31. Oktober 2023 in der Stadtkirche in Rastatt

01.11.2023

Liebe Gemeinde!

Die Welt brennt. Und wir feiern Reformation!

Die Welt ist aus den Fugen. Und wir erinnern uns, wie das war – damals vor 506 Jahren. Im nächtlichen Wittenberg. Als Martin Luther seine Thesen an die Tür der Schlosskirche genagelt hat. Und wir müssen schauen, wie wir beides zusammenbekommen und zusammenhalten.

Wir erinnern uns! „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“ Das war die erste der insgesamt 95 Thesen Martin Luthers. Um unser Leben geht es da. Und um unseren Glauben. Um Privates und Persönliches. Nicht um die Welt.

Wie ein Lauffeuer verbreiten sich damals Luthers neue theologische Erkenntnisse. Nicht nur in Deutschland. Sondern in halb Europa. Und bald darauf sind sie Anlass für militärische Auseinandersetzungen. Und einhundert Jahre später verzehrt sich Europa in einem Krieg bisher unbekannten Ausmaßes. Drei volle Jahrzehnte lang sollte er dauern und wüten. Und mehr als ein Drittel der Menschen fällt ihm zum Opfer. Vor wenigen Tagen erst wurde in vielen Veranstaltungen des 375. Jahrestags des Westfälischen Friedens im Jahre 1648 gedacht. 30 lange, bittere Jahre, bis die Vernunft dem Blutvergießen endlich ein Ende gemacht hat. So ganz ohne Berührung sind sie also nicht: die Themen Reformation und Krieg.

Ich will sie auf einen kleinen Pilgerweg mitnehmen heute Abend. Einen Pilgerweg der Reformation. Mit drei Stationen. Und an jeder Station halte ich mit Ihnen inne. Und wir hören auf Worte, die uns Orientierung geben könnten in diesen unübersichtlichen Zeiten. Es sind Worte - heute der vorgeschlagene Predigttext - die zu den berühmtesten Texten der Welt gehören. Sie erkennen sie sofort, wenn Sie sie hören.

Station 1

Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind …!“ Die Seligpreisungen – Sie haben sie sicherlich gleich erkannt. „Glücklich sind…“ – das ist eigentlich die richtige Übersetzung dessen, was im griechischen Text des Matthäus-Evangeliums steht.

Ich will es also an der ersten Station mit dem Glück versuchen. Und bei ihm etwas verweilen. Glück und Glaube sind wahrhaftig kein Gegensatz. Nicht um irgendein Glück geht es schließlich. Sondern um das große, tragende Lebensglück.

Martin Luther ist der Patron dieser ersten Station. Der Wegweiser zum Lebensglück! Warum aber soll gerade am Gedenktag der Reformation – und in diesen herausfordernden Zeiten - dieser Weg zum Glück gepredigt werden? Warum sind heute die Seligpreisungen der Predigttext? Ganz einfach! Weil es Martin Luther um nichts anders ging. Unter einem unglücklichen Stern stand sein Leben - so kam es ihm zumindest zunächst vor. Sein ursprünglicher Berufswunsch, Jurist zu werden, zerschellt im Gewitter von Stotternheim. „Heilige Anna, hilf, ich will ein Mönch werden!“ – so schwört er. Und er hält seinen Schwur. Statt im Gerichtssaal endet Martin Luther im Kloster. Zumindest zunächst.

Doch je mehr er aufsaugt an theologischer Gelehrsamkeit, desto größer wird sein Unglück. Martin Luther erkennt seine Grenzen. Mag es zu einem tugendhaften Leben vor den Menschen reichen, vor Gott, das weiß er, reicht nicht aus, was er an guten Werken vorzuweisen hat. Sein Lebensweg wird für ihn zu einer Reise ins Unglück. „Selig sind, die da Leid tragen!“ – Luther hat diese Einsicht sicher weitergeholfen.

Aber er bleibt dabei nicht stehen. Mit einem Mal geht ihm auf: Der Weg ins Glück folgt nicht der Spur meiner guten Werke. Er folgt dem entgegenkommenden Gott. „Und mit einem Male“, so schreibt Luther ein Jahr vor seinem Tod, „mit einem Mal standen mir die Pforten des Paradieses offen.“ Luther findet sein Glück. Findet zurück ins Paradies. Weil er erkennt: Nicht die vollen, sondern die leeren Hände machen mich reich vor Gott. „Selig sind, die da geistlich arm sind!“ – auch hier konnte Luther sich verstanden fühlen

Um diese leeren Hände geht es in den Seligpreisungen: Um Armut und Trauer. Um Verzicht auf Hochmut und um vorenthaltene Gerechtigkeit. Um ein offenes Herz für Gott und um eine Welt, die nach Frieden schreit. Nicht die sind glücklich, die ihr Leben gründen auf ihrer Schönheit und ihrer Leistung. Glücklich sind die, die Gott schön macht. Weil er ihre Tränen trocknet und in ein Lachen verwandelt. Weil er ihre Herzen füllt. Und weil er ihnen den Frieden in den Schoß fallen lässt. Was für ein Glück! Unverdient. „Selig sind die Barmherzigen!“ Und die, die Gottes Barmherzigkeit in ihr eigenes Leben ziehen.

„Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Das war die große Frage Martin Luthers. Und seine Antwort: „Wir haben Gott nie anders als gnädig“. Seit der Zusage Gottes an Abraham: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ Seit den Tagen des Mose auf dem Sinai: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du wirst keine anderen Götter haben außer mir!“ Seit den Tagen Jesu von Nazareth, der den Menschen zurief: „Selig sind die Sanftmütigen! “

Luther findet sein Glück in dieser Zusage. Rechtfertigung aus Glauben nennt er das. „Glücklich seid ihr …Selig seid ihr …“ Das ist die Übersetzung der großen Erkenntnis Luthers in die Sprache der Bergpredigt. „Glücklich seid ihr…“ Das ist die Übersetzung der Erkenntnis Luthers in die Sprache unseres Lebens. Davon lasst uns singen:

Strophe 1
Ich will dem Leben, das mir gegeben,
mit Herz und Sinnen nachspür’n; beginnen
dem, was in mir liegt, ganz fest zu vertrau’n.
Ich will neu sehen, die Schritte jetzt gehen
auf deinen Wegen und unter dem Segen,
der mich begleitet. Auf dich will ich bau’n.

 Station 2

An der zweiten Station hören wir weiter auf die Stimme des Bergpredigers:

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

An dieser Station hängt ein anderes Bild. Es erinnert an einen Menschen, dem der Name des Reformators zum Eigennamen geworden ist. Martin Luther heißt er mit Vornamen. Aus Respekt vor dem großen Reformator. So dass die Eltern seinen urspürnglichen Namen Michael ändern. Und ihn Martin Luther nennen. König – King heißt er mit Nachnamen. Martin Luther King. Ich war 11 Jahre alt, als er im April 1968 ermordet wird.

Er hat gehungert und gedürstet nach Gerechtigkeit. Im wahrsten Sinne des Wortes auch im Hungerstreik im Gefängnis. Er hat Barmherzigkeit gepredigt. Auch für die, unter denen er und viele andere mit nichtweißer Haut bitter zu leiden hatten. Und ich glaube, ja, ich bin sicher, er war auch reinen Herzens.

Denn er war kein Stratege der Macht. Er wollte kein politisches Amt. Es ging ihm nicht darum, etwas zu werden. Pastor wollte er sein. Hirte. Und als solcher ist er auch gestorben. Als Hirte derer, die ihm anvertraut waren. Ihnen wollte er Recht verschaffen. Die menschenunwürdige Rassentrennung aufheben. Der Weg, den er vorgebahnt hat, ist bis heute nicht am Ziel.

Der Bergprediger war die orientierende, richtungsgebende Stimme seines Lebens. Und Martin Luther für ihn ein glaubwürdiger Zeuge. Am Ende gibt er seinem Sohn erneut diesen Vornamen. Und ich frage mich: Wie würde diese Welt aussehen, wenn wir einander mit Namen anreden, die an Menschen erinnern, die dieser Welt einen Schub nach vorne gegeben haben. – Wir singen die zweite Strophe!

Strophe 2
Wo ich geschunden, will ich gesunden
an Leib und Seele, dass mir nichts fehle,
was meinem Leben fest Halt gibt und Grund.
Ich will jetzt fragen, will mutiger wagen,
neu zu gestalten, wo Kräfte noch walten,
die nur vertrauen vergangener Stund’.

Station 3

Jetzt kommt die schwierigste Station. Sie wird immer wieder verwüstet und zerstört. Demonstrantinnen und Demonstranten gehen auf und ab. Alle wollen sie Frieden. Keine Frage! Aber über den Weg sind sie uneins. Orientierung ist nötiger denn je. Aber hören Sie erst selber!

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen.
Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Wenn die Großen des Glaubens unsere Namensgeber wären – so wie beim Martin Luther King – viele, da bin ich sicher, würden dann den Namen Dietrich Bonhoeffers tragen. Er ist der Patron der dritten Station. Und einer für den Martin Luther durchaus sehr wichtig gewesen ist.

Bonhoeffer ist auch derjenige, den wir so nötig hätten in diesen konflikt- und kriegsschwangeren Tagen. Dem Frieden einen Weg zu bahnen, darum hat er sich bemüht. Dafür hat er sein Leben riskiert. Und am Ende verloren. „Für mich der Beginn des Lebens!“, sagt er im Angesicht des Todes.

Im Jahre 1934 – fünf Jahre vor Beginn des zweiten Weltkriegs - fragt Bonhoeffer auf einer Konferenz mit flehenden Worten:

Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass diese Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Dass alle Völker darüber froh werden müssen?

„Der Friede muss gewagt werden, sagt er in demselben Vortrag an anderer Stelle. Prophetische Worte. Von einem, der das Wagnis selber eingegangen ist. Den Frieden zu suchen, gleicht einem Gang übers Wasser. Man muss froh sein, wenn man nicht untergeht. Hinweggespült wird von Sachzwängen und Hassmails. Hinweggespült auch von eigener Schuld. Bonhoeffer war sich dessen bewusst.

Ums Schuldigwerden kommen auch wir womöglich nicht herum bei diesem Thema. Gerade wenn wir beim Namen nennen, was wir sehen. Und was uns aufs Heftigste belastet.

Aber – und jetzt könnte uns Martin Luther weiterhelfen – am Ende geht’s darum, dem Recht den Weg zu bahnen. Und nicht unserem Rechthabenwollen. Der Weg zum Frieden ist ein Suchprozess, an dem sich viele beteiligen müssen. Er verdankt sich nicht der Überzeugung nur einer Seite.

Und jetzt kommen wir um den Bergprediger nicht herum. „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Für mich ist das der schönste Satz der Bibel. Und der Wichtigste dazu. Gerade weil es – und Gott sei’s geklagt – genügend Menschen gibt, denen der Unfriede lieber ist als der Krieg. Die meucheln und morden. Die aus dem Weg räumen wollen, wer nicht ist wie sie. Und denen keine Grausamkeit als undenkbar erscheint.

Wir können das Böse nicht einfach wegglauben. Sondern müssen nach Abwägung aller Übel Verantwortung übernehmen. Persönlich. Und mit den Möglichkeiten unseres Gemeinwesens. Allerdings ohne selber das Maß des Menschlichen aufzugeben!

Dietrich Bonhoeffer hat auf ein Friedens-Konzil der Kirchen gehofft. Ich will das noch weiterdenken. Alle Menschen guten Willens müssen ihre Stimme erheben. Gerade weil die Menschen bösen Willens nicht schweigen.

Darum steht an der dritten Station auch eine weitere Tafel mit einem Bonhoeffer-Satz: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“

Nein, liebe Gemeinde, wir sind nicht zur Untätigkeit verdammt. Unser Glaube drängt ins Leben. Das habe ich von Martin Luther gelernt. Daran möchte ich erinnern am Reformationsgedenktag 2023. Wieviel auch ein einzelner Mensch erreichen kann, dafür ist Martin Luther ein herausragendes Beispiel.

Und wie wenige Sätze den Horizont hell machen können und die Welt in ein neues Licht tauchen, dafür stehen die Seligpreisungen der Bergpredigt. Glücklich, wenn wir sie hören und uns zu Herzen nehmen. Gerade dann, wenn wir uns aufmachen zur vierten Station: unserem Leben außerhalb der Mauern dieser Kirche, auf dem Nachhauseweg. Da, wo wir wohnen und arbeiten. Da, wo wir glücklich leben wollen. Möge Gott es uns auch weiter gelingen lassen. Davon lasst uns jetzt auch noch einmal singen. Amen.

Strophen 3 und 4
Frei kann ich glauben, dem Bösen rauben
sein lähmend’ Wesen. In neuen Thesen
sprech’ ich von dem, der die Kirche bewegt.
Will frei bezeugen, mich nie wieder beugen
ängstlichem Sorgen, genieße den Morgen
den Gott mir heut’ in mein Leben gelegt.

Vom Paradiese träum ich und fließe
in neues Werden. Mitten auf Erden
schafft deine Schöpfung im Wandel sich Raum.
Grenzen zu schieben, den Nächsten zu lieben,
bin ich berufen, und steig’ meine Stufen,
zu neuen Höhen und leb’ meinen Traum.

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.