Impuls am Beginn der Sitzung der Fachgruppe Chöre

09.07.2026

Bei mir zu Hause in Freiburg ist immer noch Pfingsten! Jeden Tag aufs Neue. Auch jetzt noch – im heißen Sommer. Wie ich zu dieser Behauptung komme? Auf unserem Nachbarhaus sitzen unzählige Tauben. Und es werden immer mehr.

Inzwischen suchen sie auch auf unserem Haus Asyl, wenn einer der Nachbarn in die Hände klatscht, um sie zu vertreiben. Dass ergreift die Taubenherrlichkeit mit all den Folgen auch unser Haus. Und dann müssen wir schauen, wie wir sie wieder loswerden.

Ich gestehe es offen: Ich bin kein Taubenliebhaber. Mindestens genauso schlimm wie das, was sie auf dem Dach des Nachbarhauses und manchmal auch auf unserem Dach hinterlassen, finde ich ihr taubenspezifisches „Singen“, was mit dem schönen Ausdruck „gurren“ nun wirklich zu zärtlich umschrieben ist.

Das ist kein liebevolles Gurren, das ist ein immer ähnlicher, sich ständig wiederholender Ruf, der wenig an Musikalität und Einfallsreichtum erkennen lässt.

Ich könnte ja lernen, damit zu leben – Tauben sind halt auch Geschöpfe – wenn, ja wenn die Bibel nicht gerade die Tauben als Sinnbild des Heiligen Geistes erkoren hätte.

In Gestalt einer Taube fährt der Heilige Geist bei der Taufe Jesu herab. Und in vielen Kirchen kann man diese Identität augenfällig und eindrücklich dargestellt der bildenden Kunst entnehmen. Kein Wunder, wenn ich mich ob der Taubenherrlichkeit auf dem Nachbardach in die Imagination eines Pfingsterlebnisses flüchte.

Ich frage mich, ob es Paul Gerhardt nicht womöglich ähnlich ergangen ist wie mir, wenn er die bekannte Strophe dichtet:

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder!


Die Taube „macht sich in die Wälder“ – wohin sonst! Man muss sie ja nicht immer hören. Der schöne Schall aber kommt von der Nachtigall. Und keine 500 Meter von unserem Haus entfernt kann ich jeden Tag, wenn mir darum ist, ein vielfältiges Nachtigall-Jubeln hören. Und Paul Gerhardt bestätigt finden.

Warum aber um alles in der Welt muss ich der Heilige Geist gerade in ein Taube sinnbildlich abgebildet sehen? Ich werde - ja ich muss den lieben Gott dereinst fragen, was er sich nun gerade dabei gedacht hat.

Aber weg von meinem häuslichen alltäglichen Pfingsterlebnis. In der Pfingstausgabe der Wochenzeitung ZEIT (ZEIT/Christ und Welt vom 25. Mai 2026) berichtet der Ruhestandspastor Christoph Störmer aus Hamburg von einer Reise nach Schottland zur Kommunität Iona. Dort hat man wohl viel Verständnis für meinen Taubenzweifel. Denn in Iona sieht man den Heiligen Geist in der Wildgans abgebildet.

Nein, es geht nicht einfach eine spirituelle Variante von „Wildgänse rauschen durch die Nacht“! Es ist dieser so ganz andere Typ Vogel, der es den Menschen dort angetan hat. Täglich verschicken sie, so lese ich, als Impuls eine Wild Goose – publication.

Und nun ein Zitat aus dem Artikel: „Wild Goose – das ist eine Ansage. Hier steht für den Heiligen Geist nicht das Bild der zahmen Taube, sondern die Wildgans. Tatsächlich sah ich reichlich Wildgänse auf der Insel. Sie hatten etwas Unbändiges, Wachsames und Kampfbereites an sich.

Das gefiel mir: ein nicht zu domestizierender, widerständiger Geist, den man nicht kirchlich einordnen oder einfangen kann. Ein Geist, der sich nicht in Kirchenmauern einnistet, sondern frei ist.“

Es gibt also eine Alternative. Und es ist erlaubt, den Heiligen Geist auch mit einem anderen Vogel in Verbindung zu bringen. Denn ein Vogel muss es schon sein, finde ich. Leichtflüglig, mutig, die Luft und die Freiheit liebend.

Wie sich‘s mit den Bildern des Heiligen Geistes verhält, so ist es manchmal auch mit unserem Singen. Nein, nicht auf Korrektheit und Sicherheit und fehlerfreie Wiederholung bedacht soll es sein. Stattdessen, wie’s meine Chorleiterin immer wieder sagt: „Man muss spüren, dass ihr dabei seid, mittendrin, betroffen. Ihr müsst nicht nur mit dem Kopf, ihr müsst auch mit den Herzen singen. Dann macht es gar nichts. Wenn ihr einmal nicht ganz den rechten Ton trefft!“

In kirchenmusikalische Fachdebatten will ich mich nicht einmischen, da bin ich als gelernter Theologe ein singender Laie. Aber ein Satz Martin Luthers kommt mir dazu doch in den Sinn: „Spiritus Sanctus non est scepticus!“ Der Heilige Geist ist kein zaudernder Skeptiker. Er will etwas. Er ist zielgerichtet. Will uns herausreißen aus allzu viel tagtäglichem Klein-Klein.

Ja, da halte ich’s gern mit der Wildgans. Oder mit dem Adler. Oder einem Falken. Als Eule will ich mir den Heiligen Geist eher nicht vorstellen. Auch nicht als geschwätzigen Spatz. Auch nicht als nervig hämmernden Specht. Die Mischung der Gaben macht‘s – wie so oft. Eleganz und Wildheit gepaart mit Durchhaltekraft und dazu in der Lage, hoch hinaus zu fliegen oder es - wie ich - dann auch wieder am Boden auszuhalten – da kann ich eher mit als bei den Tauben.

Aber ich will gerecht sein. Wie wir auch die Taubenchöre brauchen, braucht der liebe Gott auch dieses gurrende Völkchen. Daran will ich denken, wenn ich sie wieder höre – und mich von ihnen an Gottes Geist erinnern lassen. Damit es am Ende wirklich jeden Tag ein wenig Pfingsten wird – sogar mitten im Sommer!

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.