PREDIGT
IM ACK-GOTTESDIENST ZUM REFORMATIONSFEST
AM 31. OKTOBER 2019 IN DER HEILIGGEISTKIRCHE IN HEIDELBERG

31.10.2019
Liebe Gemeinde!

Gedenktag der Reformation 2019! Erinnerung daran, dass wir nicht die ersten sind, die Kirche reformieren wollen. Dankbarkeit, dass da eine Bewegung entstanden ist, die den Blick der Kirche wieder auf das Wesentliche zurückrichten wollte. Sola Fide! Allein aus Glauben. Sola Gratia! Allein aus Gnade. Sola Christus. Allein Christus! - als der, um den es geht, wenn Gottes Menschenfreundlichkeit ein Gesicht bekommen soll.

Dass sie das Reformationsgedenken 2019 hier in Heidelberg in ökumenischer Geschwisterlichkeit begehen und gottesdienstlich feiern, erfüllt mich mit Freude. So wird hier in der Kirche und mitten in der Öffentlichkeit deutlich, dass wir gemeinsam unterwegs sind. Und dass dieser 31. Oktober nicht Anlass zu einem Fest der Trennung - und schon gar eines Festes in triumphalistischem Geist - ist.

Am 31. Oktober erinnern wir uns zugleich daran, dass die Einheit der Kirche immer noch eine sehr fragile, brüchige Realität darstellt. Eher eine herbei gesehnte ist als eine schon ins Leben gezogene Wirklichkeit. Aber im gemeinsamen Feiern nehmen wir diese Einheit schon vorweg. So nähern wir uns in allen Widrigkeiten unseres Lebens und in den unterschiedlichen Wirklichkeiten unserer Kirchen den Hoffnungen zumindest an, die mit den Erfahrungen der Einheit verbundenen sind. Darum soll‘s gehen in diesem Gottesdienst. In den gemeinsam gesungenen Liedern, Und in der Bach-Motette, die heute zur Aufführung gelangt. Und nicht zuletzt eben auch in der Predigt.

Ich möchte sie einladen, sich zumindest gedanklich mit mir auf den Weg zu machen. Es ist der 31. Oktober, irgendwann zwischen 1725 und 1730, gut 200 Jahre nach Luthers Thesenanschlag. Aus der Reformation ist irgendwann Alltag geworden. Aber seit Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen 1667 angeordnet hat, jeden 31. Oktober als Gedenktag der Reformation zu feiern, ist an diesem Tag auch Gottesdienst.

Frühmorgens laufe ich durch Leipzig. Aus der Thomaskirche höre ich unverkennbare Klänge. Chormusik! Ich meine noch leise einen Generalbass wahrzunehmen. Ich bleibe stehen. Johann Sebastian Bach hat wohl wieder etwas Neues komponiert. Wie produktiv er ist. Die Melodie kenne ich. Johann Crüger hat sie geschrieben. Einst Kantor an St. Nicolai in Berlin. Sie ist gerade erst ein Dreivierteljahrhundert alt. Mit dem Text von Johann Francks Strophen ist sie bekannt geworden. „Jesu, meine Freude“!

Aber die Strophen werden nicht hintereinander gesungen, fällt mir auf. Zwischen die Liedstrophen werden jeweils andere Texte eingeschoben. Ich entschließe mich, in die Kirche hineinzugehen. Damit ich die Zwischentexte besser verstehe. Die Liedstrophen kenne ich auswendig. Bei den Zwischentexten fällt mir auf: Immer Verse aus Römerbrief, 8. Kapitel; natürlich kenne ich diese Verse:


So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.


Nicht nur Paulus steckt da drin, denke ich. Unverkennbar dich auch Luther! Auch eine Hommage an Luther ist es, was ich da gesungen höre. Der ist ja ohne den Römer gar nicht zu denken. Um den Christus Gottes geht’s in diesen Versen, ganz klar. Aber immer auch um das Thema des Geistes. Dabei spielt der Heilige Geist bei uns doch gar kaum eine Rolle. Aber Bach will ja immer auch predigen. Gesungen predigen. Nicht nur einfach musizieren. Irgend etwas muss sich Bach ja dabei gedacht haben.

Luther hätte seine Freude an ihm gehabt, da bin ich sicher. Beide waren Neuerer. Beide wollten die Kirche nach vorn bringen. Wollten den Christus in den Vordergrund rücken.

Nicht weit weg von St. Thomas sehe ich Licht in der katholischen Kapelle in der Pleyßenburg. Seit 1710 gibt es auch wieder katholische Gottesdienste in Leipzig. Die bereiten in der Burgkapelle den Gottesdienst für Allerheiligen vor, das weiß ich. Und sie werden morgen dort auch singen. Und doch sicher auch Christus in den Mittelpunkt stellen. Allein schon in der Eucharistie. Die einen feiern und singen heute. Die anderen morgen. Daran habe nicht nur ich mich gewöhnt. So ist das eben. Fast schon seit 200 Jahren. Ich verlasse die Kirche wieder. Irgendwie bin ich unzufrieden. Aber ändern kann ich‘s halt nicht.

Nur die Musik, die ich eben gehört habe, die klingt noch in mir nach. Diese Motette von Bach, am liebsteb würde ich sie gleich noch einmal hören!

- Johann Sebastian Bach, Jesu meine Freude -


Es ist der 31. Oktober 2019. Ich nutze diese Tage, um Heidelberg etwas näher kennenzulernen. Am Abend schlendere ich durch die Hauptstraße. Aus der Heiliggeistkirche meine ich Chorgesang zu hören. Gottesdienst – mitten unter der Woche? Ich bin überrascht. Ich gehe einfach in die Kirche hinein. Stimmt. Heute ist ja Gedenktag der Reformation. Schön, dass die das feiern. Und dann auch noch in der Gemeinschaft unterschiedlicher Kirchen. Das freut mich. Dann singt ein Chor. Eine Bachmotette lese ich im Programm. Ich liebe Bachs Musik. Wie gut, dass ich zufällig in diesen Gottesdienst geraten bin, denke ich.

„Jesu, meine Freude“ wird aufgeführt. Sechs Choralstrophen. Dazwischen Bibelverse. Bach war halt wirklich genial. Eine gesungene Predigt. Hoffentlich geht die Predigt der Wörter nicht zu lang. Ich höre den Worten der Predigt zu. Das interessiert mich. Immer wieder höre ich die drei Buchstaben ACK. Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen. Von einer ökumenischen Reise nach Rom höre ich. Und von dem Treffen mit einem Kardinal. Jetzt höre ich gespannt zu, was da berichtet wird.

„Was haben sie 2017 eigentlich gefeiert? 1517 war Martin Luther doch noch katholisch!“ Kardinal Koch, der Leiter des vatikanischen Sekretariats zur Förderung der Einheit der Christen hat uns Delegierte der ACK-Baden-Württemberg so gefragt. Wir hatten ihn im Rahmen unserer Rom-Reise vor vier Wochen zu einem Gespräch aufgesucht.

Ehrlich gesagt, erst war ich perplex, dann entsetzt. Und ich habe mich gefragt: Beginnt die Kirche der einen vor 2000 Jahren? Und die der anderen dagegen erst vor 500 Jahren oder gar noch später. Für mich gibt es nur eine große Bewegung der Kirche durch die Geschichte hindurch. Und in dieser Bewegung differenziert sich der bereite Strom in immer neue Fließarme und Gewässer. Als Angehöriger einer der Kirchen, die aus den Reformationen des 16. Jahrhunderts hervorgegangen ist, ist auch die Kirche vor 1517 meine Kirche. Und mit Martin Luthers ist es sicher nicht anders. Deshalb gab es vor zwei Jahren gute Gründe, der Ereignisse vor 500 Jahren zu gedenken. Und heute ist das nicht anders. Es gibt eben nur einen Leib Christ.

Was bedeutet dann mein Evangelisch- oder Katholisch-Sein? Von welcher Kirche rede ich, wenn ich orthodox, methodistisch oder baptistisch unterwegs bin? Was machen wir heute, wenn wir hier kirchenverbindend gemeinsam Gottesdienst feiern? Versuchen wir mit großer Anstrengung, bestehende Risse zu übertünchen? Oder tun wir nicht schlicht eben das, was unsere Aufgabe als Christinnen und Christen ist? Nämlich zu feiern, dass der Glaube an Christus die Kirche herausfordert, das zu leben und vorwegzunehmen, woran wir bisher ein ums andere Mal gescheitert sind.

Johann Sebastian Bach war evangelischer Kantor. Und es gab Zeiten, da war die Aufführung seiner Werke auch auf seine evangelische Herkunftskirche beschränkt. Das ist - gottseidank! – längst nicht mehr so. Bachs Musik lässt konfessionelle Grenzen längst in sich zusammenfallen. Ähnlich wie bei den vier Evangelisten der Bibel, die ja keiner Kirche allein gehören, ist es längst auch mit dem fünften, wie man Bach immer wieder nennt.

Bachs Gegensätze überwindende Kraft macht an den Grenzen der Kirche nicht Halt. Wie kaum ein anderer Komponist lockt er Menschen in Konzerte und in Kirchen, für die Gott eigentlich längst kein Thema mehr ist. Einer der großen skeptischen Denker des letzten Jahrhunderts, der rumänische Philosoph Emil Cioran, selber eher Gott-Suchender als Gott-Finder hat sich am Ende sogar zu den Satz verstiegen: „Wenn es jemanden gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es Gott.“ Was für eine gewagte These, denke ich. Aber ich verstehe ganz gut, was er meint.“


Ich habe jetzt genug gehört. Nachdenklich verlasse ich die Heiliggeistkirche.

******* (musikalische Zäsur) ******


Es ist der 31. Oktober 2060. Ich gehe durch das historische Viertel in der städtischen Region Heidelberg in der Groß-Metropole Rhein-Neckar. Aus der Kirchentür von Heiliggeist dringt Musik nach draußen. Eine kirchliche Veranstaltung mitten unter der Woche. Ich gehe einfach in die Kirche hinein. Die Kirche ist dicht gefüllt. Ich bin überrascht. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Aber ich war ja auch schon lange in keiner Kirche mehr.

Ich höre zu. Von Einem Ereignis vor 543 Jahren wird da berichtet. Um Reformen muss es da gegangen sein. Kirchliche Reformen. Und wie wichtig es sei, heute endlich zur Einheit zu finden. Dankbar feiert man da, dass die Kirchen längst zur Einheit gefunden haben. Vor Vierzig Jahren scheint das noch ganz anders gewesen zu sein. Ich kenne das gar nicht anders als dass es eine große Kirche mit unterschiedlichen Traditionen gibt.

Was ich höre, interessiert mich. Ich entschließe mich zu bleiben. Schließlich singt jetzt ein Chor. Eine Motette von Bach. Bach! Ja, den Namen kenne ich gut. Jedes Jahr gehe ich ins Weihnachtsoratorium. Das ist ein Riesenereignis. Jedes Jahr aufs Neue. Genauso wie die Aufführungen der Passionen. Dass der auch Motetten geschrieben hat, wusste ich allerdings nicht. „Jesu, meine Freude“ – schöne Melodien sind das. Ich bin ganz tief angerührt.

Dieses Reformations-Thema geht mir nicht aus dem Sinn. So etwas hätten wir heute doch wohl auch wieder nötig, geht es mit durch den Kopf. Die rechte Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Den Blick für das Wesentliche. Ein neues Wahrnehmen der an den Rand gedrängten, privatisierten Möglichkeiten der Religion. Ein mutiges Eintreten für die, die wir so gerne übersehen. Und die viel zu häufig zu kurz kommen.

Jetzt mische ich mich als Prediger wieder ein. Und möchte den Blick noch einmal auf Reformation 2019 rücken. Nicht nur auf Martin Luther. Sondern auf die vielen, die sich in den Kirchen für Reformen einsetzen. Heute laufen die Linien längst anders. Nicht mehr evangelisch-katholisch. Eher an anderen Linien entlang. Um Frieden geht’s und um Gerechtigkeit. Um die Bewahrung der Schöpfung, gerade in Zeiten der Klimakrise. Um Teilhabe und Inklusion. Um die Suche nach tragfähigen Grundlagen meines Lebens geht es. In den Kirchen, Aber auch vor den Kirchentüren.

Aber auch darum geht es: Wie ich so lebe, dass ich Gott recht bin. Dass ich nicht auf Kosten meiner Mitmenschen lebe. Oder auf Kosten derer, die nach uns auch noch leben wollen auf dieser Erde. Wie kriege ich einen gnädigen Gott hat Luther einst gefragt. Heute fragen Menschen auch: Wie finde ich zu gnädigen Mitmenschen? Nach Menschen suchen sie, aus deren Gesicht ihnen die Menschenfreundlichkeit Gottes entgegenleuchtet.

Einen gibt es, der war mehr als andere Platzhalter Gottes in dieser Welt. Jesus, der Christus. Mensch geworden wie wir. Und doch zugleich Garant dafür, dass Gott diese Welt nicht aus den Händen gibt. Das lässt uns leben. Gelassen. In der Heiterkeit des Glaubens. Und nicht ohne Zuversicht auch in schwierigen Tagen. „Meine Freude“ hat Johann Franck diesen Jesus in seinem Lied genannt. Und Bachs Musik hat uns etwas von dieser Freude kosten lassen.

Grund genug, auch in diesem Jahr wieder all die verschiedenen Reformationen in den Blick zu rücken. Die im 16. Jahrhundert. Um Luther und Melanchthon. Zwingli und Calvin. Aber auch all die vielen anderen Väter und Mütter der Reformation.

In den Blick rücken möchte ich auch die anderen Reformationen. Die heutigen. Die, die der Kirche 2.0 den Weg zu bereiten wollen. Und voll Zuversicht glaube ich ganz fest, dass in dieser Heiliggeistkirche auch im Jahre 2060 noch fröhlich Gottesdienst gefeiert, gebetet und gesungen wird. Nicht nur am Gedenktag der Reformation. Vor allem aber in der großen ökumenischen Gemeinschaft der einen weltweiten Kirche. Das lässt uns feiern. Und die Zukunft vorwegnehmen. Schon heute Abend! Amen.


Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.