Predigt über Micha 7,18-20, gehalten am Sonntag, 21. Juni 2026 (3. Sonntag nach Trinitatis) in der Heiliggeistkirche in Heidelberg
Das Lied der großen Fragen
(Melodie EG 665: Wir haben Gottes Spuren festgestellt)
1. Groß sind die Fragen, die das Leben stellt!
Wo kann ich Antwort finden?
Wer hat mich einst geworfen in die Welt?
Wer bringt, was mich sorgt, zum Schwinden?
Wo führt zuletzt mein Lebensweg mich hin?
Bleib ich bei Gott geborgen?
Ich frag‘ und suche nach dem rechten Sinn
Brich auf zu neuem Morgen!
2. Wo ist ein Gott wie der, der sich nicht scheut,
wieder ins Lot zu bringen,
was Menschenhandeln einst und auch noch heut‘
hindert, frei sein Lob zu singen?
Wo wir versäumen, öffnet Gott sein Haus,
bietet uns Raum zum Wohnen.
Unser Versagen ist nicht unser Aus,
Leben soll neu sich lohnen,
Liebe Gemeinde!
„Was macht der liebe Gott, wenn es keine Sünder mehr gibt?“ Mit diesem Satz habe ich meine allererste Predigt begonnen. Als Lehrvikar in Karlsruhe. Vor 37 Jahren war das. Heute passt dieser Satz wieder sehr gut an den Anfang der Predigt. „Was macht der liebe Gott, wenn es keine Sünder mehr gibt?“
Ist Gott dann am Ziel, weil die Welt endlich so ist, wie er sie sich gewünscht hat? Voll sündloser, gerecht lebender Menschen? Oder ist Gott arbeitslos geworden. Denn „Vergeben ist ja schließlich sein Geschäft!“ wie es Heinrich Heine auf dem Sterbebett formuliert haben soll. Oder gibt es irgendwann keine Sünderinnen und Sünder mehr, weil die Menschen die Schöpfung womöglich endgültig ausgelöscht haben. Und niemand mehr da ist, um um Vergebung zu bitten.
Fragen sind das - nicht einfach leichtfertig gestellt. Die Frage nach den Möglichkeiten der Vergebung – das sind im Grunde zentrale Fragen nach Gott selber. In ihnen kommt das Grundthema der Theologie zum Aufleuchten.
Es ist aber auch das Grundthema des für heute – für den 3. Sonntag nach Trinitatis – vorgeschlagenen Predigttext. Es sind die letzten drei Verse des Micha-Buches im Alten Testament. Micha 7, Vers 18-20. Dort heißt es:
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Kein Zweifel also! Das Buch des Propheten Micha endet mit einem Happy end. Es geht gut aus. Auch wenn es lange nicht so aussieht, wenn man das ganz Büchlein mit allen sieben Kapiteln liest. Micha hat im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt. Aber der letzte Teil dieses Buches, aus dem der Predigttext stammt, ist wohl deutlich später entstanden. Zu einer Zeit, als der Schreiber dieses Satzes auf eine ganze Abfolge von Katastrophen zurückschaut.
Die Assyrer haben dem Nordreich ein Ende gesetzt. Die Babylonier dem Südreich. Das unbesiegbare Jerusalem, die Stadt Gottes ist zerstört. Viele Menschen waren nach Babylon verschleppt worden. Und dann gibt es doch einen Neuanfang. Die zerstörten Häuser müssen neu aufgebaut werden. Die zerstörten Felder neu bestellt. Ein neuer Tempel muss den zerstörten alten ersetzen. Und die Wirtschaft muss wieder in Schwung kommen.
Viele Bilder habe ich vor Augen. Bilder aus den Nachrichten. Bilder der Zerstörung. Auch aus der Region, aus der der biblische Text stammt. Bilder, an die wir uns allabendlich fast schon gewöhnt haben. Wir haben gelernt, solche Bilder innerweltlich zu deuten. Als Folge menschlichen Machtstrebens. Von Einzelpersonen, die ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen. Als Folge einer Geschichte von Unrecht und Gewalt, die nie aufgearbeitet worden sind. Als Folge ideologischer Verblendung. Von irrigen Vorstellungen, die eigene Menschengruppe sei mehr wert als die andere.
Mühsam gelingt es, diese konfliktreichen Situationen in Schach zu halten. Immer mehr gelingt es auch nicht. Und unsinnige Kriege werden mit einem Rahmenabkommen fürs Erste gestoppt. Mit welchen Zugeständnissen, ob auf Dauer und mit welchen Langzeitfolgen wissen wir derzeit noch nicht. Auf jeden Fall sind wir Menschen für den Gang der Geschichte verantwortlich. Und nicht Gott.
Interessant ist: Micha, der Prophet, bringt hier dennoch Gott ins Spiel. Er versteht die ganze Geschichte der Zerstörungen und des Wiederaufbaus auch als eine Geschichte der bitteren Gottferne und der neu erlangten Gottnähe. Als eine Geschichte von Schuld. Und eben auch als eine Geschichte mit der Möglichkeit der Vergebung.
Aber Gott ist hier gerade nicht der große Deal Maker. Gott ist der, der exemplarisch einen Weg des Neuanfangs aufzeigt. Ja, Gott ist der, dessen Geschäft wahrhaftig die Vergebung ist. Nicht zu verstehen mit dem spöttischen Unterton, mit dem Heine von Gott spricht. Sondern als zentrale Aussage über das Wesen Gottes. Über das, was Gottes Gott-Sein im Letzten ausmacht.
Mich überrascht der Prophet hier schon. Oder der, der hier in seinem Namen das Wort ergreift. Er spricht von Gott – aber nicht, indem er ihn etwa als Schöpfer preist. Er spricht von Gott – aber nicht so, dass er an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei erinnert. Er spricht von Gott – aber nicht so, dass er den Menschen das Ende des babylonische Exils und die Rückkehr in die Heimat in Erinnerung ruft.
Micha fragt nach Gott. „Wo ist solch ein Gott wie du?“ Und er legt dann offen, worin für ihn Gottes Gott-Sein gründet. Gott erlässt die Schuld. Gott lässt seinen Zorn los. Und Gott erfreut sich daran, gnädig zu sein.
Nicht ums Recht haben geht’s also. Und nicht um die eigene Überlegenheit. Vielmehr geht’s darum, dass Gott loslässt. Dass Gott den Menschen einen Neuanfang ermöglicht. Dass Gott Vergebung übt, dass er vergibt – ums in biblisch-theologischer Sprache auszudrücken.
Die Geschichte zwischen Gott und Mensch ist eine Geschichte der Grenzüberschreitung. Der Grenzüberschreitung von der Seite des Menschen her, der die heilsamen Grenzen, die Gott ihm setzt, ein ums andere Mal nicht respektiert. Eine Geschichte der Grenzüberschreitung aber auch von der Seite Gottes her. Gott hält es nie in himmlischen Gefilden. Gott ist, indem er sich auf dem Weg zum Menschen befindet.
3. Gott schuf die Menschen einst nach seinem Bild,
ließ sie im Garten leben.
Grenzen, die es zu respektieren gilt,
hat Gott ihnen dann gegeben.
Himmlische Würde sprach er ihnen zu,
rief sie bei ihrem Namen.
Sechs Tage Arbeit und am Sabbat Ruh
sie als Gebot bekamen.
Der Grenzüberschreitung auf der Seite des Menschen entspricht die Lust Gottes, den Menschen ein ums andere Mal wieder hinter die ihm gesetzten Grenzen zurückzuführen. Dem Menschen zu vergeben. Vergeben meint, dem Menschen einen heilsamen Neuanfang zu ermöglichen.
Theologisch macht das Sinn. Aber es führt mich manchmal auch zu kleinen Formen des Widerstands. Warum ist das Vergeben Gottes Beruf? Und warum finden wir Menschen uns immer im Stande der Sünderin und des Sünders vor? Ist Gott darauf angewiesen, dass wir Sünderin sind und Sünder? Damit er nicht arbeitslos wird. Was macht Gott, was bleibt ihm also noch, wenn es keine Sünderin und keinen Sünder mehr gibt?
Wenn’s um Gott geht, kommt – so scheint’s - zuerst der Mensch in den Blick. Der Sündige Mensch. Jeder Gottesdienst beginnt deshalb mit einem Bußgebet. Der Heidelberger Katechismus, hier in dieser Kirche gewissermaßen zur Welt gekommen, beginnt im ersten Teil mit der Überschrift „Von des Menschen Elend“.
4. Gut war der Mensch, das Böse kannt‘ er nicht,
wählte stets Gottes Wege,
eh ihn die Gier, zu teilen Gottes Sicht,
lockt‘ auf andre falsche Stege.
Plötzlich fand er sich vor dem Paradies,
hart war des Lebens Beute.
Arbeit und Schmerz das Leben ihm verhieß.
Doch ihn sein Fehl nicht reute.
So wie wir‘s eben besungen haben, so kann’s, so soll’s nicht bleiben. Nein, der Mensch muss sich nicht kleinmachen, damit die Größe Gottes umso mehr aufleuchtet. Halt, möchte ich hier wirklich dazwischenrufen. So will Gott sein Gott-Sein nicht verstanden wissen. Gott macht sich am Ende selber klein, wird Mensch. Damit wir Menschen zu unserer wahren, zu der uns zugedachten Größe finden.
Vielleicht ist es das Missverständnis des Wortes Vergebung, das uns hier in die Irre führt. Gott gibt nicht einfach sein Recht weg, vergibt sein Recht, auf uns Menschen zu reagieren. Dabei ist es nicht einfach gleich-gültig wie wir leben. Gott gibt nicht einfach nach, um seine Ruhe vor uns zu haben. Gott lässt uns sein. So wie wir nach seinem Willen sein sollen. Befreit sind wir. Ermutigt. Mit Würde ausgestattet. Und sollen dieser Würde gemäß auch leben.
5. Streng war nicht selten der Propheten Wort.
Zukunft schien weggenommen.
Krieg und Gewalt, verlor’n der Heimat Ort.
Tür im Schloss und kein Entkommen,
schiene da nicht der Himmel plötzlich hell.
Bunt war’n des Lebens Farben,
Hoffnungsvoll wendet sich zum Guten schnell,
was andre einst verdarben.
Wie aber geht das – so zu leben, wie Gott uns gemeint hat? Damals war es Micha und andere, damals waren es die Propheten, die immer neu eine Zeitansage gewagt haben. Wo sind heute die Prophetinnen und Propheten? Arbeitslos wären sie gewiss nicht.
Wo erfahren wir heute den Zuspruch angesichts all dessen, was auf uns einströmt. Wo finden wir heute Trost, wenn wir uns plötzlich in der Gottferne wiederfinden? Wo spricht Gott uns Vergebung zu?
Ich glaube, dass wir auch heute nicht ohne Prophetinnen und Propheten sind! Ich bin sicher, wir sind nicht ohne Menschen, die uns wegweisende Worte zusprechen, Manchmal sind sie verborgen hinter ihrer Botschaft. Manchmal werden sie überhört durch die Lautstärke, mit der andere ihre Worte übertönen. Manchmal finden ihre Worte kein Gehör, weil wir ihre Botschaft zu abwegig finden.
Ich nenne jetzt bewusst keine Namen. Aber vor jedem und jeder von ihnen tauchen die Namen im Inneren auf. Menschen, mit einer Botschaft. Menschen, die uns Wege aufzeigen, wie Vergebung und Neubeginn möglich sind. Vielleicht raunen Sie mir nachher beim Hinausgehen den einen oder anderen Namen zu.
Die Bereitschaft zur Umkehr brauche ich, wenn ich Vergebung wirklich werden soll. Die Bereitschaft zum rechten Hören. Und die Bereitschaft, Gott in meinem Leben Raum zu geben.
Denn Gott hat Lust zur Vergebung. Gott findet Gefallen daran, gnädig zu sein. Das macht Gott aus. Das lässt mich - das lässt uns alle leben. Amen.
6. Aufrecht wag ich durchs Leben nun zu gehn,
sorgsam setz ich die Schritte.
Wer einen Blick wagt, kann es deutlich sehn,
ich find schnell zurück zur Mitte.
Fürchte mich nicht, selbst wenn mein Weg verkehrt,
kehr einfach um ins Leben,
setz mein Vertrauen in das Wort, das lehrt:
Gott wird auch mir vergeben.
(Text: Traugott Schächtele – Juni 2026)