Wort zum Tag in SWR Kultur (ehemals SWR 2) am Freitag, 23. Juli 2026
Nach längeren Bauarbeiten ist die Fahrradstraße vor unserem Haus jetzt wieder freigegeben. Seitdem fahren wieder unzählige Menschen mit ihren Rädern direkt an unserem Vorgarten vorbei. Zum Tiergehege. Zum Baggersee. Oder zum Zeltmusikfestival. Man spürt: Viele Menschen haben darauf gewartet, dass sie diese Strecke wieder nutzen können.
Viele, die radelnd vorbeikommen, unterhalten sich miteinander. Laut, damit sie sich gegenseitig auch hören. Wenn ich im Garten sitze, kann ich Bruchstücke aus Unterhaltungen sehr gut verstehen. Es sind nicht mehr als Wortfetzen. Halbsätze. Fragen. Und Antworten. „…hätten wir doch eher abbiegen müssen.“ „Ich hab’s einfach gemacht!“ „Schau mal, da wohnen …“ „Darauf hatte ich gewartet!“
Ein paar Wörter, die ich gut verstehen kann. Und dann sind die beiden, die sich da unterhalten haben, auch schon wieder weg. Manchmal versuche ich dann, mir den größeren Zusammenhang irgendwie vorzustellen. Die Wortfragmente könnten der Wiederschein von etwas sein, dem viel größere Bedeutung zukommt. Ich kann’s bestenfalls erahnen.
Eigentlich, denke ich, erlebe ich hier im ganz Kleinen etwas, das mein Leben ja auch im Großen ausmacht. Wenn ich mich mit unterhalte, dann erfahre ich etwas von diesem Menschen. Es ist auch nur eine Momentaufnahme, ein Bruchstück aus einer viel umfangreicheren Geschichte: Dann trennen sich unsere Wege schon wieder. Manchmal sind es wirklich nur ganz kurze Begegnungen. Ein anderes Mal kann eine Beziehung über Jahrzehnte Bestand haben. So ist das: ein anderer Mensch begegnet mir. Spricht mich an. Löst Gefühle in mir aus. Lebensgeschichten überschneiden sich. Kommen sich nahe. Und dann – plötzlich - spielen sie an getrennten Orten weiter.
Man kann die Kreise hier noch weiterziehen: Im großen Gang der Menschheitsgeschichte ist es mit meinem Leben als Ganzes nicht anders. In der Abfolge der Generationen. Und dann eben in meiner eigen, ganz persönlichen Geschichte. In den Beziehungen, die mich ausmachen. In dem, was ich in meiner kleinen Welt bewirken kann. Das Schöne ist für mich: Auch wenn ich in diesem Kosmos nur Fragment bleibe, verglühe ich nicht einfach. Ich bleibe aufgehoben. Bewahrt. Aus meinen Versatzstücken wird ein Ganzes. Bei Gott. Davon lebe ich.