Predigt Über Josua 4,1-8 im Gottesdienst am 19. Juli 2026 (7. Sonntag nach Trinitatis) in der Kleinen Kirche in Ettlingen Bruchhausen

20.07.2026

1. Gott füllt kunstvoll Räume,
schenkt uns Hoffnungsträume
einer bess‘ren Welt,
lässt die Tristheit schwinden,
kann nun Zukunft finden
in der Schönheit Zelt.
Andre Weltsicht kommt mir nah,
hilft, was fremd ist, einzubinden.
Hass und Missgunst schwinden.

 

Liebe Gemeinde!

Gott liebt die Künstlerinnen und Künstler! Ja mehr noch: Gott liebt auch die Kunst. Weil Gott von allem Anfang selber Künstlerin und Künstler war.

Schon auf der ersten Seite der Bibel wird berichtet, wie Gott den Menschen erschafft. Als Künstler an der Töpferscheibe formt Gott Adam, den aus der Erde kunstreich gebildeten Menschen. Als menschenkundige Künstlerin bildet Gott dann Eva – die sie aus der Seite Adams kunstvoll herausnimmt.

Die ganze Schöpfung ist ein Kunstwerk. Die Landschaften, die Tiere, die Pflanzen. Die Blumen draußen in den Gärten. Die Vögel in den Bäumen. Alle sind in ihrer Schönheit Zeichen der großen Kunstliebe Gottes.

Um Kunst, von Gott initiierte Kunst, geht es auch in der Lesung, die wir vorhin gehört haben. Nicht um die Schönheit der Natur. Auch nicht um Bildende Kunst, um Gemälde. Nein, es ging um Skulpturen. Um Steinskulpturen. Aufgestellt mitten im Jordan. Zwölf große Steine. Soviel wie die Anzahl der Stämme.

Und wie mir das bei Kunst auch oft geht. Ich verstehe nicht gleich, was der Künstler zum Ausdruck bringen will. Ich brauche weitere Informationen. Ich bin darauf angewiesen, dass jemand meine Augen öffnet. Dass jemand die Begrenztheit meiner Sichtweise weitet. Und den Horizont hell macht.

Am Ende ist es das Kunstwerk selber, das mir eine Botschaft überbringen will. Eine – hoffentlich – lebensdienliche Botschaft.

So ist es auch mit den zwölf Stelen, den zwölf Gedenksteinen, die mitten im Jordan stehen. Den Kindern wird das Nicht-Verstehen untergeschoben. Als ob es den Erwachsenen in aller Regel nicht ähnlich ginge. Die Frage: „Was bedeuten diese Steine? Was wollen, was sollen sie uns für eine Botschaft mitgeben?

Und dann muss jemand da sein, der oder die auskunftsfähig ist. Die sich auskennt in der Welt und im Leben. Und weiß, was die Welt „im Innersten zusammenhält“. Und plötzlich fällt die Grenze des Verstehens in sich zusammen. Die Steine fangen an zu sprechen. Sie werden zu Boten des Menschlichen. Zu Boten Gottes. Sie fangen an zu erzählen. Zu erzählen, was war. Sie fangen an, die Vergangenheit zu deuten. Damit ich die Zukunft besser verstehe.

2. Altes Kraftwort nähret,
Neues sich bewähret,
kühne Hoffnung sprießt.
Weisheit, Sinn und Wissen –
nichts mehr muss ich missen,
wo Verstehen fließt.
Gott gibt, was zum Leben fehlt,
lässt mein Tun mir froh gelingen,
Dankbar will ich singen.

Mit den zwölf Skulpturen mitten im Jordan hat es eine besondere Bewandtnis. Es gibt sie nämlich zweimal. Einmal im Nachtlager der Israeliten. In Gilgal, in der Nähe von Jericho gelegen, westlich des Jordans. Es war eine der heiligen Städte des alten Israel. Unter anderem soll Samuel dort gewirkt haben. So erzählt es der Bericht. Aber Reste von zwölf Steinen fanden sich zur Zeit der Abfassung des Buches Josua eben im Jordan.

Deshalb ist die Kunst dieser Gedenksteine eine raffiniert doppelte. Der erste Auftrag kommt von Gott: „Nehmt zwölf Steine mit und stellt sie im Lager in Gilgal auf!“  Gott ist der erste Künstler in dieser Geschichte. Die Idee für die zweite Sammlung von zwölf Steinen kommt dann von Josua. Er ist der zweite Künstler. Er will den Ort markieren, an dem die Israeliten den Jordan überschritten haben, als sie das Heilige Land nach der langen Wüstenzeit betreten haben.

Beide Steinsammlungen sind Gedenksteine. Sie wollen eine große Erinnerung wachhalten. Es ist Kunst, die nicht nur schön sein will. Sie hat auch eine Botschaft. Sie ruft zu einer Grenzüberschreitung auf. Die Grenze zwischen totem Stein und lebendiger Kunst. Die Grenze zwischen Gott und Mensch.

Auf diese Kunst sind wir angewiesen. Heute mehr denn je. In einer Zeit, in der Menschen wieder auf Krieg setzen. In einer Zeit, in der der Klimaschutz zusehends ins Hintertreffen gerät. Und das fünf Jahre nach der Ahrtal-Katastrophe. In einer Zeit, in der Menschen andere Menschen aussortieren. Mehr denn je.

Wo stehen die Gedenksteine? Wer erzählt uns, wie alles in Gott seinen Anfang genommen hat? Und es geheißen hat: Und siehe, es war sehr gut. Wer erinnert sich an die erste Geschichte der Grenzüberschreitungen? An die Frucht vom Baum der Unterscheidung von Gut und Böse? An die Bosheit des Menschen, die Gott die große Flut schicken lässt? An den Turm, der bis in den Himmel reichen soll, weil sich die Menschen einen Namen machen wollen?

Grenzüberschreitungen – bis heute. Bis Gottes Kunst unser Schweigen und Vergessen bricht. Die Kunst, die uns vor den Toren des Paradieses überleben lässt. Die Kunst der Arche, die Noah und die Seinen rettet. Und alle Kreatur dazu. Die Kunst der Sprachenvielfalt, nach dem Zusammenbruch des Turms von Babel, die uns bis heute an die Vielfalt der Schöpfung erinnert. Die Kunst, Gottes Schönheit zu feiern. In Musik und Wort. In Farbe und Bild.  Im Ritual und im Fest. Erweiterung der Sinne. Grenzüberschreitung der Wahrnehmung dessen, was vor Augen ist.

Wo Gott es ist, der Grenzen in sich zusammenfallen lässt, wird das Leben bunt und neu!

3. Gott verschiebt die Grenzen,
bringt auch das zum Glänzen,
was wir sonst nicht sehn.
Wo ich Wege scheue,
lockt Gott mich aufs Neue
andren Pfad zu gehn.
Gottes Geist scheut Steine nicht,
Findet selbst im Nicht‘gen Leben,
lässt die Stummen reden.

Gedenksteine der Lebendigkeit Gottes – mitten unter uns! Kunstwerke der Schöpfungsliebe – unübersehbar. Wir sind darauf angewiesen.

Jede Kirche ist ein solcher Gedenkstein! Hoffentlich. Mit Türmen, die in den Himmel ragen. Mit Glocken, die anderes in uns zum Klingen bringen, als der Klanglärm, der sich jeden Tag über unser Leben legt.

Jede Religion ist ein solcher Gedenkstein – wenn es ihr um den Menschen geht. Und darum, diese Welt besser und die Menschen friedlicher und glücklicher zu machen.

Mein Glaube ist ein solcher Gedenkstein – oder sollte es zumindest sein. Meine Freiheit, diesen Glauben leben zu können. Mein Vertrauen in die Zukunft. Meine Hoffnung auf Gott. Meine Gewissheit, dass auch der Tod nur eine Grenzüberschreitung darstellt.

Was Josua gemacht hat – das könnte auch unsere Möglichkeit sein! Zwölf Steine, die ich aufstelle. Im Fluss meines Lebens. Kunstwerke, die andere aufhorchen lassen. Und zum Fragen bringen. Unsere Taufe ist ein solcher Stein. Die Konfirmation war’s über lange Zeit. Vieles ist heute im Fluss. Wie die Steine des Josua.

Andere Steine kommen dazu. Das Geschenk einer Beziehung. Einer Familie. Tragende, lebenslange Freundschaften. Erfolge, große und kleine. Überstandene Krankheiten. Ein Dach über dem Kopf. Ja, auch Nahrung und Kleidung. Überall, wo es gelingt, dem Bösen Einhalt zu gebieten – überall, wo es uns gelungen ist, eine kleine Grenze im Leben zu überschreiten, da lasst uns einen Gedenkstein aufrichten. Da lasst uns zu Worten des Dankes finden. Und ein Fest feiern, So, dass andere fragen: Was sind das für Steine, die du da aufgerichtet hast? Und dann soll, ja dann darf ich erzählen. Wie ich meinen Fluss habe überschreiten können. Nicht immer trockenen Fußes. Aber so, dass ich das rettende Ufer habe erreichen können.

4. Mächte und Gewalten,
finstere Gestalten,
böse Tat im Nu -
dass wir sie besiegen,
mutig sie bekriegen -
Gott gib Kraft dazu!
Freiheit, Glück und Zuversicht
stärken meinen Gottes-Glauben!
Niemand kann ihn rauben.

5. Steine will ich stellen,
die das Leben hellen,
alle soll’n sie sehn.
Fragen sind zu Ende,
meines Lebens Wende
lässt mich aufrecht gehn.
Wo ich neuen Grund entdeckt,
geh ich trocknen Fußes weiter
gott-beschwingt und heiter.

Bleibt ein Letztes! Nicht ohne Grund und Hintersinn habe ich diesen Bibel Text ausgewählt. Gott als Künstler. Und der Mensch – in der Nachfolge Josuas - als Liebhaberin und Liebhaber der Kunst. Denn eine Liebhaberin des Lebens und der Kunst feiert heute ja mit uns. Und eine Liebhaberin der Kirche und ihrer Gedenksteine dazu.

 N.N., die ich meine, hat ein ums andere Mal einen Gedenkstein aufgestellt. Mit bedächtigen und klugen und sachkundigen Hinweisen und Worten zu vielen Themen. Und natürlich auch mit Kunst selbst. Hier in dieser Kleinen Kirche sind Spuren solcher Steine zu finden. Wenn in diesem Fall auch mit textilem Werkstoff. Aber auch drüben im Gemeindezentrum. Mit durchscheinenden und ganz festen Materialien. Und auch an den Orten ihres beruflichen Wirkens sind solche Gedenksteine im weiteren Sinn zu finden.

Und das alles mit einer Weite des Denkens und des Herzens. Eine Weite, die auch den Blick über die Grenzen der Kirche hinaus gerichtet hat. Ich hatte in meiner Zeit als Pfarrer der Luthergemeinde Gewinn an all diesen unterschiedlichen Steinen. Und andere, das weiß ich, auch. Bis heute!

N.N., von mir persönlich dafür ein großes Dankeschön. Anderes kommt dann gleich aus berufenerem Mund! Gottes Segen für den Grenzübertritt über den xy.. Geburtstag hinaus.

Uns bleibt, unsere je eigenen Steine im Fluss zu setzen. Und dem zu danken, der uns die Kraft und die Phantasie gibt, sie zu gestalten. Zu tragen. Und zu Wegmarkierungen derer zu machen, die nach uns kommen. Um Gottes und der Menschen willen. Amen.

6. Quellen voller Leben,
Flüsse, die uns geben,
was neu grünen lässt
Ich kann froh genießen.
Herz und Seele sprießen.
Fülle fließt, kein Rest.
Dieses Wasser wünsch ich mir,
kann das Gute mir bewahren,
muss bei Gott nicht sparen.

7. Lasst zum Fest euch laden!
Nie mehr kann uns schaden,
bittrer Feindeshauch.
Finstrer Menschen Ränke,
Gott, zum Guten lenke -
sind nur Schall und Rauch,
weil der Himmel sich ergießt
mitten in der Menschen Leben:
Zukunft ist gegeben!

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.