SWR 2 (Wort zum Tag)

21.09.2023

Ich bin nicht schwindelfrei. Und bei anstrengenden Bergtouren komme ich schnell an meine körperlichen Grenzen. Aber ich beneide die Bergsteiger, die sich in den Bergwelten wie in ihrem Zuhause bewegen. So wie den jungen Mann, den meine Frau und ich unlängst als Anhalter mitgenommen haben. Spät am Vorabend, erzählt er, fast um Mitternacht, war er bei einer Berghütte angekommen. Um drei Uhr in der Frühe war er am Vortag mit zwei anderen Bergsteigern aufgebrochen. Drei Gipfel hintereinander haben sie dann bestiegen. Auf einem Grat, den in diesem Jahr bisher noch niemand vorher gegangen war. Der Stolz steht dem jungen Mann ins Gesicht geschrieben, als er davon berichtet.

Ob das nicht doch sehr gefährlich gewesen sei, habe ich ihn gefragt. „Ich glaube, die Fahrt hier auf der Autobahn ist viel gefährlicher!“, gab er zur Antwort. „Man muss sich halt nur immer gut absichern und darf keine Angst haben.“ Und er hat dann noch hinzugefügt: „Das Wichtigste ist nicht der Umgang mit dem Berg und seinen Herausforderungen. Das Wichtigste passiert im Kopf. Ich muss immer präsent sein. Und hellwach. Damit ich genau weiß, was als Nächstes zu tun ist. Und: Wir müssen uns als Gruppe blind aufeinander verlassen können.“

Die Begeisterung des jungen Bergsteigers hat für mich fast religiöse Dimensionen. Ergriffen wirkt er, wenn er von seinen Erfahrungen erzählt.  Darum wundert es mich auch nicht, dass in der Bibel immer wieder die Berge zum Ort der Gottesbegegnung werden. Auf dem Berg, so lesen wir, erhält Mose die Tafeln mit den Zehn Geboten. Und ein in Bedrängnis geratener Mensch betet: „Ich richte meine Augen hinauf zu den Bergen! Von wo anders soll ich sonst Hilfe erwarten? Meine Hilfe kommt doch von Gott, dem Schöpfer!“ (Psalm 121,1+2)

Die gewaltigen Bergmassive, ihre Schönheit, zugleich aber auch ihre riesigen Ausmaße – sie spiegeln für diesen Menschen die Größe und Erhabenheit Gottes wider. Da nehme ich als Mensch meine eigene bescheidenen Größe wahr. Und ein Gefühl der Ehrfurcht. Das hilft mir auch, wenn ich mich auf den Weg mache, um Gott zu suchen. Ich nehme mir vor, andere auch etwas von dieser Begeisterung spüren zu lassen – so wie der junge Mann. In meinem Glauben muss ich nicht einmal schwindelfrei sein. Es reicht, wenn ich mich darauf verlasse, dass da jemand ist, der mich hält.

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.