Wort zum Tag auf SWR Kultur (ehemals SWR 2) am Samstag, 25. Juli 2026

25.07.2026

Da stehen meine Frau und ich mit unseren Rädern mitten auf dem Radweg. Und beratschlagen, wie’s weitergehen soll mit unserer Tour. Aber der Platz unserer Beratungen ist nicht gerade optimal gewählt. Wenn jetzt ein anderer Radfahrer käme, geht’s  mir durch den Kopf, hätte er allen Grund, sich über uns zu beschweren.  Und tatsächlich: Wie aus dem Nichts erscheinen zwei Radfahrer. Zu spät, um den Radweg noch freizugeben. Ausgerechnet sind es auch noch zwei Polizisten. Auf Rädern. Sofort war mir klar. Jetzt würden wir eine geharnischte Ansprache  Verkehrserziehung zu hören bekommen.  Doch weit gefehlt: „Wo wollen Sie denn hin?“ fragt der eine. „Können wir ihnen helfen?“ Und nach kurzer Zeit sind wir mit den nötigen Infos für die Weiterfahrt ausgestattet. „Noch einen schönen Tag! Und gute Fahrt!“ wünschen sie uns und radeln davon. Und wir stehen immer noch mitten auf dem Radweg.

Irgendwie bin ich irritiert. Ich hatte mit einer anderen Reaktion gerechnet. Schließlich  standen wir  ja wirklich im Weg. Die Polizei als Freund und Helfer, das ist doch ihr Geschäft, könnte man denken. Das stimmt. Aber mir geht‘s um etwas anderes. Nämlich um den Ton der zwischenmenschlichen Kommunikation. Und da ist meine Erfahrung halt leider zusehends die, dass da etwas ganz grundsätzlich ins Rutschen gekommen ist. Freundlichkeit erlebe ich als Mangelware. Wenn ich im Weg stehe, werde ich in ziemlich ruppigem Ton  zur Seite gebeten. Oder gleich einfach weggerempelt. Es ist doch verrückt, dass  Freundlichkeit mich mittlerweile beinahe aus der Fassung bringt! Normalität als Ausnahme. Oft kein Kopf und keine Zeit mehr, eine berechtigte Bitte in einem freundlichen Ton an den Mann oder an die Frau zu bringen.

Noch schneller als die Freundlichkeit ist ein altes Wort aus unserer Sprache verschwunden In der Übersetzung Martin Luthers lautet eine Bitte des Apostels Paulus: „Eure Lindigkeit lasset kundwerden allen Menschen“ (Philipper 4,5) „Lindig“- ich liebe dieses Wort! Aus dem Mittelhochdeutschen kommt es. Lindig meint sanft, freundlich, weich. Und wie schön, wenn es gelänge, es wieder etwas mehr mit Leben zu füllen. So, wie’s die beiden Polizisten mit mir und meiner Frau gemacht haben. Ich will selber auch gerne dazu beitragen, etwas mehr Lindigkeit in die Welt zu bringen.

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.