Predigt über Jeremia 1,4-9 im Gottesdienst zur Eröffnung der Stadtsynode am 9. März 2020 in der Matthäuskirche in Pforzheim

09.03.2020

Liebe Gemeinde!

Alles gut! Diesen Satz höre ich oft. Als Reaktion auf eine Frage. Als Kommentar zu einem Geschehen. Alles gut! Manche Menschen benutzen diese beiden Worte fast schon eine Formel ihres Lebensliturgie. Um sich Mut zu machen. Oder um einer anderen kritischen Sicht zu widersprechen.

Alles gut! Wirklich alles gut? Derzeit mag einem dieser Satz womöglich nur schwer über die Lippen gehen. Die allgemeine Gestimmtheit lässt mich anderes vermuten. Und auch ein Synodalabend mit einer wichtigen Wahl auf der Tagesordnung setzt die Tagesordnung in unseren Köpfen nicht einfach außer Kraft.

Sie kennen die Stichworte, die soviel Raum einnehmen, wenn Menschen derzeit miteinander reden. Eine Virus-Erkrankung, die vielen zu schaffen macht. Unsägliche Zustände an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland, an der Außengrenze eines politischen Gebildes also, das noch vor wenigen Jahren den Friedensnobelpreis bekam, weil es sich für Humanität und Menschenwürde stark gemacht hat. Gut, dass unser Landesbischof zum Drama der Geflüchteten einen offenen Brief geschrieben hat. Aber auch das ist längst nocht alles: Unsägliches Gedankengut, das sich breit macht und sich dem lange für überwunden gehaltenen Ungeist von neuem öffnet. Hier in PF können sie dazu ihr eigenes Lied singen.

Und mitten in der Dominanz dieser Themen gehen viele andere unter. Der nicht enden wollende Krieg in Syrien, die Menschen in und um Idlib, der vergessene Krieg im Jemen, Hunger- und Dürrekatastropen, Menschenrechtsverletzungen und nationale Egoismen.

Heute ist doch Wahlsynode. Heute haben wir doch andere Themen. Ja, das stimmt und doch auch Nein. Wo immer sich Gemeinde Jesu Christi trifft in diesen so bewegten Tage, darf sie zu dem allem nicht schweigen. Aber wo immer Gemeinde Jesu Christi sich trifft, tut sie das in der Perspektive der Zuversicht - trotz allem. Und gerade diese Zuversicht ist ja auch das Thema der diesjährigen Aktion Sieben Wochen ohne. Nein, noch längst ist nicht alles gut! Aber unsere Zuversicht brauchen wir nicht dran zu geben. 

Vielleicht ist mir bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes gerade deshalb immer wieder dieses Lied durch den Kopf gegangen, das wir eben gesungen haben. Das Lied vom Mandelzweig, der blüht und treibt. Das Lied von der Liebe, die bleibt!

Wenn ich in den letzten Tagen an der Bergstraße oder in der Pfalz war oder wenn ich durch meinen Wohnort gehe, da bleibt unübersehbar. Die Mandelblüte hat teilweise längst begonnen, viel früher als sonst oft. Und wenige warme Tage werden reichen, die Blüten völlig zum Aufbrechen zu bringen.

Das Lied von Schalom Ben Chorin nimmt ein Bild des Propheten Jeremia auf, eben jenen Text, den wir als Lesung eben gehört haben. Jeremia sieht einen erwachenden Zweig. Und das Stichwort vom Erwachen spielt darauf an, dass Gott es ist, der wacht – über sein Wort und darüber, dass wahr wird, was es ansagt.

Auch von den Zeiten, in denen Jeremia Prophet war, kann man kaum sagen: Alles gut! Es sind Krisenzeiten und Kriegszeiten. Es sind Zeiten, in denen sich das Ende der vertrauten politischen Ordnung spürbar ankündigt. Und am Ende wird auch Jeremia zu den Verschleppten und Geflüchteten, vermutlich auch zu den Getöteten gehören. Seine Spur verliert sich.

Als Gott ihn mit dem Amt des Propheten betraut – für Jeremia ist es ein Amt, das fortan sein Leben bestimmt. Eher gepackt ist er als hingerissen. Eher ein Prophet wider Willen als ein Künder neuer Zukunft. 

Und doch gibt es Faszinierendes, und doch gibt es Wegmarken seiner Existenz, die hilfreich sind. Jeremia ist kein selbsternannter Ankündiger einer heillosen Zukunft. Jeremia deutet die Zeichen der Zeit. Und er deutet sie so, dass er die Zeit als eine verstehbar macht, die sie nicht als Zeit ohne Gott erscheinen lässt.

Wenn nicht alles gut ist, heißt das nicht, dass Gott in der Welt außen vor ist.
Wenn nicht alles gut ist, heißt das nicht, dass Gott sich an seiner Welt abarbeitet.
Wenn nicht alles gut ist, heißt das nicht, dass es keinen Weg dahin gäbe, vieles – solange es noch nicht gut ist – doch besser zu machen.

Aufs Ganze gesehen ist auch Jeremia ein Prophet der barmherzigen Worte. Mitten im drohenden Untergang sieht er - und sei‘s noch so verborgen - die Zeichen der Zukunft, die Gott für diese Welt bereit hält.

Wie der Zweig und die Blütenpracht, die da von Neuem aufbrechen, wird am Ende auch das Wort Gottes ein wachendes und bewahrendes sein. Was Jeremia sehr in Gott selber festmacht, wendet Schalom Ben Chorin mutig in den Alltag der Welt. Der Mandelzweig, der nach jedem Winter von Neuem aufbricht, er wird zum Boten der Hoffnung. Das Ausbleibend der Hoffnung, des „Alles Gut!“ – es beschreibt nur einen Übergang. „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Von Oscar Wild soll dieser Satz stammen. Aber auch wenn das gar nicht stimmen sollte – diese Satz enthält das ganze Evangelium in weltlicher Sprache.

Jeremia hat das gewusst. Und genauso sicher auch der jüdische Theologe Schalom Ben Chorin. Nicht darum geht es, die Welt schön zu reden. Sondern darum, die Ahnung in der Welt zu halten, dass die gegenwärtige Ansicht der Welt noch lange nicht ihre Aussicht beschreibt.

Die zarte rosa Farbe der Mandelblüte und der zarte sanfte Ton der Ansage der Guten Nachricht – sie stehen in einem Verhältnis der gegenseitigen Deutung. Nein, die gute Zukunft lässt sich nicht ansagen mit Pauken und Trompeten. Eher im leisen Säuseln und Wehen des Wind of Change. Die gute Zukunft lässt sich auch nicht einfach beschwören. Dazu müssen wir erst selber viel mehr dazu beitragen, die Gegenwart erträglicher und glaubwürdiger zu gestalten.

Wir sind nicht allein, wenn es darum geht, uns die Welt angelegen sein zu lassen. Gott lässt uns nicht ohne die Botschaft, dass wir umkehren können. Mitten im Alten. Gott lässt uns nicht ohne die Ansage einer neuen Zeit, wenn uns die alten immer noch den Atem nehmen will. Der Ort, an dem das möglich ist, das ist die Kirche. Die Kirche ist so etwas wie die exemplarische Vorwegnahme der Welt, wie sie nach Gottes Willen sein soll.

Um diese neue Welt Gottes anzusagen, braucht es Menschen, die bereit sind, diese Aufgabe zu übernehmen. Um diese neue Welt Gottes anzusagen, lassen sich Menschen in diese Aufgabe rufen. Als Propheten wie Jeremia und die anderen, die wir kennen. Als Pfarrerinnen und Pfarrer. Als Menschen in anderen Berufsbildern. Als Gemeindediakoninnen oder Gemeindediakone. Als Kantorinnen oder Kantor. Als Erzieherin oder Erzieher in einer Kita.

Ob Dekanin oder Prälat. Ob Landesbischof oder Mitarbeiterin oder Mitarbeiterin oder Mitarbeiter im Evangelischen Oberkirchenrat. Ob Menschen, die das beruflich oder im Ehrensamt tun. Zuletzt geht es nie darum, das Überleben der Institution Kirche zu sichern. Zuletzt geht es immer darum, den wiederaufblühenden Mandelzweig in den Blick zu rücken. 

Gottes Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass Gott über sein Wort wacht. Dass Gott will, dass wir alle Zukunft haben.

Alles gut! Dieser Satz ist nicht aus der Welt. Alles gut! Deshalb sind wir da an diesem Synodenabend. Auch wenn wir wählen. In einer Welt, in der noch lange nicht alles gut ist. Aber getragen vom Glauben, dass die Blütenzweige unseres Lebens blühen. Schon heute. Und für immer. Weil wir nicht allein unterwegs sind. Im Glauben also wirklich: Alles gut! Schon jetzt. Gerade weil es noch nicht das Ende ist. Amen.

Über mich

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat, Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, liest und schreibt gern.