Wort zum Tag in SWR 2 am 2. November 2023

02.11.2023

Letzte Woche war‘s ein wertvolles Weinglas, das mir beim Spülen einfach auseinandergebrochen ist. Ein paar Tage ging mir eine getöpferte Schale zu Bruch. Und das Bild mit dem zerbrochenen Rahmen steht immer noch an der Wand. Und erinnert mich jeden Tag aufs Neue daran: Scherben lassen sich manchmal nicht vermeiden. Ob aus Unachtsamkeit. Oder einfach so.

Manchmal zerbricht aber auch anderes. In der Beziehung zwischen Menschen. Die Liebe, die ein Paar miteinander verbindet. Das Vertrauen, das in einer langjährigen Freundschaft gewachsen war. Das eingespielte Miteinander zwischen Kollegen.

Gleich mehrfach wird in der Bibel das Bild vom zerbrochenen Vertrauen aufgegriffen. Dann wird von Gott als der Kraft gesprochen, die Zerbrochenes wiederherstellt. „Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind“, heißt es etwa in einem Psalm „und verbindet ihre Wunden.“

Manchmal erzählt mir jemand, warum es in einer Beziehung einfach nicht mehr weitergegangen ist. Und dann höre ich dieselbe Geschichte macnhmal auch von beiden Seiten. Dann suche ich nach einer Idee, wie es vielleicht doch noch einmal weitergehen könnte. Wie bei den Scherben aus Ton. Da lässt sich manchmal auch noch einmal etwas reparieren.

In Japan gibt es eine alte, besonders schöne Tradition, mit Zerbrochenem umzugehen. Kintsugi heißt sie. Auf deutsch: Reparieren mit Gold. Zerbrochene Gefäße werden wieder zusammengeklebt. Aber dann – und das ist das Besondere – werden die Bruchstellen mit Blattgold überzogen. Sie werden nicht verborgen, sondern sollen gerade sichtbar gemacht werden. Umspinnen das neu zusammengefügte Gefäß wie mit goldenen Fäden.

Ins Leben gezogen könnte das heißen: Auch bei zerbrochenem Vertrauen könnte es - manchmal zumindest - weiterhelfen, wenn es gelingt, Bruchstellen mit Blattgold zu überziehen. Das Zerbrechen lässt sich nicht einfach rückgängig machen. Die Spuren bleiben. Wie Narben können die Bruchstellen wirken. Aber mit ihrer Goldauflage sehen sie aus, als seien sie mit Zeichen einer neu erworbenen Schönheit verziert.

Mir hilft gerade mein Glaube beim Versuch, Bruchstellen mit Gold wieder ansehnlich zu machen. Und zerbrochenem Vertrauen doch noch einmal eine neue Chance zu geben. Zum Glück mache ich immer wieder die Erfahrung, dass das geht.

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.