Predigt über Matthäus 11,25-30 am 14. Juni 2026 im Betsaal in Schloss Salem
Liebe Gemeinde!
Ganz ehrlich! Manchmal predigt ein Raum schon ehe irgend jemand das Wort ergriffen hat. Das ist gar nicht so selten. In meiner Eigenen Wohnkirche ist das so, im Freiburger Stadtteil Rieselfeld. Eine Kirche für zwei Konfessionen, mit wegschiebbaren Trennwänden aus schwerem Beton. In der Regel sind sie immer weggeschoben. Gottseidank! Und die Predigt des Raumes sagt: „Ihr alle seid gemeinsam Kirche Jesu Christi. Und hoffentlich schiebt Ihr auch die Wände zwischen den verschiedenen Kirchen und Konfessionen endgültig beiseite.“
Auch am kommenden Sonntag wird das für mich so sein. Da predige ich in der Heiliggeistkirche in Heidelberg. Der evangelischen Kirche in Baden, die sicher die größten Touristenströme zu bewältigen hat, ca. eine Million pro Jahr. Die Predigt dieser gotischen Kirche, überwiegend im 15. Jahrhundert erbaut, lautet: „Ich weise euch den Blick zum Himmel. Meine Strebpfeiler richten euren Blick nach oben und die Fenster, die alten und nicht zuletzt auch das moderne Physikfenster von Prof. Johannes Schreiter lassen euch mitten hinein ins Leben schauen.“ Kein Wunder, dass so viele Menschen sich jeden Tag zu einem Besuch dieser Kirche einladen lassen.
Auch dieser wunderschöne Betsaal hatte schon eine Predigt bereit, noch ehe ich mit meiner Predigt begonnen habe. Das ehemalige Sommerrefektorium hat den Mönchen als Speisesaal gedient. Zugleich ist dieser Raum nun der von der evangelischen Gemeinde genutzte Gottesdienstraum. Seine Predigt lautet jetzt nicht zuletzt: „Ihr lebt davon, dass ihr euch nährt. An Leib und Seele!“
Heute kommt eine weitere Predigt dazu. Die Predigt zum vorgeschlagenen Text für diesen zweiten Sonntag nach Trinitatis. Und diese Predigt ist womöglich schwieriger und verwirrender als die Predigt des Raumes. Denn manchmal verwirren die vorgeschlagenen Predigttexte auch mich. Da nützt es nichts, sich auf alles Wissen und theologische Kenntnisse zu berufen. Da muss auch ich mich ganz neu auf die theologische Spurensuche machen. Da geht es mir nicht anders wie Ihnen, wenn Sie diese Worte hören, über die ich mit Ihnen ins Nachdenken kommen soll.
Nein, der Predigttext gehört zu den bekannteren aus der Bibel. Aber ich will Ihnen den Text – entsprechend der Tradition dieses Speisesaales – in mehreren Gängen zu Gemüte führen. Ich will meine Verwirrungen offenlegen. Und nach hilfreichen Auswegen suchen. Denn auch diese Predigt soll Sie nähren.
Der erste Predigtgang, die erste Verwirrung, das ist die Verwirrung der Weisheit. Wir hören aus Matthäus 11 die Verse 25 und 26!
25Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
Das große Aus für die Weisheit und der Klugheit! Dabei ist sie doch die Grundlage unserer Lebensgestaltung. Das Gott ein „Gott der kleinen Leute“ ist, gehört zum Kernbestand einer an sozialen Bedingungen der Christenheit interessierten Theologie. Habenichtse, die allein auf Hoffnung hin durchs Leben unterwegs sind, können mit dem Evangelium, so verstehe ich das, mehr anfangen als die, die satt und selbstzufrieden nur ihren eigenen Möglichkeiten trauen.
Weisheit und Klugheit – sie erweisen sich als nutzlos, wenn es gilt, sich fürs Leben zu nähren. Der Apostel Paulus knüpft später nahtlos an diese klare Tendenz Jesu an: „Nicht viele Weise, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme“ seien berufen. Gott habe das Törichte in der Welt erwählt.
Dennoch regt sich in mir ein leiser Widerstand. Ich fühle mich verwirrt. Ohne Weisheit und Klugheit wäre vieles gar nicht möglich, was uns heute leben lässt. Ohne die Weisheit der Medizin würden viele ihre Krankheiten nicht überleben. Ohne die Weisheit und Klugheit der Baumeister und Architekten würden wir heute hier keinen Gottesdienst feiern können.
Ja, auch gute Theologie hat doch Weisheit und Klugheit zur Voraussetzung. Und ein herausforderndes Predigen doch eigentlich auch. Durch die Geschichte der Kirche hindurch hat es - zum Glück - viele Denkerinnen und Denker gegeben, die Gott mit Weisheit und Klugheit nachgespürt haben. Sind sie alle auf dem Holzweg?
Natürlich kann ich mir die Antwort leicht machen. Und ich unterscheide klug – und menschliches Denkvermögen von dem, was Jesus und auch Paulus! mit Weisheit und Klugheit meinen.
Aber womöglich ist es mit unserer Weisheit wirklich ähnlich wie mit unserem Reichtum, den Jesus an derer Stelle ja auch geißelt – und den Reichen die Tür zum Reich der Himmel verschossen hält. Wir sind ihre Profiteure und Profiteurinnen. Sie helfen, den Leib satt zu machen. Lassen uns leben und überleben. Aber mehr garantieren sie uns nicht. Wie wertvolle Dienste sie auch zu leisten vermögen – beide sind mir aber gehörig im Weg, wenn ich sie zur Voraussetzung mache recht und gerecht zu leben. Einen VIP-Raum im Himmel garantieren sie mir nicht.
Es bleibt also etwas zurück von dieser Verwirrung. Aber bei Gott ists möglich, dass der Reiche am Ende doch durchs Nadelöhr hindurch kommt. Und der Kluge und Weise gleich hinterher.
Das Lied von den leichten Lasten
(Melodie EG 229: Kommt mit Gaben und Lobgesang)
Augen auf! Seht die neue Welt!
Gott nimmt Wohnung auf freiem Feld.
Grenzen fallen. Verschloss’ne Tür‘n
öffnen sich. Neu zur Freiheit führ’n
Wege, die ich noch nicht gekannt.
Hinterm Horizont zeigt sich Gottes Land.
Sucht und findet den neuen Ort!
Klugheit bricht, neuer Weisheit Wort
schließt mir neu auf des Himmel Tür,
die sich öffnet grad neben mir.
Find‘ mich mitten im Paradies,
hin zu Schwestern, Brüdern der Weg mich wies.
Lassen wir den Predigttext weiter zu Wort kommen. Zweiter Gang also:
27Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Die Verwirrung setzt sich fort. Dieses Mal auf einem ganz anderen Feld. Jesus spricht von der Beziehung zu seinem Vater. Von seiner Beziehung zu Gott. Und das in einer Sprache, die wir so sonst nur im Johannes-Evangelium finden. So verklausuliert, so im wahrsten Sinne des Wortes in sich gekehrt - als wolle Jesus klarmachen: Seht, jetzt stoßt ihr mit eurer Weisheit an ihre Grenze. Jetzt hilft sie euch auch nicht mehr weiter.
Sohn und Vater miteinander in sich verwoben. Niemand kennt den Sohn als nur der Vater. Niemand kennt den Vater als nur der Sohn. Kein Zweifel, hier wird von Gott in einer sehr binnentheologischen Sprache gesprochen. Ein kleiner Einblick in die innergöttliche Firmenstruktur. In das Geheimnis der Trinität. Vater und Sohn in gegenseitiger Durchdringung. Der Geist als der Offenbarer. Als die Quelle der Möglichkeit, an dieser engen Verbindung teilzuhaben.
Schließlich ist es ja doch der Sohn, der uns ganz neu den Blick auf den Vater, auf Gott hin ausgerichtet hat. Ich könnte auch sagen: Es ist der Mensch, der hier in seiner göttlichen Qualität aufscheint. Auch hier gilt - ähnlich wie beim Blick auf die Verwirrungen der Weisheit. Am Ende löst der Geist unsere Verwirrungen auf. Und wie kommen wir durch das Nadelöhr der innergöttlichen Geheimnisse hindurch.
Achtsam lauscht auf den neuen Ton!
Leise noch, doch man hört ihn schon.
Goldner Faden im alten Kleid
kündet uns eine neue Zeit.
Bosheit, Macht, Gewalt finden keinen Halt.
Klangvoll zeigt sich, was sein wird bald.
Bleibt die dritte Verwirrung. Die scheint die einfachste. Und hat es dennoch am meisten in sich. Wir sind im dritten Gang der Predigtspeise und hören auf den Abschluss des Textes:
28Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Der "Heilandsruf" wird diese Stelle in frömmeren Kreisen umschrieben. Ich könnte auch sagen: Eine frühe Form religiöser Werbesprache.
Gefährlich erscheinen uns heute die gewählten Formulierungen. Und erneut Anlass für eine Verwirrung. Die Verwirrung des freiwillig gewählten Jochs. „Kommt her! Lasst los, was euch bedrückt. Ich habe die rechte Lösung für euch!“ Die großen und kleinen Populisten der Gegenwart werben so für sich. Und die, die darauf hereinfallen, finden sich bald unter einem schwereren Joch als zuvor.
Es braucht schon ein rechtes Gespür, den Anspruch des Predigttextes von den leeren Versprechungen der Populisten zu unterscheiden. Heute ist das womöglich schwieriger als damals – zur Zeit Jesu. Noch einmal zurück zum Bild des Jochs. Ein Joch ist ein Zugtiergeschirr. Ein Balken, der dafür sorgt, dass etwa zwei Ochsen nicht in gegenseitiger Richtung davonlaufen. Stattdessen werden ihre Kräfte gebündelt und ausgerichtet. Die Zugtiere, die unter einem Joch gehen, können gesteuert werden. Sie können so ihre Arbeit verrichten. Zugunsten ihrer Besitzer.
Schwer war ein solches Joch. Und es wurde zu einem Symbol der Unterdrückung. Wer frei werden wollte, warf sein Joch ab. Im religiösen Horizont – so wie die Menschen Jesu Worte verstehen mussten - war das Joch auch so etwas wie das Zeichen der Herrschaft der Mächtigen. Das Joch der Römer hat den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen Jesu das Leben schwer gemacht.
Dagegen setzen die Menschen das Joch der Tora. Das Joch der Weisungen Gottes. Dieses Joch war Geschenk Gottes. Dieses Joch war ein Joch der Freiheit. Mit diesem Joch wurde ein Leben im Sinne der Gerechtigkeit Gottes zur großen Möglichkeit.
Wenn Jesus hier von einem Joch redet, wissen alle, die ihm zuhören, was er meint. Es geht um das Joch der rechten Lebensgestaltung. Es geht um das Joch der Tora. Das Joch der göttlichen Gebote. Das Joch der rechten Ethik – gegenüber Gott und gegenüber den Menschen.
An dieses Verständnis knüpft Jesus an. Der Jude aus Nazareth wirbt für das Joch Gottes. Und damit für ein Joch einer lebensdienlichen Ethik. Genau darin unterscheidet sich sein Joch von dem heutiger Populisten. Das Joch der Freiheit Gottes ist leicht. Es führt nicht in Abhängigkeit und Unterdrückung. Vielmehr ist es ein Joch der Freiheit.
Die Verwirrung kommt da an ihr Ende, wo klar wird: Dieses Joch ist gar keines. Es ist das Angebot eines Lebens, das allen Jochen den Abschied gibt. Es ist das Joch, mit dem ich durch das Nadelöhr aller Fremdbestimmtheit in die Freiheit entkomme.
Das Angebot dieses Nicht-Joches ist präsent. Nach wie vor und mitten in einer Welt, in der die Stifter der Verwirrung nach der Macht greifen wollen.
Geprägt vom Joch der Freiheit, sind wir eingeladen, immer wieder Nein zu sagen.
Beflügelt vom Joch der Freiheit sind wir ermutigt, den Handlangern des Bösen mit Widerspruch zu begegnen.
Begeistert vom Joch der Freiheit stellen wir diejenigen bloß, die nur ihre eigenen Schäfchen ins trockene bringen wollen – auf Kosten all derer, die auf unser entschiedenes Eintreten angewiesen sind.
Das Böse – das ist die Macht des Diabolos. Das ist die Macht, die alles durcheinanderbringt. Die Verwirrung stiftet. Gut, dass wir das Angebot des Nadelöhrs haben. Die Möglichkeit, ins Leben zu ziehen, was eigentlich unsere Kräfte überfordert. Der Weg, aller Verwirrung ein Ende zu setzen.
Weil der Sohn uns das Wesen Gottes offenbart hat.
Weil Gott selber für uns zur Möglichkeit wird.
Weil wir Mensch werden können.
Und menschlich leben sollen.
Amen
Macht auch frei, nehmt das neue Joch!
Drückt euch bisher das alte noch,
werft es ab. Lasst die andern sehn:
Ihr wollt aufrecht durchs Leben geh’n.
Lasten fallen und Hoffnung blüht,
weil am Horizont bunt die Zukunft glüht.
Altes schwinde! Im neuen Sein
leuchtet kraftvoll der Schöpfung Schein.
Berge, Täler, auch Mensch und Tier
'weisen uns ihre Spur zu dir,
Schöpferkraft und Erneu‘rungsgeist,
wie auch immer uns heut dein Name heißt.
(Text: Traugott Schächtele – Juni 2026)