Wort zum Tag in SWR 2 am 4. November 2023

04.11.2023

Seit kurzem haben wir eine Photovoltaikanlage auf unserem Dach. Ganz wunderbar finde ich die App, die dazugehört. Da kann ich immer genau verfolgen, wieviel Strom die Anlage gerade erzeugt. Ob er ausreicht für das Licht und die Spülmaschine. Oder ob ich noch Strom aus dem Speicher oder aus dem Netz brauche. Wenn die Sonne ordentlich scheint, kann ich sogar überschüssigen Strom ins Netz einspeisen.

Spontan habe ich gedacht: Wie wäre es, wenn es so etwas für mein Leben geben würde? Eine Möglichkeit, meine Kraftreserven einzuschätzen. Und meine Lebensenergie. Ist mein innerer Kräftespeicher gefüllt? Oder muss ich schauen, woher mir neue Kräfte zuwachsen? Zum Glück gibt es auch viele Tage, an denen ich anderen von meinen Kräften weitergeben kann. Und sie an meinen Möglichkeiten teilhaben lasse.

Die Rolle, die bei der Solaranlage die Sonne übernimmt, übernehmen in meinem Leben andere. Zuallererst die Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Die mir guttun. Und die es gut mit mir meinen. Meine Frau. Meine Kinder. Freundinnen und Freunde. Nachbarn. Verwandtschaft. Gelingende, tragende Beziehungen, oft über Jahrzehnte, sind eine Energiequelle voller Kraft. Auf die bin ich angewiesen.

Lebensenergie kommt mir auch ganz entscheidend aus meinem Glauben zu. Kein Wunder, wird doch Gott in der Bibel immer wieder mit der Sonne verglichen. „Sonne und Schild“ sei Gott. (Psalm 84,12) Und ein altes Kirchenlied singt von der „Sonne der Gerechtigkeit“.

Nein, messen und verwalten kann ich die Kraft dieser Sonne nicht. Auch nicht die Energie, die mir aus anderen Quellen zukommt. Aber spüren kann ich sie. Wenn ich mich engagiere. Andere Menschen an meiner Kraft und Lebenslust teilhaben lasse. Oder wenn ich darauf angewiesen bin, dass es auch einmal umgekehrt geht. Und ich abwarte, bis andere mir ihre Kräfte leihen. Manchmal ist es auch eine besonders schöne Erfahrung, dass ich auch so etwas wie einen inneren Speicher habe. In dem Gutes und Schönes gesammelt ist. Dass da etwas In mir nachklingt und nachwirkt. Auch über längere Zeit.

Nein, eine App auf dem Handy brauche ich dafür nicht. Eher ein gutes Gespür für das, was heute für mich dran ist. Und eine Portion Gottvertrauen. Vor allem dann, wenn die Tage manchmal etwas trister daherkommen. Denn wenn schon die Anlage auf dem Dach auch dann Energie erzeugt, wenn die Sonne gar nicht wirklich zu sehen ist – wieso soll es mit Gott dann anders sein?!

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.